Angespannte Lage in Lützerath Erstes Kräftemessen vor Protestdorf-Räumung

Lützerath · Bereits am Dienstag kam es in Lützerath zu Rangeleien zwischen Polizei und Klimaaktivisten. Mit einem massiven Aufgebot an Einsatzkräften soll eine Eskalation verhindert werden.

Lützerath Bilder: Geschubse und Gebrüll am Tag vor der geplanten Räumung
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Geschubse und Gebrüll – Lützerath am Tag vor der geplanten Räumung

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Foto: dpa/Oliver Berg

Kurz vor der geplanten Räumung des Dorfes Lützerath hat es bereits am Dienstag erste Handgreiflichkeiten zwischen Klimaaktivisten und Polizeikräften gegeben. Am späten Vormittag begann die Polizei, Barrikaden wegzuräumen. Über Lautsprecher wurde an die Aktivisten appelliert,  Einsatzkräfte nicht anzugreifen. Dennoch kam es zu Rangeleien, es wurde geschubst und gebrüllt. Ein Aktivist mit Blut im Gesicht sagte, er sei an der Nase verletzt worden, als er von seiner Sitzblockade weggetragen worden sei. Mit einer Hebebühne holte die Polizei zwei Personen von einem sogenannten Monopod, einer Art Hochsitz, herunter. Seit Dienstag hat die Polizei aufgrund einer Allgemeinverfügung des Kreises Heinsberg die Möglichkeit zur Räumung des Dorfes, das dem Braunkohletagebau weichen soll. Die Polizei betonte jedoch, dass es sich noch nicht um die Räumung handelte.

In unübersichtlicher Formation hatten etwa 300 Aktivisten am Vormittag Menschenketten gebildet und eine Sitzblockade errichtet, bei der sich einige Beteiligte etwa einen halben Meter tief in die Erde eingegraben hatten. Die Aktivisten riefen unter anderem „Haut ab!“, „Schämt euch!“, „Auf die Barrikaden!“ und „Klima schützen ist kein Verbrechen!“. Der Ton gegenüber der Polizei war teils aggressiv, die Atmosphäre aufgeheizt. Die meisten Aktivisten waren vermummt. Manche sprachen Englisch, andere Französisch, Italienisch oder Niederländisch. Teilweise versuchten Aktivisten, die Polizisten von ihrer Sache zu überzeugen. „Es ist auch eure Verantwortung, was hier und auf der Erde passiert“, sagten sie. „Legt die Waffen nieder und wechselt die Seiten. Ihr steht auf der falschen Seite der Geschichte.“

Die Polizei drängte die Aktivisten mit massiven Kräften ab und schützte RWE-Mitarbeiter, die teils mit Baggern Barrikaden zerstörten. Einige Personen mussten von Einsatzkräften weggetragen werden. Bis zum Nachmittag wurde laut Polizei aber niemand festgenommen, sondern es wurden nur Personalien festgestellt. Angesichts der aufgeheizten Stimmung blieb die Lage grundsätzlich friedlich. Dennoch bereite ihm die Gewaltbereitschaft unter einigen Klimaaktivisten Sorge, erklärte der Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach am Mittag. So seien offenbar Steine und Dachziegel angehäuft worden, um sie als „Wurfmaterial“ gegen die Polizei zu verwenden.

Weinspach betonte das Bemühen der Polizei, deeskalierend vorgehen zu wollen. Neben sieben verbarrikadierten Häusern, die geräumt werden müssten, gebe es rund 25 Baumhäuser, aus denen Protestierende technisch aufwendig und sicher herausgeholt werden müssten. Für die Räumung werde ein Zeitraum von mindestens vier Wochen veranschlagt. Derweil wies auch das Oberverwaltungsgericht (OVG) NRW die Beschwerde von Klimaaktivisten gegen ein Aufenthaltsverbot in Lützerath ab. Die entsprechende Allgemeinverfügung des Landrats des Kreises Heinsberg zur Räumung der Ortslage vom 20. Dezember habe weiterhin Bestand, erklärte das Gericht in Münster (AZ: 5 B 14/23).

So sieht es kurz vor der Räumung in Lützerath aus​
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So sieht es kurz vor der Räumung in Lützerath aus

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Foto: dpa/Oliver Berg

Der Vorstand des Diözesanrates der Katholiken in Aachen und die Superintendenten der evangelischen Kirchenkreise Gladbach-Neuss und Jülich sprachen sich in einer gemeinsamen Erklärung am Dienstag für ein sofortiges Moratorium für die Räumung des Geländes aus. Stattdessen sollten sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen, um „die noch zur Versorgungssicherheit notwendigen Kohlemengen für die Stromerzeugung zu sichern und dann schnellstens die Braunkohlenutzung zu beenden“. Die Kirchenvertreter riefen alle Beteiligten zur Deeskalation auf. Eine Räumung berge gleichermaßen Gefahren für Leib und Leben der Polizisten wie für die jungen Menschen, die verzweifelt Widerstand leisteten. Besorgt zeigte sich auch der Bürgermeister der Stadt Erkelenz, Stephan Muckel (CDU). Er hoffe, dass es einigermaßen friedlich bleibe. (mit dpa)

(mit dpa)
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