Mülheim: Juden sagen Feier aus Angst ab

Lichterfest Chanukka: Jüdische Gemeinde in Mülheim sagt Feier aus Angst ab

Aus Sicherheitsgründen hat die jüdische Gemeinde in Mülheim das öffentliche Kerzenanzünden zum Lichterfest auf dem Synagogenplatz abgesagt. In Düsseldorf trotzt man der politischen Lage - und will draußen feiern.

Mehrere Hundert Menschen, die zusammen beten, singen und Kerzen in den Händen halten - das jüdische Lichterfest Chanukka hat in Mülheim seit vielen Jahren Tradition. Doch am Donnerstagabend blieb der Synagogen-Platz mitten in der Stadt leer. Die jüdische Gemeinde und die Stadt Mülheim hatten die Veranstaltung aus Sicherheitsgründen wegen der antisemitischen Proteste in Berlin abgesagt. Hintergrund ist die Entscheidung von US-Präsident Trump, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen. "Diese Absage ist uns sehr schwer gefallen", sagt Alexander Drehmann, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen. "Als jüdische Gemeinde in Deutschland bekommen wir jede Veränderung im Nahen Osten sofort zu spüren." Die Lage für Juden habe sich verschärft.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat den Gemeinden geraten, ihre Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen - was sich aber nicht konkret auf öffentliche Veranstaltungen bezog, wie eine Sprecherin mitteilte. Viele sind nervös, und so sagte Drehmann die Veranstaltungen in Mülheim, Duisburg und Oberhausen ab.

Oberbürgermeister bedauert die Absage

Chanukka werde aber trotzdem gefeiert, sagt er. Das Fest findet nun am 18. Dezember in der Duisburger Synagoge statt. Mülheims Oberbürgermeister Ulrich Scholten (SPD) bedauert die Absage. Der Stadt war es nicht möglich, die Veranstaltung kurzfristig ins Rathaus zu verlegen. "Dass ich nach 1945 erleben muss, dass eine religiöse jüdische Feier aus Sicherheitsgründen abgesagt wird, hätte ich nicht geglaubt", sagt Scholten. Das NRW-Innenministerium beobachtet die Lage "sehr genau", teilte ein Sprecher mit. Polizei und Staatsschutz liegen jedoch keine Hinweise vor, dass jüdische Einrichtungen derzeit gefährdet sind.

  • Antisemitismus : "Kaum jemand in Wuppertal traut sich, die Kippa offen zu tragen"

Andere jüdische Kultusgemeinden aus NRW haben Verständnis für die Absage in Mülheim. Dass Juden zu solchen drastischen Maßnahmen gezwungen seien, sei traurig, sagte Leonid Goldberg, Vorsitzender der Gemeinde in Wuppertal. Er hatte erst in dieser Woche im Zusammenhang mit der neuerlichen Verschärfung des Nahost-Konflikts beklagt, dass sich Juden kaum trauen, ihre Kippa offen zu tragen. Eine öffentliche Veranstaltung zum Lichterfest gibt es in Wuppertal nicht. Die dortige Gemeinde hatte am vergangenen Sonntag ihr 15-jähriges Bestehen gefeiert - wie viele andere Feste unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. "Es ist schrecklich, dass in Deutschland Synagogen immer noch bewacht werden müssen", sagt Goldberg.

"Ein Fest des Miteinanders"

Die Synagoge in Wuppertal liegt - wie die in Mülheim - mitten in der Innenstadt, neben der evangelischen Kirche. "Es ist nicht die Aufgabe der Juden zu protestieren, sondern unsere Aufgabe, die Stimme laut zu erheben", sagte der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, am Donnerstag am Rande einer Pressekonferenz. Am Abend kam der Düsseldorfer Oberrabbiner Raphael Evers zum Lichterfest in den NRW-Landtag. In Köln kann man den Entschluss der Mülheimer Gemeinde nachvollziehen. "Wir haben schon einmal eine Veranstaltung abgesagt - aber in diesem Jahr gab es für uns dafür keinen Grund", sagt Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogengemeinde in Köln und Vizepräsident des Zentralrats. Was die Sicherheit angeht, verlässt man sich in Köln auf die Einschätzung des Staatsschutzes.

In Kölns Altstadt wurden am Donnerstag traditionell die Chanukka-Kerzen angezündet, in Düsseldorf soll es ein ähnliches Fest am Sonntag auf dem Grabbeplatz geben. "Chanukka ist ein Fest des Miteinanders und der Freundschaft", sagt Herbert Rubinstein für die Gemeinde in Düsseldorf. "Nur der Schnee könnte uns in letzter Minute noch abhalten."

(hsr, heif, tor)