Missbrauchskomplex Lügde Zeugenbefragungen werfen offene Fragen auf

Düsseldorf · Der Untersuchungsausschuss zum jahrelangen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde arbeitet nicht bloß Vergangenes auf. Jetzt werfen Zeugenbefragungen ein Schlaglicht auf möglicherweise längst nicht ausgeleuchtete Familienmissbrauchsnetze rund um den Haupttäter.

Missbrauchsfall in Lügde: So sieht der Campingplatz nach dem Abriss aus
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So sieht der Campingplatz in Lügde nach dem Abriss aus

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Foto: dpa/Guido Kirchner

Im „Untersuchungsausschuss Kindesmissbrauch“ des Düsseldorfer Landtags zum Tatkomplex Lügde stellen sich Fragen zu möglichen Familienmissbrauchsnetzen rund um den Haupttäter. Warum entsprechende Hinweise von Polizei und Jugendamt aus dem benachbarten Northeim in Niedersachsen 2019 von der Ermittlungskommission in Bielefeld zunächst als nicht belastbar eingestuft worden waren, konnte am Freitag bei der Zeugenbefragung allerdings nicht aufgeklärt werden.

Zeugenaussagen und Berichte aus den Akten des Ausschusses legen den Schluss auf „Familiensysteme“ nahe, in denen Angehörige und deren Freunde Kinder und Enkel über Jahre unentdeckt missbraucht haben könnten. Der Sozialdezernent des Jugendamts Northeim berichtete dem Ausschuss, seine Behörde habe der speziellen Ermittlungskommission zur Aufklärung des Missbrauchskomplexes Lügde („BAO Eichwald“) schon im April 2019 einen achtseitigen Bericht mit einem Genogramm zu solchen verdächtigen Familienstrukturen zukommen lassen.

Das Genogramm zeige Beziehungen auf zwischen dem 2019 wegen langjährigen schweren Missbrauchs verurteilten Haupttäter vom Campingplatz Lügde und vielen verdächtigen Bekannten. Auf die Frage des SPD-Abgeordneten Andreas Bialas, ob die Männer in diesem Netzwerk sich möglicherweise gezielt schwache Partnerinnen gewählt hätten, bei denen die Täter leichten Zugriff auf ihre Kinder hatten, antwortete der Zeuge: „So verstehe ich das.“ Aus dem Jugendamtsbericht sei klar hervorgegangen: „Hier muss noch mal genauer nachgeguckt werden.“ Von der zuständigen Ermittlungsbehörde in NRW sei aber lange keine Rückmeldung gekommen.

Bialas äußerte die Befürchtung, dass das Martyrium eines Mädchens, das beim ersten Missbrauch erst sieben Jahre alt war, möglicherweise wegen halbherziger Ermittlungen über ein Jahr verlängert worden sei und sie deswegen weiter von ihrem Vater und dessen Freund missbraucht werden konnte. Das betroffene Mädchen sei auch eines der Hauptopfer des Täters gewesen, der letztlich 2019 wegen massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lüdge zu 13 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden war, erklärte Bialas. Das Kind sei eine Freundin der über Jahre missbrauchten Pflegetochter und neben ihr Hauptbelastungszeugin gegen den Täter gewesen.

Alarmierende Hinweise, auch aus der Polizei Northeim, sind aus Bialas Sicht - selbst Polizist - aber in NRW lange nicht ernsthaft genug verfolgt worden. Der SPD-Politiker konfrontierte einen Bielefelder Kommissar, der damals Mitglied der „BAO Eichwald“ war, mit dem Aktenvermerk: „Aus Befragungen der Eltern ergeben sich bislang keine Hinweise auf möglichen Missbrauch.“ Nach Einschätzung der leitenden Ermittler habe es zu der Zeit keine hinreichenden Anhaltspunkte für ein Strafverfahren gegeben, erklärte der Zeuge. Er selbst habe aber keine Vernehmungen durchgeführt.

Bialas bezeichnete es als „komische Vernehmung“, die Spur auf Grund der Aussage von Eltern, die des Kindesmissbrauchs verdächtigt werden, einfach zu den Akten zu nehmen. Das psychisch erkrankte Kind sei so erst 2020 aus der Familie genommen und ein Täter aus dem Geflecht unnötig spät wegen Vergewaltigung des Mädchens zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden.

Das Jugendamt Northeim, in dessen Zuständigkeitsbereich das Kind mit seiner Familie damals lebte, habe selbst keine Handhabe gehabt, sagte der Sozialdezernent. „Es gab für uns als Jugendamt besorgniserregende Hinweise. Sie waren aber nicht so deutlich greifbar, dass sie beim Familiengericht Aussicht auf Erfolg gehabt hätten, Kinder aus der Familie heraus zu nehmen.“

Auch aus Kita und Schule habe es solche gravierenden Erkenntnisse nicht gegeben. Zudem habe die Familie nicht kooperiert. „Dann sind die Möglichkeiten eines Jugendamts sehr begrenzt.“ Eine ehemalige Kommissarin der Polizeidirektion Göttingen sagte, die Direktive sei gewesen: „Erst die Befragung durch die NRW-Ermittlungsbehörden, dann der Opferschutz.“

Auf einem Campingplatz bei Lügde im Kreis Lippe an der Landesgrenze zu Niedersachsen waren über Jahre bis Ende 2018 zahlreiche Kinder von mehreren Männern sexuell missbraucht und vergewaltigt worden. Die beiden Haupttäter waren 2019 vom Landgericht Detmold zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Der NRW-Landtag hatte 2019 einen Untersuchungsausschuss eingesetzt und in dieser Wahlperiode neu aufgelegt, um die Rolle der Jugendämter in der Region und die Arbeit der Polizei zu beleuchten.

(mzu/dpa)
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