Münster ein Jahr nach der Amokfahrt: „Die Wunden sind noch tief“

Münster ein Jahr nach der Amokfahrt : „Die Wunden sind noch tief“

Am 7. April 2018 wurden bei einer Amokfahrt in der Innenstadt von Münster vier Menschen getötet. Wie geht die Stadt heute damit um? Die Tat sei noch immer sehr präsent, sagen viele.

Die Innenstadt von Münster sieht nicht nur von oben betrachtet aus wie eine Modellbau-Siedlung, es ist fast schon märklin-haft pittoresk rund um den Prinzipalmarkt, der auch „Westfalens gute Stube“ genannt wird: Alte, aber herausgeputzte Häuser, enge Gassen, hohe Kirchtürme, schicke Menschen. Besonders am Wochenende ist hier viel los. Mitten hinein in diese Idylle rast am 7. April 2018 um kurz vor halb vier Uhr nachmittags ein silberner VW-Bus, am Steuer der Industriedesigner Jörg R. Auf der voll besetzten Terrasse des Restaurants „Großer Kiepenkerl“ in der Altstadt sterben zwei Menschen, zwei weitere erliegen ihren Verletzungen im Krankenhaus, mehr als 20 werden teils schwer verletzt. Als der Bus zum Stehen gekommen ist, schießt sich R. in den Kopf. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei. Und wirkt doch bis heute nach.

Knapp ein Jahr nach der Amokfahrt ist die Szenerie ganz ähnlich: Auf der Terrasse des gutbürgerlichen „Großen Kiepenkerl“ und des etwas edleren „Kleinen Kiepenkerl“ gleich nebenan bleibt kaum ein Platz frei, auch wenn die Frühlingssonne am Mittag lange noch nicht jeden Tisch erreicht. Viele Passanten bleiben stehen und machen Fotos, vom Kiepenkerl-Denkmal, das an fahrende Händler aus vergangenen Zeiten erinnert, von der mit roten Blumen geschmückten Fassade der Restaurants, von den Giebelhäusern, die sich die Straße entlangziehen.

Ein bisschen abseits der Stühle und Tische hat die Stadt vor einigen Wochen eine Platte in das Kopfsteinpflaster eingelassen. Schlicht, aus grauem, unbehandeltem Stahl, mit schnörkelloser Schrift: „Im Gedenken an die Opfer des 7. April 2018“. Wenn man nicht weiß, dass sie da ist, übersieht man sie leicht. Mancher hätte sich vielleicht einen prominenteren Platz gewünscht. „Die Gedenktafel soll gut lesbar sein, sich aber nicht aufdrängen“, heißt es dazu auf Anfrage von der Stadt.

Die Wirtin des Großen Kiepenkerl, Wilma von Westphalen vor ihrem Restaurant. Sie beklagt, dass zahlreiche „Katastrophen-Touristen“ das Lokal aufsuchen. Foto: dpa/Bernd Thissen

Ein älterer Herr, gesteppte Jacke, graumeliertes Haar, bleibt stehen und schaut sich die Platte an. Danach setzt er sich an einen Tisch und bestellt schwarzen Kaffee. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, sagt aber mit leicht westfälischem Einschlag: „Ich bin schon vorher oft hier gewesen, warum sollte ich nach der Tat eines Einzelnen nicht mehr herkommen?“

Nils Trunt führt gleich gegenüber ein Hörgeräte-Studio. Das Geschäft ist samstagnachmittags geschlossen, von der Amokfahrt erfuhr er zu Hause. Als „bedrückend“ beschreibt er die Stimmung rund um den Tatort in den Tagen und Wochen danach. Inzwischen habe sich der Platz aber seine Unbeschwertheit zurückgeholt, sagt Trunt, und ist darüber sichtlich froh.

Ein bisschen gewundert habe er sich schon, dass die Platte nicht beispielsweise am Kiepenkerl-Denkmal selbst angebracht wurde. Inzwischen findet Trunt aber auch das in Ordnung: „So werden die Opfer nicht vergessen, aber die Amokfahrt wird auch nicht zum bestimmenden Element.“ Ort und Platte seien das Ergebnis eines Austauschs zwischen Stadt, Anliegern und Angehörigen der Opfer, sagt dazu der Geschäftsführer des „Kleinen Kiepenkerl“, Moritz Ludorf.

Ein gutes Jahr nach der Tat sei das Geschehen wieder sehr präsent, so Ludorf, „für einige Mitarbeiter ist das nicht einfach“. Von der Juniorchefin des benachbarten „Großen Kiepenkerl“ heißt es, die Wunden seien noch tief, man wolle nicht zu viel über die Tat reden. Schon am Mittwoch danach hatten beide Restaurants wieder geöffnet. „Nach einem angemessenen zeitlichen Abstand muss auch nach einem solchen Ereignis die Normalität weitergehen“, sagt Bürgermeister Markus Lewe (CDU. Er habe die Stadtgesellschaft in den Tagen nach der Amokfahrt als sensibel und hilfsbereit, aber auch als nicht unnötig aufgeregt erlebt. Daran habe sich bis heute nichts geändert.

„Der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft war schon immer sehr stark“, sagt auch Moritz Ludorf. Jetzt stehe man noch enger zusammen. Wenn man an diesem frühlingshaften Tag durch die Gassen Münsters schlendert, kann man ihm eigentlich nur recht geben. Es ist das pralle Leben, die Zufriedenheit kann man beinahe mit den Händen greifen. Die fast 60.000 Studenten geben der historischen Stadt, die sich selbst gern als westfälische Metropole sieht, ein junges Gesicht. Der westfälische Friede wurde auch im Rathaus Münsters geschlossen, auf den Titel lebenswerteste Stadt der Welt von 2004 ist man hier bis heute stolz, und bei der Bundestagswahl 2017 holte die AfD in Münster ihr bundesweit schlechtestes Ergebnis.

Aber auch in einer Stadt wie Münster, so sagt es der gebürtige Münsteraner Lewe im April 2019, gibt es eben keine 100-prozentige Sicherheit. Man könne eine Stadt nicht komplett abriegeln, mit Sicherheitsmaßnahmen müsse man behutsam umgehen: „Es darf nicht sein, dass wir den Geist öffentlicher Räume nicht mehr zulassen.“

Zum Jahrestag am Sonntag hat die Stadt gemeinsam mit der NRW-Opferschutzbeauftragten Elisabeth Auchter-Mainz eine Feier organisiert, auch Vertreter der Landesregierung haben sich angekündigt. Laut eines Sprechers werden Justizminister Peter Biesenbach und Verkehrsminister Hendrik Wüst teilnehmen. In der Lambertikirche, nur wenige Hundert Meter entfernt vom Tatort, findet am Nachmittag ein ökumenischer Gottesdienst statt. Der „Kleine Kiepenkerl“ hat an diesem Tag wie immer ab 12 Uhr geöffnet.

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