Lehrermangel in NRW Sorge vor Qualitätsabsturz in Ausbildung und Unterricht

Düsseldorf · Bei der Bekämpfung des Lehrermangels zieht die Landesregierung viele Register – aus Sicht von Experten teilweise die falschen. Sie beklagen neue Daumenschrauben für Lehrer, eine drohende Unterwanderung von Qualitätsstandards und Defizite im Prüfungswesen.

Die Sorge vor Qualitätsabsturz in Unterricht und Ausbildung wächst in NRW (Symbolbild).

Die Sorge vor Qualitätsabsturz in Unterricht und Ausbildung wächst in NRW (Symbolbild).

Foto: dpa/Patrick Pleul

Schulforscher, Lehrerverbände und Schülervertreter warnen vor einer „Deprofessionalisierung“ des Lehrerberufs beim Stopfen von Personallücken in Nordrhein-Westfalen. Für kontraproduktiv halten Praktiker und Wissenschaftler dienstrechtliche Daumenschrauben der Landesregierung - etwa unerwünschte Abordnungen an andere Schulen oder eingeschränkte Teilzeitoptionen. Das geht aus schriftlichen Stellungnahmen für eine Sachverständigen-Anhörung des Schulausschusses an diesem Dienstag im Düsseldorfer Landtag hervor.

Grundlagen der Erörterungen sind ein Handlungskonzept der schwarz-grünen Landesregierung zur Unterrichtsversorgung sowie Vorschläge der FDP-Opposition zur Schließung der Lehrkräftelücke und zur Verbesserung der Kernkompetenzen von Grundschülern.

Bestandsaufnahme: Im Fünf-Jahres-Vergleich sind die Viertklässler in NRW in Deutsch und Mathe deutlich zurückgefallen, wie die jüngste Bildungsstudie für die Kultusministerkonferenz ergeben hat. Beim Lesen schafft inzwischen etwa jeder Fünfte nicht den Mindeststandard, bei Mathe gilt das für gut 28 Prozent und mit der Rechtschreibung hat jeder dritte Viertklässler erhebliche Probleme.

Lehrermangel: Ein Problem sind zu wenige Lehrkräfte für eine angemessene individuelle Förderung. Die Landesregierung hat angekündigt, bis 2027 zusätzlich 10 000 Lehrerkräfte an die Schulen zu bringen. Nach Berechnungen der FDP fehlen aber mindestens 17 000 Stellen. Anfang Dezember waren 8047 von insgesamt 165 070 Lehrerstellen in NRW unbesetzt.

Der Lehrermangel gehe schon seit Jahrzehnten zulasten der Bildung, stellte der Philologenverband fest. Die Bochumer Schulforscherin Gabriele Bellenberg resümiert, der Lehrermangel treffe in NRW „auf ein erschöpftes System“ - erst recht nach der Corona-Pandemie und infolge einer immer weiter auseinander gehenden sozialen Schere. Die kommunalen Spitzenverbände vermissen Daten, die es erlauben, den Bildungsverlauf von Kindern in ihrer jeweiligen sozialen Lage zielgenauer zu begleiten.

Dienstrecht: Ein Maßnahmen-Paket von Schulministerin Dorothee Feller (CDU) sieht unter anderem rigorosere Lehrer-Abordnungen und striktere Voraussetzungen für Teilzeit vor - zudem mehr Seiteneinsteiger, Alltagshelfer und weniger Klassenarbeiten. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) mahnt, Abordnungen an andere Schulen nur mit Zustimmung der Lehrer vorzunehmen, um den Beruf nicht „noch unattraktiver zu machen“. Auch der Philologenverband sieht angesichts restriktiver dienstrechtlicher Maßnahmen „massiven Widerstand und auch Resignation bei den Lehrkräften“.

Seiteneinsteiger: Ohne Quereinsteiger aus anderen Berufen werde der Lehrermangel mittel- und längerfristig nicht einzudämmen sein, konstatieren alle Experten. Gleichzeitig warnen sie vor einer Aushöhlung der grundständigen Ausbildung. Eine dauerhafte Lösung kann der verstärkte Einsatz von Quereinsteigern aus Sicht der Landesschülervertretung nicht sein. Es dürften keine „Fehlanreize“ gesetzt werden, die sich langfristig schlecht auf die Unterrichtsqualität auswirkten, warnen die Schüler. Ebenso wie die Landeselternschaft Grundschulen kritisiert auch die Schülervertretung, dass der Numerus clausus den Zugang zu Lehramtsstudiengängen zu häufig ausbremse.

Ein-Fach-Lehrer: Die Landesrektorenkonferenz (LRK) der Universitäten in NRW regt an, die Ausbildung und Zulassung von Ein-Fach-Lehrern in Erwägung zu ziehen. In einigen Bundesländern werde das bereits erprobt. Die FDP schlägt vor, Master-Absolventen mit nur einem Lehrfach die Möglichkeit zu geben, sich berufsbegleitend für ein zweites zu qualifizieren. Die LRK empfiehlt darüber hinaus, das Studium im „Master of Education“ für Bachelorabsolventen aus anderen Studiengängen zu öffnen. Das befürwortet auch der VBE.

Ganztagsunterricht: Der Grundschulverband sorgt sich vor allem um die Bildungsqualität und -gerechtigkeit und stellt fest, „dass nur qualitativ hochwertiger Ganztagsunterricht einen Beitrag zur besseren Bildung der Kinder leisten kann“. Der Verband fordert außerdem eine echte Lernmittelfreiheit sowie eine Ausweitung der Stundentafel, damit die Kinder mehr Zeit bekommen - auch zum Üben. Schulforscherin Bellenberg empfiehlt, die Stundentafel auf Basiskompetenzen zu konzentrieren, die an veränderte gesellschaftliche Anforderungen wie die Digitalisierung angepasst werden müssten.

Prüfungen: Das gesamte Prüfungswesen muss aus Bellenbergs Sicht überdacht werden. Die von der Schulministerin angekündigte Reduzierung der Klassenarbeiten in Klasse 10 reiche nicht aus, kritisiert die Bochumer Professorin.

Lehramtsanwärter: Der von der Landesregierung angestrebte zusätzliche selbständige Unterricht angehender Lehrer auf freiwilliger Basis wird von mehreren Experten kritisiert. Von Freiwilligkeit könne angesichts ihres Abhängigkeitsverhältnisses nicht die Rede sein, stellt der VBE fest. Außerdem ersetzten die Anwärter keinen vollwertigen Unterricht, unterstreicht auch die Schülervertretung.

(toc/dpa)