Konsequenzen für Bonner Polizisten nach Angriff auf jüdischen Professor

Schwere Vorwürfe nach antisemitischem Vorfall: Bonner Polizist nach Attacke auf Kippa-Träger versetzt

Der israelische Professor Yitzhak Melamed aus Baltimore erhebt nach dem Vorfall schwere Vorwürfe gegen die Polizei – die Staatsanwaltschaft ermittelt nun.

Der Polizeieinsatz nach einer antisemitischen Attacke auf einen israelischen Hochschulprofessor in Bonn hat für die Beamten nun Konsequenzen: egen die vier Beamten im Alter von 25 bis 28 Jahren, die wegen einer Verwechslung den jüdischen Professor Yitzhak Melamed verfolgt und geschlagen haben sollen, hat die Bonner Polizei Disziplinarverfahren eingeleitet. Der Beamte, der die Schläge gegen den am Boden liegenden Wissenschaftler ausgeteilt haben soll, ist außerdem innerhalb der Behörde von der Einsatzhundertschaft in eine andere Abteilung versetzt worden, teilte Polizeisprecher Robert Scholten mit.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sieht keinen Grund für personelle Konsequenzen und verweist auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Kölner Polizei. „Bisher sieht alles nach einem verhängnisvollen Missverständnis aus“, sagte Reul. „Es wird nichts vertuscht, im Gegenteil: Wir tun alles, um den Fall rückhaltlos aufzuklären. Das sind wir der Öffentlichkeit, aber auch Professor Melamed schuldig.“

Am Wochenende hatte sich Melamed, der als Gastprofessor aus Baltimore für einen Vortrag nach Bonn gereist war, zu Wort gemeldet. Er zeigte sich empört über die Darstellung der Polizei zu dem Vorfall und hielt ihr vor, „haltlose Lügen“ zu verbreiten. Er habe sich beim Einsatz der Polizei nicht gewehrt, wie die Behörde in ihrer Stellungnahme darlegte. „Ich war bewegungsunfähig und konnte nicht atmen“, erklärte Melamed. Die vier Polizisten hätten sich von zwei Seiten auf ihn gestürzt. Er schrieb von „wenigen Dutzend Schlägen“, die er abbekommen habe, gegenüber anderen Medien sogar von 60 bis 80 Schlägen.

Ein Zeuge, der namentlich nicht genannt werden will, schilderte dem Bonner „General-Anzeiger“, der Zugriff sei „äußerst brutal“ gewesen. Er hatte allerdings aus rund 15 Metern Entfernung beobachtet, dass nur einer der Polizisten den Professor im Sprung niederlegte, als der seinem ursprünglichen Angreifer hinterherlief. Der Zeuge konnte schnelle Armbewegungen des Polizisten über mehrere Sekunden, aber keine Schläge ins Gesicht wahrnehmen. Die anderen drei Polizisten hätten drumherum gestanden. Ob der Professor sich gewehrt habe, habe er nicht erkennen können.

Der Professor betont, dass er nach dem Vorfall zweimal aussagen musste. Beim ersten Kontakt habe man ihm eine Beschwerde gegen die Polizisten im Einsatz ausreden wollen. Erst bei einer zweiten Vernehmung sei er höflicher behandelt worden. Laut Scholten ist die zweifache Vernehmung, zunächst in der Wache und anschließend im Polizeipräsidium zur genaueren Anhörung, ein gewöhnlicher Vorgang.

Bonns Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa hatte sich am Tag nach dem Angriff mit Melamed getroffen, um sich vor dessen Abflug nach Baltimore persönlich zu entschuldigen. Der habilitierte Philosoph äußerte nun seine Vermutung, dass sie sich nur entschuldigt habe, weil er „ein Professor und kein Underdog“ sei, und sieht sich als Opfer „brutaler Polizeigewalt“.

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Mittlerweile befasst sich die Bonner Staatsanwaltschaft mit den Fällen. Gegen den 20-Jährigen, der den US-Amerikaner beschimpft, angegriffen und ihm die Kippa vom Kopf geschlagen haben soll, prüft  die Staatsanwaltschaft laut Behördensprecher Sebastian Buß die Straftatbestände Körperverletzung, Beleidigung und Volksverhetzung.

Die Kippa ist religiöse Kopfbedeckung gläubiger Juden. Ob die Polizisten sich durch ihr Verhalten der Körperverletzung schuldig gemacht haben, werde in einem zweiten Verfahren geprüft. Die Ermittlungen stünden noch am Anfang.

Insgesamt vier Polizisten waren am Mittwochnachmittag zum Hofgarten beordert worden. Als die Polizisten der Einsatzhundertschaft dort eintrafen, verwechselten sie offenbar Täter und Opfer. Einerder Beamten schlug ihn ins Gesicht, weil er sich gewehrt habe, so die Darstellung der Polizei. Udo Schott, Vorsitzender der Bonner Polizeigewerkschafter, sagte am Montag: „Das ist nun die Stunde der Ermittler. Es gibt einige Widersprüche, die aufgeklärt werden müssen.“ Auf die Frage, warum ausschließlich junge Beamte im Einsatz waren, sagte er, es sei „wünschenswert“, wenn stets ein erfahrener Polizist mit unterwegs sei, eine entsprechende Dienstvorschrift gebe es aber nicht.

Auch der Bonner CDU-Landtagsabgeordnete Christos Katzidis fordert eine „ruhige, sachliche Aufklärung“. Katzidis war vor seinem Mandat als Landespolitiker 26 Jahre im Polizeidienst, zuletzt als Dezernatsleiter für Personal, Aus- und Weiterbildung zuständig. „Im Innenausschuss nach der Sommerpause werden wir den Vorfall sicher aufarbeiten müssen“, sagte Katzidis.

Staatsanwaltschaft und Polizei suchen Zeugen, um den Einsatz besser rekonstruieren zu können und fragen, wer am Mittwochnachmittag zwischen 14.20 Uhr den Vorfall beobachten konnte, 02 28/150.

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