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Migration in NRW: Viele Nationalitäten in einem Wohnhaus in Düsseldorf

Schwerpunkt Diversity : Alle unter einem Dach

Sie stammen aus Spanien, Taiwan, Griechenland, Polen, Kasachstan, China und Deutschland: In einem Düsseldorfer Mehrfamilienhaus spiegelt sich die Vielfalt des Landes wieder.

Zheng Han ist 15 Jahre alt, als er 1991 von Shanghai nach Deutschland zieht; sein Vater hat beruflich hier zu tun. Vieles ist neu für ihn: die Sprache, das Klima und das Essen. „Auf dem Flug nach Deutschland habe ich damals zum ersten Mal Käse gegessen, der mir überhaupt nicht schmeckte“, sagt er. Auch an die Mentalität muss er sich erst gewöhnen; damals kurz nach der Wende haben noch nicht so viele Asiaten in Deutschland gelebt. „Wir wurden größtenteils mit einer positiven Neugier aufgenommen“, erinnert er sich.

Zheng, mittlerweile 46 Jahre alt, lebt heute mit seiner Frau Carolin (36), die aus Bocholt kommt, und seinen beiden Kindern, Philippa (7) und Vincent (4), in Düsseldorf – und in Shanghai, wo er als Professor für Innovation und Unternehmertum an einer Universität arbeitet. In Düsseldorf lebt er in einem Mehrfamilienhaus mit vielen unterschiedlichen Nationalitäten unter einem Dach – mit Griechen, Russen, Spaniern, Kasachen, Koreanern und anderen Chinesen. Und mit Deutschen. „Wir fühlen uns in einem internationalen Umfeld sehr wohl und haben uns daher ganz bewusst Düsseldorf als Heimat ausgesucht“, sagt Zheng.

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Und das tun immer mehr Menschen aus den verschiedensten Staaten der Welt: Sie wählen Nordrhein-Westfalen zu ihrem Lebensmittepunkt. Das Bundesland an Rhein und Ruhr ist sehr vielfältig: Mehr als 2,7 Millionen Ausländerinnen und Ausländer leben laut „Information und Technik NRW“ im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland, davon haben rund 1,1 Millionen die Staatsangehörigkeit eines EU-Landes (außer Deutschland). Und mehr als fünf Millionen Menschen in NRW haben demnach einen Migrationshintergrund. Den höchsten Anteil von Personen mit Migrationshintergrund gibt es in Hagen (41,9 Prozent), den niedrigsten im Kreis Höxter (14,9 Prozent).

Naima Winkel wohnt mit ihrer Familie drei Etagen unter den Hans im Erdgeschoss des Hauses. Die 44-Jährige stammt aus einer spanischen Enklave in Nordafrika, wo sie auch zur Welt gekommen ist. Ihre Eltern haben damals aber schon in Deutschland gelebt. Ihre Mutter ist nur wegen der Geburt in ihre Heimat zurück. „Als ich sechs Wochen alt war, sind wir dann wieder zurück nach Deutschland“, sagt Naima. Dennoch hat Naima nur die spanische Staatsbürgerschaft. Häufig werde sie gefragt, woher sie denn käme. Das stört sie aber nicht; im Gegenteil. „Interesse ist immer da. Bei mir ist das auch so. Wenn ich jemanden sehe, der nicht unbedingt deutsch aussieht, interessiert es mich auch, woher er ursprünglich kommt“, sagt sie. „Nicht um irgendjemanden zu verurteilen oder sonst was. Nein, aufgrund von Interesse und Vielfalt“, sagt sie.

Für Zheng Han ist die Internationalität in seinem Wohnhaus selbstverständlich. „Wir möchten auch, dass unsere Kinder das als selbstverständlich ansehen und offen gegenüber anderen Kulturen sind“, sagt der 46-Jährige. Seit etwa zehn Jahren pendelt er nun schon mit seiner Familie zwischen Deutschland und Shanghai. Seine Kinder finden das spannend. „Es ist toll, da immer wieder alles wie neu ist, wenn man nach längerer Zeit zurückkommt“, sagt seine Tochter Philippa. Und es sei toll, zwei Sprachen zu sprechen.

