Missbrauchsfall von Lügde: 34 Opfer und 86.000 Videos

Missbrauchsfall von Lügde: 34 Opfer und 86.000 Videos

Die Pannen im Missbrauchsfall Lügde setzen NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) immer stärker unter Druck. Erneut steht ein indirekt beteiligter Polizist unter Vertuschungsverdacht.

Die Liste der Pannen und Ungereimtheiten im Missbrauchsfall Lügde wird immer länger. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) gab am Donnerstag bekannt, dass Strafanzeige gegen einen Kriminalkommissar gestellt wurde, der zunächst als leitender Ermittler im Fall der missbrauchten Kinder eingesetzt war. Er wird verdächtigt, in einem anderen Sexualstrafverfahren Beweismaterial verschwinden lassen zu haben.

„Es handelt sich hierbei um einen Verdacht der Strafvereitelung im Zusammenhang eines Sexualstrafverdachtsfall zum Nachteil einer erwachsenen Frau“, erklärte Reul. „Und des Verdachts des Verstrickungsbruches in drei Fällen“, ergänzte der Landesminister. So seien dringend benötigte Asservate im Strafverfahren über diese Vergewaltigung nicht mehr auffindbar. Zudem soll der Kriminalkommissar Sachberarbeiter in zwei weiteren Ermittlungsverfahren in den Jahren 2015 und 2016 gewesen sein, in denen ebenfalls Asservate fehlen. Zudem war der beschuldigte Beamte Tutor ausgerechnet des Polizeischülers, der im Fall Lügde die inzwischen verschwundenen Beweismittel (Koffer mit CDs) gesichtet hatte.

Reul schließt auch einen zusätzlichen Verlust oder die Manipulation von weiteren Beweismitteln nicht aus. Nach den massiven Versäumnissen bei der Ermittlungsarbeit der zunächst zuständigen Kreispolizei Lippe hatte sich der Fall immer mehr zu einem Polizeiskandal ausgeweitet. Drei Beamte aus der Führung der Polizei Lippe wurden laut Innenministerium bereits versetzt. Gegen zwei weitere Polizisten laufen Strafverfahren, weil sie frühe Hinweise auf den Kindesmissbrauch nicht an die Staatsanwaltschaft Detmold weitergeleitet hatten.

Der jahrelange massenhafte Missbrauch von Kindern im Alter zwischen vier und 13 Jahren auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde war erst durch die Anzeige einer Mutter im Oktober 2018 ans Licht gekommen. Die Opferzahl hat sich jetzt auf mindestens 34 erhöht, teilte Reul am Donnerstag mit. Hinzukommen 14 weitere Kinder, bei denen man davon ausgeht, dass sie auch von den gleichen Tätern missbraucht worden sind. Sie werden aber noch als Verdachtsfälle geführt. Bei den tatsächlichen und möglichen Opfern handelt es sich um 34 Mädchen und 14 Jungen. Beobachter meinen, dass sich die Opferzahl noch erhöhen könnte.

Die rund 60 Personen umfassende Ermittlungskommission hat in dem Missbrauchsfall rund 3,3 Millionen Bilder und 86.300 Videos sichergestellt. Bislang haben die Ermittler sieben Beschuldigte identifiziert. Der 56-jährige Andreas V., der 33-jährige Mario S. und der 48-jährige Heiko V. sitzen bereits seit Ende 2018 in Untersuchungshaft. Ein weiterer Mann soll Kinderpornos besessen haben, die auf dem Campingplatz entstanden sein sollen.

Unter dem Missbrauchsfall scheint zunehmend auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei zu leiden. Beamte und deren Familien sollen in Ostwestfalen beleidigt und beschimpft worden sein. In Polizeikreisen heißt es, dass für die aufgeheizte Stimmung gegen die Polizisten zum Teil auch der Innenminister verantwortlich gemacht wird. „Er hat dazu beigetragen, weil er anfangs öffentlich und ziemlich barsch mit dem Finger nur auf die Polizei gezeigt hat und die alleinige Schuld bei den Beamten sah“, sagte ein Polizist unserer Redaktion.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schwerer Kindesmissbrauch auf Campingplatz in Lügde

(csh)
Mehr von RP ONLINE