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Münster: Kindesmisshandlung - "Unvorstellbar, was Polizisten sich angucken müssen"

Ermittler bei Kindesmissbrauch : „Unvorstellbar, was Polizisten sich angucken müssen“

Ingo Wünsch leitet die Stabsstelle gegen Kindesmissbrauch des Landes NRW. Der erfahrene Ermittler geht davon aus, dass künftig mehr Fälle wie Lügde, Bergisch Gladbach und Münster bekannt werden.

Herr Wünsch, ist Münster die Spitze des Eisbergs?

Ingo Wünsch Ich finde die Formulierung falsch. Man muss das anders sehen. Wir werden noch ganz viele Eisberge finden. Münster ist also nicht die Spitze eines Eisberges, sondern es gibt davon furchtbar viele – und das weltweit. Das ist meine feste Überzeugung.

Seit einem Jahr leiten Sie die Stabsstelle gegen Kindesmissbrauch. Hätten Sie mit so vielen Fällen von Kindesmissbrauch gerechnet?

Wünsch Mit Übernahme der Stabsstelle war für mich klar, dass in dem Bereich viel passiert. Aber dennoch hat das erste Jahr Politik, Gesellschaft, Öffentlichkeit und Polizei Aspekte in einer Dimension vor Augen geführt, die auch meine Vorstellungskraft bisher nicht hergeben hat. Das muss ich deutlich sagen.

Lügde, Bergisch Gladbach und jetzt Münster. Gibt es in Deutschland besonders viel Kindesmissbrauch?

Wünsch Deutschland ist mit Sicherheit nicht pädokrimineller als andere Länder. Ich bin mir sicher, dass es Verfahren wie Bergisch Gladbach und Münster auch in anderen Ländern und international geben wird. Schon wenn man die Sachverhalten Bergisch Gladbach und Münster betrachtet, zeigen sich ja die Verbindungen in andere Bundesländer. Nur die Ausgangspunkte der Sachverhalte liegen derzeit jeweils in NRW. Das spricht für die gute Arbeit der Polizei in NRW. Wir sind in der Bearbeitung wesentlich qualifizierter, tiefer und genauer geworden. Das Anzeigeverhalten in dem Bereich ist größer geworden, Opfer wenden sich mittlerweile häufiger selbst aktiv an die Polizei, weil Opfer erkannt haben, dass sie tatsächlich Hilfe bekommen, wenn sie sich an die Polizei wenden. So schrecklich diese Dinge sind, es ist gut, dass sie ans Tageslicht gezogen werden. Das sind sehr gute Ergebnisse, die ich auch mit der Arbeit der Stabsstelle verbinde.

Was genau macht ihre Stabsstelle?

Wünsch Die Zielrichtung der Stabsstelle ist es zunächst gewesen, sich strategisch um das Thema zu kümmern und durchaus selbstkritisch eine Bestandsaufnahme zu machen. Daraus sollten Schlüsse gezogen werden, wie Polizei in dem Bereich besser arbeiten kann und muss. Und wie kann man Netzwerkarbeit nach vorne bringen, das heißt mit anderen Instituten und Behörden zusammenarbeiten. Wie kann man den Bund-Länder-Verbund bei dem Thema stärken und vor allem, welche rechtlichen Aspekte müssen vielleicht neu definiert und angepasst werden. Diese Aufgabe, Handlungsempfehlungen zu entwickeln und in die Umsetzung zu bringen, hat die Stabsstelle erfüllt. Das ist fertig. Alles Weitere ist die operative Weiterentwicklung und findet in einem neuen, speziellen Referat in der Polizeiabteilung statt. Damit ist gewährleistet, dass diese Aufgabe dauerhaft organisatorisch im Innenministerium fest verankert ist. Eine solche Stabsstelle ist mir bundesweit in dieser Ausgestaltung nicht bekannt.

Gibt es mehr Fälle oder werden nur mehr aufgedeckt?

