NRW: Erstes Lagebild für Clan-Kriminalität - 14.000 Delikte in 3 Jahren

Erstes Lagebild für NRW : In Clans ist jeder Dritte Deutscher

Erstmals legt das Landeskriminalamt ein sogenanntes Lagebild vor. Demnach sind in NRW 104 kriminelle Clans aktiv. Auf ihr Konto gehen seit 2016 mehr als 14.000 Straftaten. Viele der Täter sind Deutsche.

In Nordrhein-Westfalen gibt es nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) 104 sogenannte kriminelle Familienclans. „Jahrelang wurden die Hinweise der Bürger zu diesem Problem geflissentlich ignoriert. Damit ist nun endlich Schluss “, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bei der Vorstellung des ersten Lagebildes über kriminelle Clans in NRW am Mittwoch. Die Sicherheitsbehörden gehen demnach von einer Mitgliederstärke von zusammengerechnet rund 6500 Personen aus, „wobei nicht alle Angehörigen kriminell sind“, wie Thomas Jungbluth, leitender Kriminaldirektor beim LKA, betonte.

Nach Darstellung des 30 Seiten umfassenden Berichts haben Clanmitglieder in den vergangenen drei Jahren rund 14.225 Straftaten in NRW begangen. 6449 tatverdächtige Personen wurden identifiziert. Die Ermittler vermuten jedoch, dass die tatsächliche Zahlen noch deutlich höher liegen und es eine hohe Dunkelziffer gibt. Dabei gehen allein 20 Prozent der Straftaten auf das Konto von nur zwei Clans; und sechs Prozent sogenannter Intensivtäter sind für rund ein Drittel aller Straftaten verantwortlich. Zudem gab es zwischen 2016 und 2018 insgesamt 26 Tötungsdelikte, wobei zwei der Opfer tatsächlich ums Leben kamen. 20 Prozent der Tatverdächtigen sind Frauen. „Das hat uns überrascht“, sagte Jungbluth.

Auffällig ist auch, dass 36 Prozent der Tatverdächtigen deutsche Staatsbürger sind. „Das ist die Generation, die hier geboren wurde. Sie tritt auch wesentlich aggressiver auf, protzt auf der Straße“, sagte Jungbluth. Es folgen Libanesen (31 Prozent), Türken (15 Prozent) und Syrer (13 Prozent). Die übrigen fünf Prozent der Tatverdächtigen sind entweder staatenlos oder es liegen über deren Herkunft keine Angaben vor.

Nach wie vor ist von der Clankriminalität vor allem das Ruhrgebiet betroffen. Essen ist die Stadt mit den meisten kriminellen Clanangehörigen, gefolgt von weiteren Ruhrgebietsstädten. Aber auch der Raum Mettmann ist vergleichsweise stark betroffen.

Nach Angaben des LKA betreiben die Clans unter anderem Rauschgifthandel, Glücksspiel und Sozialleistungsbetrug sowie äußerlich legale Geschäfte wie Autohandel, Sicherheitsdienstleistungen (vor allem Türsteher) und Schlüsseldienste. Diese geschäftlichen Aktivitäten dienen dem Innenministerium zufolge meistens dem Ziel, zu betrügen, Geld zu waschen oder diverse kriminelle Vorhaben zu tarnen. „Das sind schon Mafiastrukturen und Parallelwelten, in denen die Missachtung von Recht und Gesetz von einer Generation auf die nächste weitergegeben wird“, sagte Reul.

Die Clans in NRW pflegen nach Erkenntnissen des LKA Kontakte zu anderen kriminellen Großfamilien in Bremen, Niedersachsen und Skandinavien (Schweden und Dänemark) sowie zu den bundesweit berüchtigten Clans in Berlin. Sie alle seien auf legalen und illegalen Geschäftsfeldern tätig. Zudem unterhalte auch der berüchtigte Berliner Abou-Chaker-Clan Kontakte nach Nordrhein-Westfalen, spiele hier allerdings eher eine untergeordnete Rolle.

Das Lagebild zur Clankriminalität soll nun in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden. Reul kündigte an, weiter hart gegen die Clans vorzugehen. „Bei uns gilt nicht das Gesetz des Clans, sondern das des Staates“, sagte Reul.