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Migranten aus Nordafrika zur Kölner Silvesternacht: "Für mich ist das rassistisch"

Debatte um Migranten aus Nordafrika : "Für mich ist das rassistisch"

Viele Nordafrikaner fühlen sich durch die massiven Kontrollen in der Silvesternacht diskriminiert. Sie klagen darüber, oft ablehnend behandelt zu werden. Migranten aus Nordafrika fallen laut BKA jedoch häufig durch Straftaten auf.

Das Thema ist Berkane so wichtig, dass er das Rasiermesser an seiner Kehle ignoriert. Und so muss sein Frisör aufpassen, ihn nicht zu schneiden, während Berkane über Nordafrikaner spricht. Der 27-jährige Tischler aus Marokko wohnt wie viele Menschen aus Marokko, Algerien oder Tunesien im so genannten Maghreb-Viertel hinter dem Hauptbahnhof. "Die Leute hier haben Jobs. Die müssen nicht kriminell werden", sagt er. "Die Nordafrikaner, die kriminell werden, sind eher Flüchtlinge, die irgendwie an Geld kommen müssen."

Der 27-jährige Hamza sitzt gegenüber vor einem Café und trinkt Tee. "Ich habe kein Verständnis dafür, dass die Polizei in Köln gezielt Leute mit nordafrikanischem Aussehen kontrolliert hat. Für mich ist das rassistisch."

"Aggressives Verhalten"

Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies macht zwei Tage nach Silvester auf einer Pressekonferenz deutlich, dass die Situation in der Silvesternacht durchaus hätte kippen können — so wie im vergangenen Jahr. Rassismus-Vorwürfe weist er und auch die Gewerkschaften der Polizei entschieden zurück. "Ich war selbst im Hauptbahnhof und kann sagen: Wenn wir nicht so strikt gewesen wären, wären ähnliche Ereignisse wie 2016 durchaus realistisch gewesen." Es sei nicht um das Aussehen der Gruppen junger Nordafrikaner gegangen, sondern um deren aggressives Verhalten.

Woher kamen die Gruppen?

Die Frage, warum wieder mehrere Hundert junge Nordafrikaner zum Kölner Hauptbahnhof gekommen sind, lässt sich nicht so einfach beantworten. Jürgen Mathies sagt: "Das macht mir auch Sorgen." Die Polizei habe im Vorhinein etwa soziale Netzwerke beobachtet und versucht herauszufinden, was sie zu erwarten habe. "Es gibt aber im Moment noch keine Erkenntnisse, die das Phänomen auch nur ansatzweise erklären", sagt er. Die Daten der Personen, die überprüft wurden, müssten jetzt ausgewertet werden. Ende der Woche können die Ermittler dann etwa sagen, woher die Gruppen kamen, ob einige der Männer möglicherweise im vergangenen Jahr schon in Köln waren. Im Hinblick auf diese Silvesternacht hatte die Polizei vorsorglich 75 so genannte Bereichsbetretungsverbote gegen Personen ausgesprochen, die im vergangenen Jahr negativ aufgefallen sind. Nur zehn von ihnen leben in Köln, die anderen kamen von auswärts.

Beamte der Bundespolizei kontrollierten am Silvesterabend die Züge und hielten vor allem nach Gruppen von Männern zwischen 18 und 35 Jahren Ausschau, wie ein Sprecher sagte. Viele seien aus dem Ruhrgebiet nach Köln und Düsseldorf gereist, die meisten schon betrunken und mit Pyrotechnik im Gepäck. Da die Gruppen in Köln keine Anstalten machten, den Bahnhof zu verlassen und dort weiter tranken, sprach die Polizei Platzverweise aus. "Wir wollten ja eine Situation wie 2015 verhindern", sagte der Sprecher. In Köln seien "mit Blick auf die reisenden, größeren Männergruppen 2000 Personen, in Düsseldorf 800 festgestellt worden."

Sehr viele kleine Männergruppen

Bundespolizeisprecherin Dajana Burmann bestätigt vom Düsseldorfer Hauptbahnhof: "Aus ganz NRW kamen sehr viele kleine Männer-Gruppen mit der Bahn an, gingen in Richtung Altstadt und ab etwa 2 Uhr kehrten sie zurück."