Wünsch Wir haben auf jeden Fall mehr Kinderpornografie, weil das Internet wie ein Katalysator wirkt. Die Verfügbarkeit an Missbrauchsabbildungen ist enorm und die Datenmengen unvorstellbar groß. Man kann ohne Probleme an solches Material gelangen. Und diese Verfügbarkeit im Netz schafft natürlich potentielle weitere Täter. Das ist meine feste Überzeugung. Was den Anteil des sexuellen Missbrauchs angeht, bin ich auch der Überzeugung, dass diese starke Verfügbarkeit von Missbrauchsabbildungen dazu führen kann, Phantasien zu wecken und zu forcieren, die dann vielleicht auch zur Umsetzung kommen können. Diese Verfügbarkeit ist daher meiner Meinung nach auch ein perfider Antrieb für sexuellen Missbrauch potentieller Täter, was zu mehr Fällen führt.

Reichen die rechtlichen Befugnisse aus?

Wünsch Täter müssen sich in der digitalen Welt genauso unsicher fühlen, wie in der analogen Welt. Rechtlich gesehen, sind wir da in diesem Jahr schon deutliche Schritte nach vorne gekommen. Es ist Ermittlungsbehörden jetzt erlaubt, in bestimmten Fällen computergeneriertes kinderpornografisches Material einzusetzen, die sogenannte Keuschheitsprobe. Denn man kommt in die Chats im Darknet, in denen sich die Täter austauschen, nicht rein, ohne auch Material zu liefern. Und das muss auch unbekanntes Material sein, um im Chat interessant zu sein. Aber uns gehen immer noch sehr viele Hinweise auf mögliche Täter verloren, weil wir IP-Adresse nicht mehr ermitteln können.

Immer mehr Fälle. Reicht das Personal aus?

Wünsch Wir haben das Personal für diesen Bereich in den letzten zwölf Monaten nahezu vervierfacht und entwickeln uns technisch enorm weiter. Je mehr Prozesse man automatisieren kann, desto weniger Personal braucht man. Das sehe ich aber auf Strecke noch nicht. Die Technik braucht noch etwas Zeit, bis sie soweit ist. Solange müssen wir ständig aufs Personal gucken. Bergisch Gladbach und Münster sind zum Beispiel Hotspot-Verfahren, die wir temporär überregional erheblich mit Personal stärken müssen, gleichzeitig haben wir aber noch die anderen Missbrauchsfälle. Das unter einen Hut zu bringen, ist eine große Herausforderung. Daher priorisieren wir Verfahren. Verfahren mit Hinweisen auf sexuellen Missbrauch gehen immer vor und werden sofort intensiv und umfassend bearbeitet – sie gehen insbesondere auch vor Verfahren, wo es um einen „Jäger und Sammler“ von kinderpornografischen Materials geht. Und dabei gibt es bei diesen unfassbaren Datenmengen immer das Risiko, einen noch andauernden sexuellen Missbrauch nicht sofort erkennen zu können. Aber Polizei ist nun mal auch ein Bewertungsberuf und wir müssen die Vielzahl der Fälle nach Kriterien priorisieren.

Wie belastend ist es, das kinderpornografische Material auszuwerten?

Wünsch Ich bin froh, dass wir Menschen in der Polizei haben, die sich mit dem Thema tagtäglich befassen, die sich tagtäglich furchtbarste Missbrauchstaten in Wort, Schrift, Bild, Video und Audio anschauen und anhören müssen. Das ist psychisch auf jeden Fall eine besonders belastende Arbeit.

Wie hält man so etwas aus?

Wünsch Fürsorge ist extrem wichtig, um die Kolleginnen und Kollegen muss sich intensiv gekümmert werden. Wir machen daher verpflichtende Maßnahmen in der psychologischen Betreuung. Dazu gehört auch, Ihnen in der Dienststelle einen Raum zu geben, um sich sozial austauschen zu können, wo man einfach sagen kann: So jetzt reicht es gerade. Es gibt Dienststellen, die haben ein Schlüsselwort. Wenn einer am Rechner sitzt und er sagt dieses Wort, dann wissen alle, der hat gerade etwas vor Augen, was ihn „aus der Kurve“ schmeißt. Es muss also ein sehr starkes Sozialgefüge geben mit einem sehr starken Aufpassen aufeinander und zueinander. Was sich da Menschen bei uns in der Polizei tagtäglich angucken müssen, ist schon unvorstellbar und verdient Respekt.

(csh)