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Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach: 65 Missbrauchsopfer befreit

Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach : „Sprengt alle Maßstäbe“ – Ermittler befreiten 65 Missbrauchsopfer

Die Spezialgruppe der Kölner Polizei zum Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach wird aufgelöst – und zieht zuvor Bilanz. An Abschreckung glaubt der Polizeipräsident allerdings nicht. Der Datenschutz steht erneut in der Kritik.

26 Monate nach ihrer Gründung wird die Besondere Aufbauorganisation (BAO) Berg der Polizei Köln aufgelöst. Die Ermittlungsgruppe war im Oktober 2019 gebildet worden, um in einem weit verzweigten Missbrauchskomplex zu ermitteln. Im Haus eines Familienvaters aus Bergisch Gladbach waren damals große Menge kinderpornografischer Bilder, Videos und Chats entdeckt worden. Die Ermittler stießen darüber auf viele Kontakte zu Männern, die online Videos und Abbildungen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs austauschten.

Mit großem Personaleinsatz der Polizei – in der Spitze waren landesweit 347 Kräfte und neun Staatsanwälte eingesetzt – wurden insgesamt 65 Kinder identifiziert und aus aktuellen Missbrauchssituationen befreit. Sie sind zwischen einem und 17 Jahre alt. Das jüngste Opfer war erst drei Monate alt, als es vergewaltigt wurde. „In mehr als 40 Dienstjahren habe ich viel Leid gesehen“, sagte Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob: „Aber was wir hier aufgedeckt haben, sprengt alle Maßstäbe.“

Insgesamt identifizierte die BAO Berg 439 Tatverdächtige, darunter auch Frauen. Bei ihnen erhärtete sich der Tatverdacht allerdings nicht. Bundesweit gab es 27 Festnahmen, davon 13 in Nordrhein-Westfalen. Viele Verfahren wurden in andere Bundesländer und ins Ausland abgegeben, etwa in die USA, nach Finnland, Schweden, die Niederlande und die Schweiz.

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In 13 Gerichtsprozessen kam es bisher in Nordrhein-Westfalen zu Verurteilungen mit hohen Strafen. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Markus Hartmann, dem Leiter der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime NRW, wurden insgesamt mehr als 80 Jahre Haft verhängt. Der Mann aus Bergisch Gladbach wurde für den Missbrauch seiner kleinen Tochter zu zwölf Jahren Haft und Sicherungsverwahrung verurteilt. Zwei Angeklagte sind vor ihrer Hauptverhandlung gestorben.

Die Fälle hätten gezeigt, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern „mitten in unserer Gesellschaft stattfindet“, sagte Jacob: „Ich glaube deshalb nicht daran, dass wir mit den Ermittlungen eine große Abschreckung erreicht haben.“

Die BAO Berg hat fast 4800 Datenträger sichergestellt und bei Durchsuchungen auch komplette Wohnungen ausgeräumt, um nichts zu übersehen. In einem Fall waren Datensticks hinter der Küchenzeile versteckt. Welche Datenmenge insgesamt beschlagnahmt wurde, lässt sich nicht beziffern: Auf einem einzelnen Handy waren bis zu 133.000 Fotos und fast 1400 Videos gespeichert. Auch Datenspeicherspürhunde wurden eingesetzt.

Auch wenn die Gruppe aufgelöst wird, geht die Arbeit weiter. Die vielen noch offenen Spuren werden in einer festen Ermittlungsgruppe abgearbeitet, die zu einem Fachkommissariat gehört. „Die Ermittlungserfolge zeigen, dass NRW bei der Verfolgung der Täter auf dem richtigen Weg ist – mit einem starken Plus an Ermittlern und IT-Spezialisten bei der Polizei, der Taskforce bei der Staatsanwaltschaft und der rechtsmedizinischen Expertise des Kompetenzzentrums Kinderschutz“, sagte CDU-Kinderschutzexpertin Christina Schulze Föcking unserer Redaktion. „So decken wir viel mehr von dem Grauen auf, das sich seit jeher im Verborgenen abspielt – in ganz Deutschland.“

Weiterhin können viele Täter nicht gefasst werden, weil Daten und Hinweise auf die Täter von den Ermittlern nicht lange genug gespeichert werden können. Daher fordern Polizei und Sicherheitspolitiker die Freigabe für die Vorratsdatenspeicherung. Sie sehen in ihr ein zentrales Instrument im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Ein Gutachter des Europäischen Gerichtshofs hatte erst im November den in Deutschland auf Eis gelegten Plänen für eine Vorratsdatenspeicherung einen herben Dämpfer verpasst und die Position von Bürgerrechtlern gestärkt. 

„Wir brauchen rechtliche Reformen im Bund, und wir brauchen sie dringend“, sagte Schulze Föcking. Der Europäische Gerichtshof habe auch aufgezeigt, wie eine Verkehrsdatenspeicherung im Internet in strengen Grenzen datenschutzkonform möglich sei. „Diese Chance müssen wir nutzen, sonst macht sich der Rechtsstaat selbst blind.“