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Lagebild Clankriminalität NRW 2020: Clans begehen weniger Straftaten

Lagebild Clankriminalität 2020 : So agieren die Clans in NRW

Clans aus NRW mischen zunehmend im internationalen Drogenhandel mit. Sie sind an Produktionsstätten im Ausland beteiligt und organisieren den Handel nach Deutschland. Das Ruhrgebiet bleibt ihre „Hochburg“. Das Lagebild Clankriminalität 2020 gewährt neue Einblicke.

Im Kampf gegen kriminelle Clans hat die Polizei in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr etwas mehr Tatverdächtige ermittelt als im Jahr davor; die Zahl stieg auf 3826 Personen (plus 1,2 Prozent). Gleichzeitig ging die Zahl der festgestellten Straftaten um 5,3 Prozent auf 5778 zurück. Es gibt 112 Clan-Familien in NRW; eine mehr als im Jahr davor. Das geht aus dem neuen polizeilichen Lagebild zur Clankriminalität in NRW hervor, einer 44-seitigen Analyse des Landeskriminalamtes (LKA). Bei der Vorstellung des Berichts am Montag sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU): „Man hat zu lange weggeschaut.“ Nach vier Jahren könne man sagen, dass sich das Klima verändert habe. Unsere Erfolge in der Verbrechensbekämpfung sind kein Zufall. Der Kampf gegen kriminelle Clans gehört auch deutschlandweit nach oben auf die Agenda“, so Laschet weiter. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) ergänzte: „Von Anfang an war klar: Wir werden den Kriminellen Clans in NRW keine ruhige Minute mehr lassen. Diese Kriminalität besiegt man nur mit einem langen Atem.“

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Clan-Hochburgen Demnach begehen Clans weiterhin die meisten Straftaten in den Großstädten des Ruhrgebiets – und das mit Abstand. Essen bleibt die Hochburg dieses Milieus; 699 Clan-Delikte verzeichnete die Kreispolizeibehörde Essen in ihrem Einzugsgebiet. Es folgen Recklinghausen (487), Gelsenkirchen (469), Bochum (365), Dortmund (357), Duisburg (343), Köln (270) und Düsseldorf (210).

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Tatverdächtige und Straftaten Mehr als 70 Prozent der ermittelten Tatverdächtigen haben nur eine einzige Straftat begangen; bei knapp fünf Prozent wurden fünf oder mehr Straftaten dokumentiert. Demnach begingen 4,5 Prozent der Tatverdächtigen rund 23 Prozent der Straftaten. Fast 30 Prozent der Straftaten (1630 Fälle) machen Gewalttaten aus – dazu zählt auch Freiheitsentzug, also jemanden gegen seinen Willen einzusperren oder festzuhalten. Häufig werden von Clan-Angehörigen auch Vermögens- und Fälschungsdelikte, Diebstähle und Straftaten im Straßenverkehr begangen. Die meisten Tatverdächtigen sind zwischen 26 und 30 Jahre alt, 82 Prozent sind männlich. Der Großteil (1979 Personen) von ihnen besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit; es folgen Libanesen (651), Syrer (535), Türken (414). Bei den übrigen ist die Staatszugehörigkeit ungeklärt oder sie werden als staatenlos geführt.

Finanzermittlungen Sie wohnen zum Teil in Villen und fahren teure Autos: Angehörige krimineller Clans protzen häufig mit ihrem Reichtum, der mutmaßlich zu großen Teilen aus kriminellen Geschäften stammt. Die Behörden versuchen daher, die zum Teil schwer durchschaubaren Finanzströme offenzulegen und auszutrocknen. Im vergangenen Jahr haben die Sicherheitsbehörden durch sogenannte vermögensabschöpfende Maßnahmen in 48 Verfahren knapp vier Millionen Euro von Clanangehörigen und deren Mittätern eingezogen. Im Jahr davor waren es rund zwei Millionen Euro. „Erfolgreiche Vermögensabschöpfung entzieht den kriminellen Netzwerken die Möglichkeiten zur Geldwäsche“, heißt es im Lagebericht. „Auch wenn sich damit die abgeschöpfte Summe verdoppelt hat, stellt dieser Betrag einen vergleichsweise kleinen Teil der Gelder dar, den Clans durch kriminelle Geschäfte machen. Dieser dürfte im höheren zweistelligen Millionenbereich liegen. Trotzdem ist das natürlich ein Erfolg“, heißt es aus Ermittlerkreisen.

Organisierte Kriminalität Clankriminalität spielt in dem Bereich eine größer werdende Rolle. Von den 80 im Jahr 2020 erfassten Ermittlungsverfahren der Organisierten Kriminalität (OK) waren 16 Verfahren von türkisch-arabischstämmigen Clanfamilien dominiert. Dabei geht es vor allem um Rauschgift und Geldwäsche. In zwölf der 16 OK-Verfahren konnte die Ermittlungskommission die Höhe der durch die kriminellen Aktivitäten insgesamt erzielten wirtschaftlichen Vorteile, den sogenannten Tatertrag, auf rund 9,5 Millionen Euro taxieren. In diesen 16 OK-Verfahren sind 518 Tatverdächtige mit 31 unterschiedlichen Staatsangehörigkeiten – neben Tatverdächtigen mit ungeklärter oder ohne Staatsangehörigkeit – erfasst worden. Knapp ein Drittel der Tatverdächtigen in diesen Verfahren besitzt eine libanesische Staatsangehörigkeit.

Drogen Kriminelle Clans bauen mit ihren familiären Strukturen nationale und internationale Netzwerke für den Drogenschmuggel- und Handel auf. Laut Lagebild sind sie beteiligt an ausländischen Drogenproduktionsstätten und deren Finanzierung. Zudem kümmern sie sich auch um den Transport nach NRW und den Handel dort. Dabei kommt es aber immer wieder zu gewalttätigen Konflikten. Beispiel: Im Juni 2020 eskalierte eine Auseinandersetzung im Drogenmilieu zwischen einem Afghanen und einem Libanesen in einem Tötungsdelikt. Auslöser war ein Streit darüber, wer in einem bestimmten Gebiet berechtigt sei zu dealen. Der Täter stach das Mitglied einer großen Clanfamilie mit einem Messer nieder; das Clanmitglied starb.

Geschichte Die Geschichte der Clans, so haben die Ermittler festgestellt, beginnt in den 1930er Jahren. Ein Großteil stammt aus dem türkischen südöstlichen Grenzbereich, rund um die Provinz Mardin. In den 1930er Jahren sind sie von dort vertrieben worden und haben sich oft im Libanon niedergelassen. Auch dort konnten sie nur ein Leben am Rand der Gesellschaft führen. Als dann im Libanon in den 1980er Jahren der Bürgerkrieg ausbrach, sind viele von ihnen nach Europa gekommen, vorwiegend nach Deutschland und Skandinavien. In Deutschland haben sie sich in Berlin, Bremen, Niedersachsen und NRW niedergelassen, sind aber ausländerrechtlich zunächst nur geduldet und deshalb nach ihrem Empfinden nicht willkommen gewesen.