Missbrauch in Alfterer Pfarrhaus „Er hat meine Persönlichkeit und mein Wesen zerstört“

Exklusiv · Melanie F. ist von ihrem Pflegevater, einem katholischen Geistlichen, über Jahre sexuell missbraucht worden - auch in einem Pfarrhaus in Alfter. In einem Zivilprozess klagt sie nun gegen das Erzbistum Köln auf Schmerzensgeld. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Melanie F. vor dem Pfarrhaus von Sankt Matthäus in Alfter. Hier lebte sie Ende der 1970er Jahre als Pflegekind mit dem damaligen Diakon U. und einem weiteren Pflegekind.

Melanie F. vor dem Pfarrhaus von Sankt Matthäus in Alfter. Hier lebte sie Ende der 1970er Jahre als Pflegekind mit dem damaligen Diakon U. und einem weiteren Pflegekind.

Foto: Bernd Eyermann

Es sind Jahrzehnte vergangen, als Melanie F. an diesem Mittwochnachmittag zum ersten Mal wieder vor jenem Haus steht, in dem ihr Pflegevater sie immer wieder sexuell missbrauchte. „Da wird mir wieder mulmig“, sagt die 57-Jährige und schaut nach oben. Dort oben, unter dem Dach des Pfarrhauses der Alfterer Gemeinde Sankt Matthäus wohnte die Familie, die eigentlich gar keine war. Die damals 13-jährige Melanie F. musste in einem Zimmer und einem Bett mit ihrem Pflegevater leben, dem Diakon Hans Bernhard, genannt Bernd U. Im Raum daneben war ein zwei Jahre älterer Junge untergebracht – das andere Pflegekind des Geistlichen.

Das Erzbistum hatte es U. erlaubt, die beiden als Pflegekinder zu sich zu nehmen. Doch die Kölner Kirche prüfte nicht nach, was im Pfarrhaus vor sich ging. „Bernd hat immer gesagt: Es ist egal, was wir als Geistliche auf der Erde machen, wir kommen sowieso in den Himmel“, sagt Melanie F. im Gespräch mit dem GA. Er habe sich damit selbst einen Freifahrtschein erteilt. „Und für mich war klar: Ich komme hier nicht raus, denn als Pflegekinder hatten wir ja keine Rechte.“

Derzeit sitzt der inzwischen aus dem Klerikerstand entlassene U. eine zwölfjährige Haftstrafe ab. Vor gut zwei Jahren wurde er schuldig gesprochen, neun Mädchen insgesamt mehr als hundert Mal teils schwer sexuell missbraucht zu haben. Melanie F., die seit vielen Jahren im Oberbergischen lebt, trat in dem Strafprozess als Zeugin auf. Ihre Missbrauchsvorwürfe gegen U. waren allerdings kein Gegenstand des Verfahrens, weil sie erst bekannt geworden waren, als der Prozess schon lief.

Priester U.: Pflegetochter verklagt Erzbistum

Nun klagt Melanie F. in einem Zivilprozess gegen das Erzbistum auf Schmerzensgeld in Höhe von rund 850.000 Euro. Vor dem Kölner Landgericht findet dazu am Dienstag, 9. April, ein Verhandlungstermin statt, wie eine Gerichtssprecherin mitteilte. Es ist das zweite Verfahren dieser Art nach jenem des früheren Messdieners Georg Menne, dem das Kölner Landgericht im Juni vorigen Jahres 300.000 Euro zuerkannt hatte. Und wie bei jenem Verfahren hat das Erzbistum auch diesmal darauf verzichtet, Verjährung geltend zu machen. Eine Sprecherin des Erzbistums erklärte, dass sie darüber hinaus keine Angaben zu dem Fall machen könne.

Wie Menne so wird auch Melanie F. von der Bonner Kanzlei Wegmann, Luetjohann und Kollegen vertreten. „Das Schmerzensgeld soll für die Klägerin Genugtuung sein, es soll dem Erzbistum wehtun und auch der Abschreckung dienen“, sagt Anwalt Eberhard Luetjohann. Und die Klägerin selbst fügt hinzu, ihr sei bei der Klage wichtig, „dass die Kirche daraus lernt und mehr auf ihre Priester und Angestellten achtet“.

