Landwirte in NRW in Not: Burnout auf dem Bauernhof

Landwirte in Not : Burnout auf dem Bauernhof

Wer als Landwirt in Nordrhein-Westfalen am Markt überleben will, muss investieren, expandieren und sich überdurchschnittlich engagieren. Viele geraten dabei an ihre Grenzen.

Viel Arbeit, schlechtes Image, wenig Rendite: Immer mehr Landwirte gehen aufgrund psychischer Erkrankungen vorzeitig in Rente. Die Zahl ist laut der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) von bundesweit 16,72 Prozent im Jahr 2013 kontinuierlich auf 20,89 Prozent im Jahr 2018 gestiegen. Eine Umfage des landwirtschaftlichen Nachrichtenportals „agrarheute“ ergab zudem, dass jeder vierte Bauer Burnout-gefährdet sein soll. Ein alarmierender Wert, den Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW zwar nicht bestätigen kann, der ihn aber auch nicht überrascht. „Stress und Druck in den Betrieben nehmen permanent zu“, sagt Rüb, „und wenn der Hof die Welt und der Bauer auf sich alleine gestellt ist, werden Probleme oft nicht früh genug erkannt.“

Bundesweit geben jährlich etwa zwei Prozent der Hofbesitzer auf, die Zahl der Betriebe ist von einer Million im Jahr 1971 auf aktuell etwa 280.000 geschrumpft. Wer in diesem Verdrängungswettbewerb überleben will, muss investieren, expandieren und sich überdurchschnittlich engagieren. Viele Landwirte würden dabei an ihre Grenzen geraten, sagt Stefan Adelsberger, der bei der SVLFG die speziell auf die bäuerliche Klientel zugeschnittene Kampagne „Mit uns im Gleichgewicht“ betreut. Die Situation sei komplex, erklärt er. „Landwirte pflegen zum Beispiel überproportional oft Familienangehörige zu Hause, dazu kommen oft innerfamiliäre Konflikte über Generationen hinweg und Streit um die Betriebsübergabe.“ Wenn aber das Lebenswerk vor dem Aus steht, dazu noch finanziell der Schuh drückt und keine Zeit bleibt, um sich Hilfe zu holen, kann es brenzlig werden.

Eine Anlaufstelle in solchen Fällen ist das Landfrauentelefon, ein gemeinsames Angebot des  Rheinischen und des Westfälisch-Lippischen Landfrauenverbandes. Sechs Beraterinnen bieten dort im Wechsel an zwei Vormittagen Hilfe in allen Lebenslagen, selbstverständlich anonym. „Unsere Aufgabe ist es, Entlastung zu verschaffen, Mut zuzusprechen und gegebenenfalls Wege zur weitergehenden Beratung aufzuzeigen“, sagt Geschäftsführerin Ursula Muhle. Bis zu vier Anrufe pro Tag gehen ein, hauptsächlich von Frauen, der Männeranteil liegt bei 25 bis 30 Prozent. Muhle wünscht sich, das Angebot zu erweitern und hofft auf Förderung durch das Landwirtschaftsministerium. Auch die SVLFG hat eine mit Psychologen besetzte Krisen-Hotline, die an sieben Tagen rund um die Uhr erreichbar ist. „Wir verzeichnen etwa 15 bis 25 Anrufe pro Woche“, sagt Adelsberger, „vom suizidalen Fall bis zu nur mal reden wollen.“

Überhaupt hat die SVLFG ein breites Programm für überforderte Landwirte aufgestellt. Es reicht vom Betriebsübergabe-Seminar über Kurse zum Stress-Management bis zu Online-Angeboten mit persönlichem Coach. Auch ein telefonisches Coaching über sechs Monate ist möglich. „Da kann der Landwirt dann auch mal den Traktor abstellen und bei der Feldarbeit telefonieren“, sagt Adelsberger. Ganz nach dem Motto: Wenn der Landwirt nicht zum Psychologen kommt, dann muss eben der Psychologe zum Landwirt.

Als Modellregion für das Programm diente Schleswig-Holstein, wo sich für das Projekt „Landwirte in Not“ seit 2015 ein breites Bündnis aus Landwirtschaftsministerium, Landwirtschaftskammer, Bauernverband, Bundesverband Deutscher Milchhalter, Nordkirche, Landfrauen und der SVLFG gefunden hat. „Ich glaube, dass wir da auf einem guten Weg sind“, sagt Adelsberger. Wichtig sei es etwa, das Problem Burnout und Depression zu entstigmatisieren. „Im ländlichen Umfeld haben viele Menschen Angst, zum Psychologen zu gehen, weil sie damit Schwäche zeigen.“

In NRW gibt es ein solch übergreifendes Bündnis bislang nicht. So offeriert die Landwirtschaftskammer laut Rüb nur eine sozioökonomische Beratung, bei der es um Hilfe bei betriebswirtschaftlichen Problemen geht. „Wenn wir vor Ort aber merken, dass die Ursachen komplexer sind und psychologische Unterstützung ratsam ist, bieten wir an, diese zu vermitteln“, sagt Rüb. Ein Indiz können Verstöße gegen den Tierschutz sein, hat sich in Schleswig-Holstein herausgestellt. Denn mit einer Depression steigt nicht nur das Risiko, dass sich der Bauer bei der Arbeit verletzt, er hat oft auch nicht mehr die Kraft, sich ausreichend um sein Vieh zu kümmern.

(JIS)
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