Häftling flieht aus JVA Gelsenkirchen: Nach Flucht: Kritik an Sicherheit in Gefängnissen

Häftling flieht aus JVA Gelsenkirchen : Nach Flucht: Kritik an Sicherheit in Gefängnissen

Die Polizei sucht nach einem Schwerverbrecher, der Mittwochmorgen aus der JVA Gelsenkirchen geflohen ist. Der Mann gilt als gefährlich. Er hatte mindestens einen Komplizen. Es war bereits der dritte Gefängnisausbruch in diesem Jahr.

Eigentlich ist die Justizvollzugsanstalt (JVA) Gelsenkirchen so etwas wie ein Vorzeigegefängnis in NRW. Die Anstalt, die im August 1998 in Betrieb genommen worden ist, verfügt über modernste Sicherheitsstandards. Bis auf eine Massenschlägerei unter Häftlingen vor zwei Jahren hat es keine besonderen Vorkommnisse gegeben. Viele Gefängnisdirektoren haben Gelsenkirchens JVA-Chef Carsten Heim beneidet, weil aus seiner Einrichtung noch nie ein Insasse geflohen ist - bis gestern Morgen.

Da bricht um 5.30 Uhr plötzlich an einem Sicherheitszaun, der mit einem Berührungssensor versehen ist, der Alarm los. Ausgelöst hat ihn ein 30 Jahre alter Häftling, der aus seiner Zelle im Erdgeschoss getürmt ist. Als die Beamten realisieren, was vor sich geht, sitzt der Straftäter bereits in einem Fluchtwagen, mit dem ein Komplize vor den Gefängnismauern auf ihn gewartet hat.

Die Polizei leitet sofort eine Großfahndung ein, errichtet Straßensperren und veröffentlicht ein Fahndungsfoto von dem Mann. Zudem suchen Hubschrauber aus der Luft nach ihm. Doch vergebens. Bis zum Abend bleibt er verschwunden. Direkt an die JVA grenzt ein Naturschutzgebiet. Dort habe sich seine Spur verloren, heißt es. Es wird vermutet, dass er sich nicht mehr im Raum Gelsenkirchen aufhält und versuchen wird, sich ins Ausland abzusetzen.

Die JVA in Gelsenkirchen: Hier konnte der Gefangene entkommen. Foto: dpa, dpa

Häftling windet sich durch Gitterstäbe

Der Gesuchte, ein Deutsch-Russe, wurde 2007 wegen Tankstellenüberfällen, Körperverletzung und Betrug zu acht Jahren Haft verurteilt. Seit Anfang 2011 verbüßt er seine noch bis September 2015 dauernde Strafe in der JVA Gelsenkirchen. Anschließend sollte der drogenabhängige Mann in eine Entzugseinrichtung verlegt werden. "Er ist mit Sicherheit nicht ungefährlich", sagt ein Sprecher des Justizministeriums. Der 30-Jährige hatte den Ermittlungen zufolge das Fenstergitter seiner Zelle zersägt. "Aufgrund seiner schmalen Statur konnte er dann durch die Öffnung schlüpfen", erklärt ein Polizeisprecher.

Ein Insasse, der mit ihm in der Zelle saß, blieb zurück. Es hieß, er sei zu dick gewesen, um durch das Fenster zu klettern. Der 30-Jährige rannte dann allein über den Hof zur Gefängnismauer. Dabei musste er den Sicherheitszaun (4,50 Meter) überwinden, der den Alarm auslöste. Über die 5,50 hohe Mauer konnte er schließlich mithilfe einer Leiter klettern, die ein Komplize ihm von draußen herübergeworfen hatte. Unklar ist noch, mit welchem Gegenstand er das Gitter zersägt hat und weshalb das Werkzeug von den Aufsehern unentdeckt blieb.

Nach Einschätzung von Peter Brock, NRW-Vorsitzender vom Bund der Strafvollzugsbediensteten, muss der Ausbruch so "blitzschnell" vonstatten gegangen sein, dass die Aufseher nicht mehr rechtzeitig reagieren konnten. "Von der Technik her ist die JVA Gelsenkirchen sehr gut ausgestattet", betonte Brock. Aus seiner Sicht könne den Beamten kein Vorwurf gemacht werden. "Dafür liegen mir derzeit keine Erkenntnisse vor."

347 Häftlinge entkamen zeitweise

Bei dem Fall handelt es sich um den dritten Ausbruch aus einem NRW-Gefängnis in diesem Jahr (siehe Info-Kasten). Zählt man die Fälle hinzu, bei denen Häftlinge bei Haftlockerungsmaßnahmen entwischt sind, kommt man auf deutlich höhere Zahlen. So sind allein seit Juli 2012 bis Anfang dieses Jahres im NRW-Strafvollzug 374 Häftlinge in die Freiheit entkommen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen wurden alle wieder eingefangen. Durch den neuerlichen Ausbruch gerät Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) in Erklärungszwang.

Jens Kamieth, rechtspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, wirft dem Minister vor, "seinen Geschäftsbereich nicht im Griff zu haben". Kamieth fordert eine schnelle Aufklärung des Sachverhalts. Er wolle wissen, weshalb der Häftling problemlos einen Elektrozaun überwinden konnte. "Zudem stellt sich die Frage, warum die Öffentlichkeit erst durch Nachfragen der Presse von dem Vorfall erfahren hat." Seine Kritik steht im Zusammenhang mit einer Reihe von Sicherheitspannen in NRW-Gefängnissen in den vergangenen Jahren. Besonders um die JVA Bochum hatte es nach zwei gelungenen und einem gescheiterten Ausbruch Diskussionen um Sicherheitslücken gegeben.

(RP)
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