Den Anwälten von Melanie F. ist nach der Beschäftigung mit zahlreichen Missbrauchsfällen aufgefallen, dass sich die Täter oft Kinder mit gebrochener Vita angenähert haben – womöglich weil sie bei ihnen mit weniger Widerstand rechnen mussten. „Sie haben die wehrlosesten und hilflosesten Kinder herausgesucht“, betonte Eberhard Luetjohann.

Verurteilter Priester U. verfolgte ausgeklügelte Taktik

Als Halbwaise sowie Tochter einer alkohol- und tablettenabhängigen Mutter lebte Melanie F. als Baby, Klein- und Schulkind in Heimen. Im Alter von neun Jahren kam sie ins Waisenhaus Maria im Walde in Ippendorf, wo bald auch U. als ehrenamtlicher Helfer tätig war. Mit Blick auf Melanie F. hat er wohl eine ausgeklügelte Taktik verfolgt. „Er hat mir eine Katze geschenkt, um besser an mich heranzukommen“, sagt sie.

Das Tier sollte in den nächsten Jahren das wichtigste Bezugswesen für das Mädchen werden. „Für mich war es ein Elternersatz, das einzige Wesen, dem ich alles anvertrauen konnte, mein Ein und Alles auf der Welt. Es hat mich beim Spazierengehen begleitet, hat zugehört und keine Forderungen gestellt“, erzählt Melanie F. Schöne Erinnerungen aus einer angsterfüllten Zeit. Pia – so hatte sie die Katze genannt – wurde für U. offensichtlich aber auch zum Vehikel, das Mädchen gefügig zu machen.

Schon in Ippendorf und auf einer Ferienfreizeit in Italien soll der damalige Priesteramtskandidat begonnen haben, das Mädchen zu missbrauchen. „Vorher hat er mir Alkohol gegeben, sodass ich betrunken wurde und kaum noch etwas mitbekam“, sagt Melanie F. mit etwas stockender Stimme. U. sei so dominant gewesen, „dass sich keiner getraut hat, etwas gegen ihn zu sagen“.

An Wochenenden habe U. sie und das zweite spätere Pflegekind mit ins Priesterseminar nach Köln genommen und dort im selben Bett mit ihr geschlafen. Der Junge, den sie Wahlbruder nennt, habe in einem anderen Zimmer übernachtet. Er ahnte von nichts. Nach ihrer Erinnerung habe es seinerzeit einen einzigen Seminaristen gegeben, der es nicht gut fand, dass sie dort übernachtete. Doch niemand hinderte U. offenbar daran. Auch nicht in Alfter, wo er in den Jahren 1979 und 1980 als Diakon tätig war – und wohin er die beiden Kinder mitnahm.

Anwalt Luetjohann berichtet von zwei Auflagen, die der dortige Pfarrer und das Erzbistum eigentlich erteilt hatten, wenn U. mit den Kindern im Pfarrhaus wohnen wollte: Sie müssten katholisch getauft sein und es müsse dort auch eine Haushälterin zugegen sein. Getauft wurden sie, doch eine Haushälterin hat es nie gegeben. Konsequenzen habe das nicht gehabt, so Luetjohann.

Missbrauchsopfer von Priester Bernd U. musste mit ihm in die Sauna und harten Alkohol trinken

Melanie F. spricht davon, dass sie gemeinsam mit U. in die im Pfarrhaus eingebaute Sauna gehen musste, dass sie im Vergleich zu der Zeit im Kinderheim „härtere Sachen“ trinken und weitere Methoden sexuellen Missbrauchs über sich ergehen lassen musste. Immer wieder habe er gedroht, dass sie zurück ins Heim müsse und er ihr die Katze wegnehme, wenn sie sich verweigere.

