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Kriminelle Familienclans breiten sich in NRW aus

Kriminelle Familien : Die Macht der Clans in NRW

In Mettmann bestehen Kontakte zu den Hells Angels, an der Düsseldorfer Kö protzen sie mit ihren Autos. Die Verbindungen von kriminellen Familienclans aus NRW reichen bis nach Skandinavien.

Es sind in der Regel Viertel, die sich im Niedergang befinden, in denen sich kriminelle Clans niederlassen, ausbreiten und ihre Strukturen festigen. „Sie sind immer in Stadtteilen mit günstigen Mieten, hoher Arbeitslosigkeit – wie in Essen-Altenessen oder in Duisburg-Marxloh – zu finden“, sagt Thomas Jungbluth, leitender Kriminaldirektor des Landeskriminalamtes (LKA). Dieses Verhaltensmuster fördert nach Einschätzung der Ermittler die Abschottung gegenüber Dritten und stärkt die innere Verbundenheit des Clans.

Die größte Community lebt in Essen. Hinzu kommen Gelsenkirchen, Recklinghausen, Duisburg, Bochum und Dortmund in unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlicher krimineller Belastung. Düsseldorf steht zwar noch nicht so stark im Fokus wie das Ruhrgebiet. Aber auch hier gibt es Clanangehörige. „Sie stellen ihre Besitztümer gern öffentlich zur Schau: Man zeigt und ist, was man hat. So bietet gerade die Flaniermeile der Düsseldorfer Kö eine Plattform, Luxuskarossen beim Car-Posing“ zu präsentieren“, sagt Jungbluth.

In Duisburg agieren die Clans im gesamten Stadtgebiet – hauptsächlich in Laar, Hochfeld und Marxloh. Bei ihnen handelt es sich laut eines internen Polizeiberichts vor allem um „Mardin-Kurden“, im Polizeijargon auch „Schein-Libanesen“ genannt, die zwischen 1975 und 1990 aus der Türkei ins Ruhrgebiet kamen. Dem Staat gelang es nie, sie abzuschieben, obwohl ihre Asylanträge regelmäßig abgelehnt wurden. Die Abschiebungen scheiterten, so steht es in dem Polizeibericht, an für ungültig erklärten Reisepässen.

Die Staatsangehörigkeit der Clanmitglieder, sagt Jungbluth, sei nur schwer zu umreißen. Etwa ein Drittel dieser Klientel habe die libanesische Staatsangehörigkeit, etwa ein Drittel die deutsche, der Rest teile sich auf in Türkisch, Staatenlos, oder eine andere Staatsangehörigkeit. Viele Clanmitglieder seien zudem bildungsfern und verfügten über keinen Schulabschluss, wollten aber im täglichen Leben über viel Geld verfügen, so Jungbluth. Die Familien sind sehr kinderreich. Laut LKA sind zehn Kinder nichts Ungewöhnliches. „Der Staat stellt kinderreichen Familien Sozialleistungen zur Verfügung, und die greifen die Clans natürlich ab“, sagt der Chefermittler für Organisierte Kriminalität in NRW.

Die Clans sind immer auf der Suche nach neuen lukrativen Geschäftsfeldern. Deshalb mischen sie auch im Musikgeschäft mit – konkret im „Gangster-Rap-Business“, zu dessen bekanntesten Protagonisten Bushido zählt. Mit Konzerten, Downloads im Internet, Umsätzen bei CD-Verkäufen oder Werbung bei „YouTube“ lässt sich laut LKA viel Geld verdienen. Familienclans würden entsprechende Künstler protegieren. Gangster-Rapper nutzen ihre aggressiven Songtexte und die sozialen Medien, um sich gegenseitig zu provozieren („dissen“), drehen an der Eskalationsschraube und „takten“ sich so hoch („battle“). Nach dem Motto: Ich bin noch härter drauf als der andere. „Und irgendwann muss man dann den Worten Taten folgen lassen. Die Lage schaukelt sich hoch. Darin liegt das Risiko“, sagt Jungbluth. „Je mehr Follower ich habe, desto mehr Geld kann ich verdienen. Und das ist interessant für Clans“, betont er. Auch die eher kritische Berichterstattung in Medien über aggressive Songtexte führe eher zu höheren Verkaufszahlen in der Szene als zu einer kritischen Reflexion, so der Ermittler.