Die Gründe, warum Menschen nach NRW migrieren, sind vielfältig. Manche sind hier, weil sie aus ihren Heimatländern vor Krieg und Unruhen geflohen sind; andere wiederum kommen wegen eines Jobs. Es gibt viele Gründe, das Geburtsland zu verlassen: Fehlende Bildungschancen, hohe Arbeitslosigkeit, politische und soziale Konflikte und schlechte Regierungsführung. Und künftig werden auch Menschen infolge des Klimawandels nach NRW kommen, um hier ein neues, sicheres Zuhause zu finden.

Philipp wohnt auf derselben Etage wie die Hans. Seine Freunde nennen ihn nur Adek. Das hängt mit seinem Migrationshintergrund zusammen. „Ich komme eigentlich aus Taiwan; mein Vater ist von dort; meine Mutter aber aus Korea. Und Adek ist ein taiwanesischer Name, eine Verniedlichungsform“, erklärt der 40-Jährige. „Meine Eltern haben mich Phillip genannt, weil wir in Deutschland leben“, sagt er. Geboren ist er auch in Bochum. Er sieht Deutschland als seine Heimat. Aber auch mit Korea und Taiwan fühlt er sich verbunden. Regelmäßig besucht er seine Verwandten dort. Während der Schulzeit und des Studiums ist er häufig gefragt worden, welche Nationalität er habe. Gestört hat auch ihn das nicht, weil er es nicht als despektierlich empfunden hat. „Aber mir ist sehr deutlich aufgefallen, dass die Fragen nach meiner Herkunft mit meinem Einstieg in den Beruf nachgelassen haben. Dort wird man mehr nach seinem Können beurteilt“, sagt er.

Als Zheng Han nach Deutschland kam, musste er sich als Teenager zunächst an das deutsche Schulsystem gewöhnen, das, wie er sagt, so völlig anders sei als das chinesische. „Der eher lockere Umgang zwischen Schülern und Lehrern stand im starken Kontrast zu dem autoritären Lernstil, den ich in China kennengelernt hatte“, sagt er. Han lernte schnell; nach eineinhalb Jahren wechselte er von der Hauptschule aufs Gymnasium. Während der Schulzeit wurde er auch schon mal aufgrund seiner Herkunft gehänselt. Dadurch, dass es nur wenige Asiaten gab, war er automatisch dazu gezwungen, sich stärker zu integrieren. „Und ich habe in der Schulzeit viele gute Freundschaften geschlossen“, betont er.  

Sebastian Graß wohnt in der ersten Etage des Mehrfamilienhauses; er ist Deutscher und schätzt das internationale Flair in seiner Nachbarschaft. „Persönlich empfinde ich es als bereichernd so mit unterschiedlichen Nationalitäten und Kulturen in Kontakt zu kommen und voneinander zu lernen“, sagt er. „Zu ausnahmslos allen Bewohnern besteht ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis, man hilft sich gegenseitig.“

Typisch deutsches Abendbrot mit Wurst und Schinken oder warmes chinesisches Essen mit mehreren Gerichten – was abends bei den Hans auf den Tisch kommt, ist so unterschiedlich wie die beiden Kulturen. „Essen hat in China einen sehr hohen Stellenwert“, sagt Han. „Ein deutsches Abendbrot wird nicht als vollwertige Mahlzeit anerkannt, wobei meine Frau Carolin sich doch hin und wieder durchsetzt“, sagt er lachend. Und Käse, den Zheng Han damals bei seinem Flug nach Deutschland zum ersten Mal probierte und der ihm nicht schmeckte, möchte er nicht mehr missen. „Heute bin ich ein Fan von Käsefondue“, sagt er. „Manche Dinge muss man einfach auf sich wirken lassen und irgendwann weiß man sie zu schätzen.“

(csh)