Hätte sie sich mehr Hilfe gewünscht? „Ich wusste ja gar nicht, von wem ich die bekommen könnte“, sagt Melanie F. Der dortige Pfarrer habe ihr „nie Fragen gestellt“. Und Freunde oder andere Personen habe sie in Alfter auch nicht gehabt, an die sie sich hätte wenden können. „Als Heimkinder wurden wir gemieden.“

Anwalt Luetjohann berichtet von „grundsätzlichen Diskussionen in der Leitungsspitze“, als U. mit der Bitte an das Erzbistum herangetreten sei, ihm offiziell zu erlauben, Pflegekinder zu sich zu nehmen. Die Frage sei gewesen, ob der damals 30-jährige Priesteramtskandidat dann noch den Aufgaben und Pflichten im Namen Gottes sowie für die Kirche und die Gemeinde nachkommen könne. Das Ergebnis, so Luetjohann: „Wegen des Kindeswohls“ wolle man eine Ausnahme machen und, bezogen auf Melanie F., dieses arme, elternlose Kind in Obhut und Verantwortung der Kirche nehmen. Damit hätten das Erzbistum und der damalige Erzbischof Joseph Kardinal Höffner „eine Schutzgarantie für die Kinder“ abgegeben.

Missbrauchstäter Priester U.: Pflegetochter war ihm schutzlos ausgeliefert

In Wirklichkeit war Melanie F. aber ihrem Pflegevater offensichtlich schutzlos ausgeliefert. Denn das Erzbistum verzichtete weiterhin auf Kontrollen. „Hätten die Verantwortungsträger mal mit dem jungen Mädchen gesprochen und nur ganz allgemein die Situation beobachtet, wäre es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu den Missbräuchen gekommen“, sagt der Anwalt.

Nach dem Jahr als Diakon in Alfter wurde U. 1980 zum Priester geweiht, und er zog mit seinen Pflegekindern als Kaplan in eine Pfarrei nach Türnich/Balkhausen bei Kerpen. „Dort wurde es noch schlimmer“, sagt Melanie F. Sie wurde schwanger, was sie nicht wusste. „Ich hatte mich nur gewundert, dass ich zum Frauenarzt musste.“ Ohne ihr Wissen habe U. eine Abtreibung vornehmen lassen.

Auf die Schule habe sie sich kaum konzentrieren können. Sie nahm Drogen und konnte sich aus den Fängen von U. erst befreien, als sie einen Ausbildungsplatz hatte. „Er hat mir meine Kindheit genommen, mein Wesen und meine Persönlichkeit zerstört“, sagt Melanie F. über ihn. Mit Folgen für ihr weiteres Leben. Sie nennt es einen „Störfaktor“, was sie erleben musste. „Das hing immer an mir.“

Nie habe sie sich hundertprozentig auf eine Sache konzentrieren können. Nach der Ausbildung zur Technischen Zeichnerin habe sie oft mehrere Jobs gleichzeitig, zugleich aber nur wenig Freude daran gehabt, mit anderen Menschen zusammen zu sein. „Man will sich nur isolieren und gucken, dass man anderen nicht zur Last fällt“, sagt sie.

Anwalt Luetjohann ist nach eigenen Worten immer wieder beeindruckt von Melanie F. „Sie ist eine Pfadfinderin auf dem Weg zur Rechtsfindung und Gerechtigkeit“, sagt er über sie. Und der Mann von Melanie F. hebt hervor, dass mit einem Erfolg vor Gericht möglicherweise noch mehr Menschen den Mut finden könnten, Klage einzureichen und ihr Recht zu erstreiten.

Schon beim Strafprozess war sie Vorbild für andere, denn nach ihrer Zeugenaussage meldeten sich noch Dutzende weitere Frauen, die von U. missbraucht worden waren. „Wir haben alle zusammen erreicht, dass er aus dem Verkehr gezogen wurde“, sagt sie. Das sei schon eine Genugtuung gewesen.

Nun gehe es um die Verantwortung des Erzbistums.

Dieser Text ist zuerst im Bonner „General-Anzeiger“ erschienen.

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