Sorge bereiten den Sicherheitsbehörden auch die sogenannten Shisha-Bars, die derzeit fast in jeder Stadt wie Pilze aus dem Boden schießen. Zwar seien laut Ermittlungen nicht alle problematisch. Aber viele Clans betreiben Shisha-Bars und verdienen Geld mit dem Verkauf von unversteuertem Wasserpfeifentabak. „Wir glauben, dass viele dieser Bars nur deshalb finanzielle Gewinne abwerfen. Das fällt in die Zuständigkeit des Zolls. Wir binden den Zoll daher in unsere Maßnahmen intensiv ein“, erklärt Jungbluth. Verbindungen bestehen in NRW auch vereinzelt zu kriminellen Rockern. „Wir hatten zum Beispiel ein Charter der Hells Angels in Mettmann mit einigen Clan-Angehörigen“, sagt Jungbluth. „Für Clanmitglieder kann die Rockerkutte interessant sein, weil sie damit nach außen ihre Machtansprüche noch besser zeigen können.“

Die rund 50 in NRW aktiven Clans verfügten über sehr archaische Strukturen. „Der Clan wird patriarchalisch geführt und steht über allem. Alles, was dem Clan nutzt, ist gut. Alles, was den Clan in Gefahr bringen kann, ist schlecht“, so der Kriminaldirektor. In einer Polizeiakte heißt es wörtlich: „In Ihrem hierarchisch geprägten System werden Ehrverletzungen als Beleidigungen der ganzen Familie betrachtet und müssen mit einem Angriff auf den Ehrverletzenden geahndet werden.“ Und dabei machen sie auch bei Polizisten keine Ausnahme.

Der Familienpatriarch leitet die Geschicke. Gibt es Probleme zwischen den Familien, regelt er das. Oder ein sogenannter Friedensrichter wird hinzugezogen. „Um eine Fehde zu bereinigen, treffen sich die Clan-Chefs mit Friedensrichtern zum Beispiel in einer Gaststätte. Man isst gut und klärt die Probleme. Im Ergebnis muss dann zum Beispiel die Familie A der Familie B etwas zahlen. Dann herrscht wieder Frieden“, sagt Jungbluth. „Der Staat ist außen vor. Das macht die Sache so gefährlich.“

Innerhalb der Clans bleibt man unter sich. Je stärker die Gruppierung wird, desto mehr Dominanz, desto leichter kann der Clan seine Geschäftsinteressen entfalten – legaler und illegaler Art. Diese Interessen werden gegenüber allen anderen verteidigt. Das führt dann zum Beispiel zu den sogenannten Tumultdelikten, bei denen Polizisten und Mitarbeiter von Ordnungsbehörden und Rettungsdiensten mitten auf der Straße plötzlich von Dutzenden Clanmitglieder umringt werden. Dieser Zusammenhalt macht es der Polizei extrem schwierig, an Informationen aus den Clans zu kommen. Über mögliche V-Leute in der Szene möchte man beim LKA nichts sagen. „Wir versuchen, Angebote für einen Ausstieg aus dem kriminellen Milieu zu entwickeln. Und wir versuchen auch, deutlich zu machen, dass sich Rechtstreue lohnt. Das ist aber extrem schwierig“, sagt Jungbluth. Und umgekehrt müssen Polizisten, Richter und Staatsanwälte aufpassen, nicht ins Visier von Clans zu geraten. „In NRW kann ich keinen konkreten Fall benennen. Aus Niedersachsen kenne ich solche Fälle“, sagt Jungbluth. „Die Gefahr von Einschüchterungsversuchen besteht, ganz klar.“

Die Geschichte der Clans, so haben die Ermittler festgestellt, beginnt in den 1930er Jahren. Sie stammen aus dem türkischen südöstlichen Grenzbereich, rund um die Provinz Mardin. In den 1930er Jahren sind sie von dort vertrieben worden und haben sich oft im Libanon niedergelassen. Auch dort konnten sie nur ein Leben am Rand der Gesellschaft führen. Als dann im Libanon in den 1980er Jahren der Bürgerkrieg ausbrach, sind viele von ihnen nach Europa gekommen, vorwiegend nach Deutschland und Skandinavien. In Deutschland haben sie sich in Berlin, Bremen, Niedersachsen und NRW niedergelassen, sind aber ausländerrechtlich zunächst nur geduldet und deshalb nach ihrem Empfinden nicht willkommen gewesen. „Daraus haben sie abgeleitet: Wenn wir als Familienclan überleben wollen, dann müssen wir unsere Interessen gegen jede Form von äußerer Einwirkung schützen. Jeder, der uns Regeln vorgeben will oder unsere Regeln in Frage stellt, den müssen wir als Feind betrachten“, sagt Jungbluth. Und der Feind ist der Rechtsstaat.

(csh )