Friedlich, aber auch weitgehend unter sich hatten diese jungen Männer auf Burgplatz und Freitreppe ins neue Jahr gefeiert, so viele, dass sich mancher Besucher abgeschreckt fühlte. Warum sie nach Düsseldorf kamen, wo nordafrikanische Straftäter vor einem Jahr für Negativschlagzeilen gesorgt hatten und wo das große Polizeiaufgebot angekündigt war, ist unklar. Samy Charchira, Oberbilker Sozialpädagoge mit marokkanischen Wurzeln, hat "keinerlei Anhaltspunkte, dass die Jugendlichen sich organisiert verabredet haben". Auch in den sozialen Medien gebe es keine Hinweise dafür. Eine Erklärung hat er aber nicht. Ein Ansatz könnten die Regeln in den Flüchtlingsunterkünften sein: Nach 22 Uhr ist dort Besuch nicht erlaubt, auch nicht an Silvester. Wer mit Freunden feiern will, muss raus — und für Kneipenpartys fehlt jungen Flüchtlingen das Geld. "Das erklärt aber bei weitem nicht die große Zahl", sagt die Flüchtlingsbeauftragte Miriam Koch.

"Die kommen in keinen Club rein"

Berkane, der Marokkaner aus dem Düsseldorfer Friseursalon, sagt: "Früher war es für mich nur in der Gruppe häufiger schwierig, in der Düsseldorfer Altstadt in einen Club zu kommen. Seit den Ereignissen in Köln vor einem Jahr wird es aber auch schwierig, wenn ich alleine unterwegs bin." Ein Kölner Türsteher, der seinen Namen nicht in der Zeitung oder im Internet lesen will, bestätigt ohne Umschweife, dass junge Männer aus Nordafrika kein beliebtes Publikum in den Clubs auf den Ringen sind. "Ganz ehrlich? Die sind auffällig und aggressiv — vor allem, wenn sie in Gruppen auflaufen. Die kommen ganz klar in keinen Club rein." Offiziell sagen würde das allerdings niemand. "Sonst ist man doch gleich ein Nazi."

Nach einem noch unveröffentlichten BKA-Bericht von Ende 2016 ist der Anteil der Straftaten, bei dem Zuwanderer Täter oder Tatverdächtige sind, zuletzt deutlich gesunken, obwohl gleichzeitig die Zahl der Zuwanderer stark angestiegen ist. Im dritten Quartal 2016 lag die Zahl der Straftaten durch Zuwanderer um ein Viertel unter der des ersten Quartals. Der Bericht soll diese Woche veröffentlicht werden.

Migranten aus den Maghreb-Staaten oft unter Verdacht

Während etwa Diebstahldelikte häufiger durch Zuwanderer als durch Menschen mit deutschen Pass begangen werden, ist es bei Tötungsdelikten umgekehrt. Während Syrer, Iraker und Afghanen gemessen an ihrem Anteil an allen Asylbewerbern selten in den Fokus der Ermittler geraten, fallen Migranten aus den Maghreb-Staaten häufig auf: Ihr Anteil an allen Asylbewerbern liegt laut dem BKA-Bericht bei zwei Prozent. Davon standen dann aber knapp ein Viertel im Verdacht, eine Straftat begangen zu haben.

In Großstädten wie Köln und Düsseldorf fallen Täter aus Nordafrika vor allem mit Delikten wie Diebstahl und Raub auf. Viele werden immer wieder straffällig. Die Tätergruppe steht nicht erst seit der Silvesternacht 2015 im Fokus der Ermittler.

Samy Charchira, der Sozialpädagoge aus Düsseldorf, kennt die Ängste der Menschen aus Nordafrika, die sich nichts zuschulden kommen lassen, und trotzdem ablehnend behandelt werden. Die aktuelle Debatte belaste die deutsch-marokkanische Gemeinschaft in Düsseldorf sehr, sagt er, vor allem auch jene, die seit Generationen in der Stadt leben. "Die Leute machen sich große Sorgen."