NRW: Firmen lackieren ihre Autos wie Streifenwagen - Reul kritisiert falsche Polizeiautos

NRW-Innenminister kritisiert falsche Polizeiautos : Immer mehr Firmenwagen im Polizei-Look unterwegs

Immer mehr Firmen lassen ihre Autos im Polizei-Look lackieren: Das ist erlaubt, aber nicht gerne gesehen. NRW-Innenminister Herbert Reul räumt ein: „Zurzeit haben wir keine Handhabe dagegen.“

Die Polizisten, die vor einiger Zeit bei einer Verkehrskontrolle mit Schwerpunkt Alkohol und Drogen im Kreis Flensburg eingesetzt waren, dürften wohl zunächst geglaubt haben, sie seien selbst im Vollrausch. Denn ein vermeintlicher Streifenwagen, der auf sie zufuhr, entpuppte sich auf den zweiten Blick als „Spaßmobil“. Statt des gewohnten Schriftzugs stand nämlich der Buchstabendreher „Pozilei“ auf beiden Türen des Fahrzeugs zu lesen. Dass die Insassen auch noch Rauschmittel konsumiert hatten, fiel da fast schon weniger ins Gewicht.

Es ist nicht der einzige Fall von „Etikettenschwindel“ mit dem Begriff Polizei – die zunehmende Verwendung von Farben und Symbolen der Ordnungshüter in anderen Zusammenhängen löst inzwischen selbst in Regierungskreisen einiges Kopfschütteln aus. „Die Innenminister-Konferenz der Länder hat sich mit diesem Thema bereits beschäftigt“, berichtet NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) auf Anfrage unserer Redaktion. Ergebnis: „Wir haben keine Handhabe dagegen.“

Wie leicht eine solche Lackierung tatsächlich zu bekommen ist, zeigt ein Anruf bei einer Hildener Autolackierer-Werkstatt. Der vermeintliche Kunde fragt, ob die Firma sein Auto in Polizei-Optik lackieren kann. „Kein Problem“, versichert der Kfz-Meister am Telefon: „Sie müssen nur darauf achten, dass nirgendwo das Wort Polizei auftaucht. Aber die blauen Streifen und alles andere können wir gerne anbringen.“ Angebot für eine Komplettlackierung: etwa 3000 Euro, je nach Fahrzeuggröße.

Immer mehr Privatleute, aber auch Firmen nutzen das Überraschungsmoment, das ein Fahrzeug in Polizei-Optik hervorruft, für eigene Werbezwecke. In der Stadt Leichlingen beispielsweise ist Maler Lutz Gusowski inzwischen daran gewöhnt, dass Autofahrer, die ihm entgegenkommen, abrupt in die Bremse steigen oder blitzschnell das Handy vom Ohr nehmen.

Ein bisschen Absicht stecke durchaus hinter der Lackierung, sagt der Unternehmer. Denn die Wiedererkennungswerte für seinen Betrieb seien extrem hoch. „Mein Auto prägt sich einfach ein“, merkte Gusowski unlängst in einem Interview mit unserer Redaktion an. Statt des Schriftzugs „Polizei“ prangt seine Internetadresse auf der Motorhaube. Auch auf den blauen Streifen der Seite der Karosserie steht „maler-nrw.de“.

Auch der Düsseldorfer Polsterer Lothar Gläser nutzt einen Firmenwagen in der Optik der Ordnungshüter – nur dass bei ihm Polizei durch das Wort „Polsterei” ersetzt wird: „Es kommen schon viele Leute auf mich zu, wenn sie den Wagen sehen. Die Reaktionen auf mein Auto waren aber bis jetzt durch die Bank weg positiv.“ Durch die Lackierung habe er auch mehr Kunden bekommen, berichtete Gläser.

In der Hildener Autowerkstatt weist man Interessenten vorsorglich darauf hin, dass die blauen Streifen nicht reflektieren dürfen und eben auch das Wort Polizei nirgendwo auftauchen darf: „Ansonsten ist alles legal.“

Das mag zutreffen. Aber ist es auch wünschenswert? Ulrich Löhe ist Sprecher der Polizei im Kreis Mettmann. Er sagt: „Ich persönlich finde das einfach nur unmöglich.” Der Werbegag sei nur eine Seite der Medaille: „Aber ich möchte die Leute mit solchen Autos mal erleben, wenn sich Bürger in Not plötzlich an sie wenden, weil sie glauben, sie hätten es mit Polizei zu tun. Da hört der Gag ganz schnell auf.”

Michael Mertens, Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft GdP, ergänzt: „Mit solchen Autos wird man etwa am Wochenende abends in Köln oder Düsseldorf ganz schnell auch mal zum Ziel von Randalierern, die es auf die Polizei abgesehen haben. Auch solche Effekte sollten sich die Inhaber vor Augen führen.“

Allerdings nimmt Mertens die Behörden nicht gänzlich aus der Verantwortung heraus: „Zum einen fahren viele städtischen Ordnungsämter inzwischen in Polizeioptik durch die Straßen“, betont er. Zudem seien früher ausgemusterte Polizeifahrzeuge ja auch einfach weiterverkauft worden. Und ein Großteil der Lackierung sei dabei erhalten geblieben.

„Aber eben nicht die entscheidenden Stellen, die auf die Polizei hindeuten“, hält Minister Reul dagegen. Er appelliert vor allem an die Vernunft: „Muss man wirklich jeden Werbegag mitmachen?“, fragt er. Spätestens, wenn sich Gewalt auf der Straße gegen das vermeintliche Polizeifahrzeug richte, wie es an den Wochenenden in einigen Großstädten schon mal vorkommt, sei für manchen Spaßvogel nämlich Schluss mit lustig.

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