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Entsetzen über den Fall Viersen: Mutmaßlicher Kinderschänder wieder frei

Entsetzen über den Fall Viersen : Mutmaßlicher Kinderschänder wieder frei

Die Freilassung eines mutmaßlichen Kinderschänders aus Viersen erhitzt die Gemüter. NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter schließt disziplinarrechtliche Schritte gegen die Staatsanwaltschaft nicht aus.

Für Heinz Hilgers ist der Vorgang "unfassbar". Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes spricht von einer "Katastrophe für die missbrauchten Kinder und deren Eltern". Deren Leid könne niemand ermessen, so Hilgers zu unserer Zeitung. Betroffen zeigte sich auch NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) über die Freilassung des mutmaßlichen Kinderschänders aus Viersen. Der 58-Jährige, der seit September 2008 in Untersuchungshaft saß, musste am Mittwoch — nach neun Monaten — auf Veranlassung des Oberlandesgerichts (OLG) Düsseldorf freigelassen werden, weil die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach nicht zügig genug gearbeitet habe..

Die Polizei sei über seine Entlassung informiert worden und habe "geeignete Maßnahmen ergriffen", so die Ministerin auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz mit dem Düsseldorfer Generalstaatsanwalt Gregor Steinforth. Angeblich soll der 58-Jährige wieder in das Haus im Viersener Stadtteil Süchteln eingezogen sein, in dem er zuvor gewohnt hat. Dort und im Umfeld sollen mehrere der missbrauchten Kinder wohnen, heißt es. "Den Opfern sind und werden alle möglichen Hilfen und Unterstützungen zuteil", versicherte unterdessen die Kreispolizei Viersen. Die Familien seien "auf die Freilassung und damit mögliche Konfrontationen mit dem Mann vorbereitet" worden. Nach Informationen unserer Zeitung wurden dafür zahlreiche Beamte abgestellt.

Schon in den 70-er Jahren soll der Viersener, der als "kinderlieb" galt, wegen Kindesmissbrauchs auffällig geworden sein. Zu den neuerlichen Vorwürfen hülle sich der Mann in Schweigen, so Müller-Piepenkötter. Ein Gutachten stufe ihn als voll schuldfähig ein. Doch genau wegen dieses Gutachtens kam der Stein ins Rolle. Es sei von der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach zu spät in Auftrag gegeben und nicht zügig genug erstellt worden, moniert das OLG. Nachdem neun Monate verstrichen seien, müsse der Mann freigelassen werden. Rechtsmittel dagegen sind laut Müller-Piepenkötter nicht möglich. Das bedeutet aber nicht, dass der mutmaßliche Kinderschänder seiner Strafe entgeht. Die Staatsanwaltschaft hat am 3. Juni 2009 Anklage erhoben; wann es zur Verhandlung vor dem Landgericht Mönchengladbach kommt, ist unklar. Im Gespräch ist der August. Im Falle des Vierseners bestehe Fluchtgefahr, so Steinforth.

Ob die Staatanwaltschaft wirklich schludrig gearbeitet hat, soll jetzt geprüft werden. Die Justizministerin hat eine Kommission eingesetzt und schließt disziplinarrechtliche Schritte nicht aus. Die Justiz sei zwar personell "nicht auf Rosen gebettet", so Generalstaatsanwalt Steinforth, aber Arbeitsüberlastung dürfe kein Grund dafür sein, eine Haftsache nicht vorrangig zu behandeln. Im Zweifelsfall müssten eben andere Verfahren zurückgestellt werden. Das "Beschleunigungsgebot" sei jedenfalls unbedingt einzuhalten.

Monika Düker (Grüne) warnt jedoch davor, der Staatsanwaltschaft die Schuld zuzuweisen. "Die Ermittlungsbehörden sind überlastet", sagte sie unserer Zeitung. Viersens Bürgermeister Günter Thönessen meint dennoch: "Es kann nicht sein, dass eine Staatsanwaltschaft neun Monate ins Land gehen lässt. Der psychische Schaden für die betroffenen Kinder ist bereits jetzt unermesslich." Auch Justizministerin Müller-Piepenkötter findet die Vorgänge "unerträglich".

(RP)