Mutmaßliche IS-Terroristin Derya Ö. erzählt vom Leben in Syrien

Prozess in Düsseldorf : Derya Ö. und ihr Weg vom Bordell ins Kalifat

Eine 27-Jährige aus Bochum steht in Düsseldorf vor Gericht. Der Generalbundesanwalt wirft ihr vor, an Kriegsverbrechen in Syrien beteiligt gewesen zu sein. Sie sagt, sie wollte nur zu ihrem späteren Mann: einem Terroristen des Islamischen Staats.

Als der Islamische Staat (IS) in Rakka das Kalifat ausruft, ist Derya Ö. gerade auf dem Weg zum Mittagessen. Plötzlich schießen in der syrischen Stadt die Soldaten in die Luft. Sie fragt ihren Mann, ob das etwas Schlechtes sei. Er sagt, es sei etwas Gutes. Sie glaubt ihm. Das hat sie immer getan. Derya Ö., damals 22 und schwanger, zieht ihre Waffe. Sie hält den Lauf in den Himmel, drückt ab. Dann ist sie froh.

So erzählt Derya Ö. die Geschichte heute. Die 27-Jährige sitzt in einem Gerichtssaal im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts und berichtet, wie aus einem jungen Mädchen die Frau eines IS-Kämpfers wurde. Wie sie von der Zwangsprostitution in die Rocker-Szene und schließlich ins Kalifat gerät. Der Generalbundesanwalt wirft Derya Ö. unter anderem Kriegsverbrechen und die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Zudem soll sie anderen deutschen Frauen in Syrien einen Sprengstoffgürtel zum Kauf angeboten haben. Ihr drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Die Angeklagte hatte zu Prozessbeginn angekündigt, umfassend über ihr Leben und ihre Zeit in Syrien auszusagen. Derya Ö. wächst in Bochum auf, die Eltern kamen vor ihrer Geburt aus der Türkei, aber der Islam spielt in der Familie keine Rolle. Der Vater trinkt, er schlägt erst die Mutter und dann Derya. Mit 17 bricht sie ohne Abschluss die Schule ab und trifft sich mit einem Mann, der ihr später sagt, dass er Mitglied der Hells Angels ist. Der Rocker zwingt sie, Sex mit fremden Männern zu haben. Derya ist da immer noch 17. Der Zuhälter nimmt ihr das Geld weg und verprügelt sie immer wieder. „Als ich angefangen habe, anschaffen zu gehen, ist etwas in mir gestorben“, sagt Derya mit leiser Stimme. Vier Jahre lang lebt sie bei dem Rocker, sie nehmen zusammen Kokain. Irgendwann, erzählt sie, sei sie nur noch eine Drogenleiche gewesen.

2013 ändert sich Deryas Leben. Sie schafft es raus aus der Prostitution und lernt auf Facebook Mario S. kennen. Einen Boxer und Rapper aus Leverkusen. Er erzählt wenig vom Islam und viel von Syrien. Sie liebt es, wie er auf den Fotos, die er schickt, mit der Kalaschnikow und der IS-Uniform posiert. Derya fragt, ob er verheiratet ist. Mario S. sagt Nein, also reist sie zu ihm. In den syrischen Krieg. Sie nimmt eine Maschine von Düsseldorf nach Istanbul, von dort aus fährt sie weiter zur syrischen Grenze und überquert mit der Hilfe von Schleppern den Stacheldrahtzaun. Am IS-Kontrollpunkt geben ihr Soldaten einen Schleier, sie muss sich verhüllen. Jetzt ist Religion doch ein Thema.

Damit Derya nicht ins Frauenhaus muss, heiratet sie Mario S. gleich am ersten Tag. Sie verbringen ihre erste Nacht in einem Keller, über den ihr Ehemann sagt, man habe dort Leute gefoltert. „Wir haben unsere Matratzen dorthin gelegt, an den Wänden war Blut, von den Decken hingen Ketten“, sagt Derya. Mario S. arbeitet für den IS, erst als Polizist, später als Ausbilder von neuen Rekruten für den Krieg.

Zwei Jahre später, im März 2015, wird der gemeinsame Sohn geboren. Immer öfter kommt es zum Streit zwischen Derya und ihrem Mann. Sie trennt sich und wird die Zweitfrau des IS-Kommandeurs Abu Salahuddin. Als er von einer Drohne getötet wird, geht sie zurück zu Mario. Zusammen reisen sie in den Irak, dort wohnen sie in zerbombten Hotelzimmer. Eines Tages tauchen zwei IS-Polizisten auf, die Mario Handschellen anlegen. Er wird gefangen genommen und solange gefoltert, bis er nicht mehr laufen kann. Offenbar verdächtigte ihn der Islamische Staat, spioniert zu haben. Zwei Tage später wird Mario S. getötet.

Derya flieht mit ihrem Sohn und einer Freundin zurück in die Türkei. Dort werden sie festgenommen und in Abschiebehaft genommen. 2017 schiebt die Türkei sie nach Deutschland ab.

Der Prozess wird im Oktober fortgesetzt. Ein Urteil wird spätestens am 17. Dezember erwartet.

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