Mordprozess von Höxter: Nachbarn sagen aus - "Ich hätte nichts gesagt — keiner von uns"

Mordprozess von Höxter : "Ich hab noch gescherzt, die haben bestimmt Läuse"

Im Prozess um die tödlichen Misshandlungen von Höxter haben am Dienstag Nachbarn des angeklagten Ehepaares ausgesagt. Ein dumpfes Gefühl, dass in dem Haus etwas nicht stimmt, hatten einige. Gehandelt hat niemand.

Die Frau mit den langen Haaren sei "recht ansehnlich" gewesen, als sie im Frühjahr 2013 auf den alten Hof nach Höxter-Bosseborn zog, sagt ein Nachbar. "Aber dann hat man sie immer weniger gesehen", sagt der 50-Jährige. Das letzte Mal habe er sie Anfang August 2014 bemerkt. "Da war sie ganz heruntergekommen, gebrechlich, ihre Haare waren ganz kurz geschoren." Er sucht nach Worten und sagt: "Naja, man hat den Verfall der Frau wirklich gesehen."

Es war einer der letzten Tage im Leben von Anika W. Die 33-Jährige starb am 3. August 2014 auf dem Hof — zu Tode gequält von Wilfried und Angelika W., die sich wegen zweifachen Mordes vor dem Landgericht Paderborn verantworten müssen. Angelika W. hat die Taten gestanden, tagelang erzählte sie vor der Schwurgerichtskammer jedes einzelne Detail der grausamen Morde an zwei Frauen. Wilfried W. schweigt.

Im Prozess wurden nun die ersten Zeugen vernommen. Es sind Nachbarn des Paares, das 2010 in den Ort zog und sich dort als Geschwister ausgab. Der 50-jährige Zeuge lebte direkt nebenan. "Da war von Anfang an Krawall", sagt er. "Das waren komische Menschen." Einmal habe er abends gegen 22 Uhr ferngesehen, als er von nebenan ständig die Geräusche einer Kreissäge hörte. Er sei rüber gegangen und habe gesagt: "Wenn ihr jetzt nicht Ruhe gebt, rufe ich die Polizei." Kurz danach habe Angelika W. in Begleitung einer Frau Sturm geklingelt und sich fürchterlich aufgeregt. Dann sei Wilfried W. auf ihn zugestürmt. "Er hat mich gepackt und gewürgt."

Seine Frau war damals dabei. Sie sagt im Zeugenstand: "Ich werde seinen Gesichtsausdruck und den Blick nie vergessen. Seine Augen waren ganz weit aufgerissen. Ich konnte danach eine Woche nicht schlafen." Die Polizei haben sie nicht verständigt. "Wir hatten Angst, dass dann alle paar Tage die Autoreifen platt sind oder sonst was", sagt die 52-Jährige. "Wir haben nachgegeben, um unsere Ruhe zu haben."

Wilfried und Angelika W. verhielten sich nach außen nicht besonders ruhig oder betont unauffällig, während sie in ihrem Haus Anika W. erst misshandelten und später ihre Leiche zerstückelten und verbrannten. Und dann mit Susanne F. das nächste Opfer ins Haus holten und quälten, bis sie starb. Das Paar legte sich mit den Nachbarn an, wann immer es eine Gelegenheit dazu gab. "Das war pure Provokation und Tyrannei", sagt die Zeugin. Es sei vor allem darum gegangen, dass bloß niemand das Grundstück des Paares betrete. Ihre Schwiegermutter erzählt, dass sie sich mit einem unguten Gefühl immer eingeschlossen habe, wenn sie allein im Haus gewesen sei.

"Ich hab einmal nachgeschaut, ob das Auto meines Sohnes schon da ist", sagt die 74-Jährige. Angelika W. sei dann sofort angeschossen gekommen und habe wissen wollen, wo sie hingeguckt habe. Die Seniorin wirkt sehr aufgebracht, während sie auf die Fragen des Vorsitzenden Richters Bernd Emminghaus antwortet. Die Angeklagte Angelika W. (47) sucht an diesem Prozesstag immer wieder den Blickkontakt zu ihrem Ex-Mann, der etwa eineinhalb Meter entfernt von ihr sitzt. Sie lacht leise über einige Zeugenaussagen und es wirkt so, als wolle sie ihm ihre stille Verbundenheit über die Blicke zusichern.

Die Nachbarn sahen im Laufe der Jahre etliche Frauen ein- und ausgehen auf dem Hof nebenan. Einen Verdacht öffentlich gemacht hat niemand. Man war froh, wenn man nichts zu tun hatte mit Wilfried und Angelika W. Der 50-jährige Zeuge beschreibt eine Situation, die er vom Küchenfenster aus beobachtet hat: Angelika und Wilfried W. kamen damals mit Anika W. aus dem Haus. Die junge Frau war zu diesem Zeitpunkt schon deutlich von den Misshandlungen gezeichnet. "Sie konnte gar nicht mehr laufen, ist an der Treppe gestürzt", sagt der Nachbar. Angelika W. habe sie dann in den Bauch getreten und gesagt: "Los, steh auf, du faules Stück!" Wilfried W. habe der Frau dann aufgeholfen und sie ins Auto gebracht. Es sei dann schon auffällig gewesen, dass sie kurz darauf weg war.

Seine Familie und er hätten ab und zu Schreie gehört von nebenan. "Das waren aber die Tiere." Die hätten oft den ganzen Tag nichts zu fressen bekommen, weil das Ehepaar W. manchmal bis nachmittags geschlafen hätte. "Da hat auch mal ein Hund gejault, aber ich hab das immer ein bisschen ins Lustige gezogen." Er habe dann zu seiner Frau gesagt: "Die sind wieder am Dressieren."

Beide Frauen, die das Martyrium nicht überlebt haben, hatten kurz vor ihrem Tod einen kahlgeschorenen Kopf. Auch das fiel einigen Nachbarn auf. "Ich hab noch gescherzt: Die haben bestimmt Läuse", sagt der 50-Jährige. "Eine wirkliche Erklärung hatten wir nicht." Seine verängstigte Mutter, die die Fenster schloss, wenn sie allein war, erinnert sich an die Frau mit den "wunderschönen Haaren", die kurz vor ihrem Verschwinden eine Glatze hatte.

Doch auch sie behielt ihre Beobachtungen für sich. "Ich hätte nichts gesagt. Keiner von uns."

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

Mehr von RP ONLINE