Korbach: Jura-Student führte 16 Jahre Doppelleben als Bankräuber

Lebensunterhalt durch Beute finanziert : Jura-Student führte 16 Jahre Doppelleben als Bankräuber

Rund 16 Jahre lang soll ein gescheiterter Jura-Student aus Nordrhein-Westfalen ein Doppelleben als Bankräuber geführt haben. Ein Luxusleben finanzierte er damit aber nicht.

„Er hat seinen Lebensunterhalt ausschließlich durch die Begehung von Straftaten finanziert“, sagte Alexander Badle von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Dienstag im nordhessischen Korbach. Dort wurden die Ergebnisse der Ermittlungen gegen den 45-Jährigen vorgestellt, der in U-Haft sitzt. Er soll bei 20 Überfällen seit 2002 in Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen insgesamt 400.000 Euro erbeutet haben.

Der 45-Jährige aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein lebte aber nicht in „Saus und Braus“, wie Badle erklärte. Der Mann habe mit 2000 Euro pro Monat „ein zurückgezogenes und bescheidenes Leben geführt“. Freunden und Verwandten gab er laut Staatsanwaltschaft vor, erfolgreich Jura studiert zu haben und für einen Autokonzern zu arbeiten. Dabei habe er schon vor Abbruch des Studiums mit den Überfällen begonnen. Zu den Familienverhältnissen wollten die Ermittler keine Angaben machen.

2002 machte der Mann laut Anklage seinen ersten Überfall auf ein Geschäft in Gießen, dann folgten ein bis zwei Raubzüge pro Jahr - meist auf kleine Banken auf dem Land. Die Beute: mal ein paar Hundert Euro, mal Zehntausende, manchmal gar nichts. Immer wenn er Geld brauchte, habe er mit Pistolen- oder Bombenattrappe Banken überfallen.

Mehrere Ermittlergruppen machten Jagd auf den Räuber. Sie hießen beispielsweise Arbeitsgruppe „Dünner Mann“ oder „Basecap“, weil der Räuber so beschrieben wurde oder entsprechende Kopfbedeckung trug. Auch das ZDF-Magazin „Aktenzeichen XY...ungelöst“ berichtete - ohne allerdings wissen zu können, dass die gezeigten Fälle nur ein kleiner Teil einer Raubserie waren.

Nach dem letzten Überfall im Januar 2018 auf eine Bank im nordhessischen Diemelsee fügten die Ermittler das Puzzle endgültig zusammen und kamen dem mutmaßlichen Bankräuber auf die Schliche. Den Ausschlag habe ein „brauchbarer Hinweis“ gegeben, sagten die Ermittler, ohne Details zu nennen. Im März nahmen 100 Beamte bei einem Großeinsatz den 45-Jährigen fest. Der Mann sei „relativ ruhig und gefasst gewesen“. Eine echte Pistole fanden die Ermittler nicht. Er habe „vermutlich nie eine scharfe Schusswaffe geführt“.

Obwohl Oberstaatsanwalt Badle den Fall als tragisch bezeichnete, verweisen die Ermittler auch auf den Schaden, den der Mann angerichtet haben soll: Einige der 100 Opfer hätten durch die Überfälle posttraumatische Störungen erlitten und teilweise bis heute Angstattacken.

Gegen den Mann wurde bereits vor dem Landgericht Limburg (Hessen) Anklage erhoben. Einen Prozesstermin gibt es noch nicht. „Raubüberfälle dieser Art sind eigentlich nostalgisch“, erklärte Badle. Im Internet könnten Verbrecher mit weniger Aufwand größere Ergebnisse erzielen. Auch das mache den Fall tragisch.

(felt/dpa)