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Missbrauchsfälle in Bergisch Gladbach: Auswertung ist psychisch schwer belastend

Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach : Auswertung von Videos ist psychisch schwer belastend

Seit Herbst vergangenen Jahres rollt die Kölner Polizei einen riesigen Fall von Kindesmissbrauch auf. Die Auswertung des Videomaterials ist enorm belastend. Die Ermittler haben jedoch bestimmte Schutzmechanismen entwickelt.

Im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach ermitteln derzeit in ganz NRW noch täglich 120 bis 140 Spezialisten unter Leitung der Kölner Polizei. In der Spitze waren es sogar 350 Mitarbeiter. Die Arbeit in der seit Herbst 2019 bestehenden Ermittlungsgruppe „Berg“ sei psychisch sehr belastend, sagte der Kölner Kriminaldirektor Michael Esser am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Drei seiner Kolleginnen und Kollegen seien dauerhaft krank geworden. Andere hätten nach psychologischer Betreuung den Dienst wieder aufnehmen können.

Insbesondere Sichtung des Videomaterials bringe jeden Ermittler an die Grenze seiner Belastbarkeit. Es müsse aber sein, um Täter und Kinder zu identifizieren und somit weiteren Verbrechen vorzubeugen. Die „Besondere Aufbauorganisation Berg“ hat bisher 44 Kinder identifiziert und im Anschluss aus den Fängen der Täter befreit. Darunter war auch ein drei Monate altes Baby.

„Das ist natürlich unsere größte Motivation“, sagte Esser. Eben darum muteten sich die Ermittler die Aufnahmen zu. Als wichtig habe sich herausgestellt, dass man das Material gemeinsam in einem Raum sichte. „Das Miteinander unterstützt die Auswertung massiv. Man kann sich da nicht zurückziehen ins stille Kämmerlein, man muss ständig mit den Kolleginnen und Kollegen kommunizieren, Dinge durchsprechen und sich gegenseitig Hinweise geben.“

Die Ermittler seien alle freiwillig dabei, sagte Esser. Parallel dazu würden sie von Psychologen und Seelsorgern betreut. „Seit Ende letzten Jahres hat NRW ein Konzept aufgestellt, das obligatorisch für den Bereich Kinderpornografie und Kindesmissbrauch umzusetzen ist. Davon unabhängig kann jeder Kollege jederzeit an eine psychologische Belastungsgrenze stoßen, und dann steht ihm immer psychologische und medizinische Hilfe zur Verfügung.“

Darüber hinaus entwickle jeder Ermittler eigene Schutzmechanismen. „Ich habe letzte Woche noch mit einer Kollegin gesprochen, die sagte: "Ich gucke mir die eigentliche Tathandlung gar nicht so im Detail an. Ich schaue, was ist da drauf, was möglicherweise zur Identifizierung beiträgt." Das kann ein Plüschtier sein, eine Tätowierung, die ein Täter hat, eine Bettdecke oder ein Blick aus dem Fenster. Einmal hat uns ein Kirchturm in einem Bergdorf weitergeholfen. So dass also neben diesen Grausamkeiten, die natürlich angeschaut werden müssen, der Fokus eher auf Alltägliches gelegt wird. Das kann helfen, die Belastung ein wenig zu verringern“, berichtete Esser.

In dem Komplex Bergisch Gladbach gibt es bisher 72 identifizierte Tatverdächtige in ganz Deutschland. Zehn Personen sind in U-Haft. Zudem sind sieben Anklagen gegen acht Personen erhoben worden. Der Fall war im Oktober 2019 mit der ersten Durchsuchung bei einem der Hauptverdächtigen in Bergisch Gladbach ins Rollen gekommen.

(chal/dpa)