1. NRW
  2. Panorama

Köln: Uniklinik-Beschäftigte tragen dramatische Erfahrungsberichte vor

Uniklinik-Beschäftigte teilen Erfahrungen in Köln : „Vielleicht hätte ich seinen Tod verhindern können“

Die Beschäftigten der Unikliniken streiken seit zehn Wochen für bessere Arbeitsbedingungen. In einer Kölner Kirche haben sie nun Berichte von Pflegekräften vorgelesen, die sie für ein „Schwarzbuch Patientensicherheit“ gesammelt haben. Es sind dramatische Fälle – für die Patienten, aber auch für die Pflegenden.

Es sind Hunderte Menschen, die am Montagmittag in die Sankt-Agnes-Kirche in Köln gekommen sind. Die meisten von ihnen sind Pflegekräfte und Beschäftigte der sechs Unikliniken Nordrhein-Westfalens. Aber auch einige Lokalpolitiker und Anwohner sind da. Anuschka Mucha ist Krankenpflegerin an der Uniklinik Köln. „Wir haben jahrelang geschwiegen und versucht, ein kaputtes System aufrechtzuerhalten“, sagt sie. Die Pflegekräfte wollen deutlich machen, was Personalmangel konkret bedeutet, welche Schicksale und Geschichten dahinterstecken. Sie haben Hunderte Erfahrungsberichte von Kollegen für ein „Schwarzbuch Patientensicherheit“ zusammengetragen. „Die Berichte sind keine Ausnahmen, sondern unser Alltag“, sagt Mucha. Die Erfahrungsberichte sollen die Entwürdigung zeigen, die nicht nur Patienten, sondern auch das Personal in Kliniken aushalten müssen, wie Mucha sagt. Sie sollen einen „Blick in den Abgrund unseres Gesundheitssystems“ eröffnen.

Anuschka Muchas Kollegin Stefanie Schuhmacher ist seit 30 Jahren Krankenschwester und arbeitet seit 20 Jahren als Intensivschwester in Köln. Sie beschreibt ihre Arbeit während der Pandemie als reinen „Fließband-Job“. Sie erinnert sich daran, wie sie oft abends erschöpft nach Hause ging und nie das Gefühl hatte, ihren Patienten wirklich geholfen zu haben. Sie erzählt von Menschen, die einsam an Corona verstorben sind und um die sich auch nach deren Tod auf der Station so lange niemand kümmern konnte, bis die Leichenstarre bereits eingesetzt hatte. „Ich habe auch eineinhalb Jahre danach immer noch Schuldgefühle“, sagt sie.

 Die Kirche im Kölner Agnesviertel war am Montag voll besetzt.
Die Kirche im Kölner Agnesviertel war am Montag voll besetzt. Foto: dpa/Federico Gambarini
  • Die Arthur-Schlossmann-Kinderklinik am Universitätsklinikum in Düsseldorf.⇥RP-Foto:
    „Sehr angespannte Situation“ : Kaum noch freie Betten in Düsseldorfer Kinderkliniken
  • Mit alarmierenden Botschaften demonstrierten die Klinik-Beschäftigten
    Langer Arbeitskampf : Streikendes Klinik-Personal fordert „Machtwort“ der Landesregierung
  • Astrid Klumb (v.l.), Nia Tran, Laura
    Palliativzimmer in der St. Lukas Klinik in Solingen : Ein angstlösender Ort zum Abschiednehmen

Seit zehn Wochen streiken die Beschäftigten der NRW-Unikliniken in Bonn, Aachen, Köln, Düsseldorf, Essen und Münster unter dem Schlagwort „Notruf NRW“ für bessere Arbeitsbedingungen. In ihrem Kampf um den „Tarifvertrag Entlastung“ gibt es noch keine Annäherung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Fronten sind verhärtet. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte den Uniklinik-Beschäftigten zuletzt zwar den Rücken gestärkt und Ende Juni gesagt, die Landesregierung wolle, dass der Tarifvertrag zustande komme. „Wir haben ihn aber darauf hingewiesen, dass das nicht alles ist, was er tun kann“, sagt Anuschka Mucha. „Er steht in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die Grundversorgung der Bürgerinnen und Bürger sichergestellt wird.“

Die Erfahrungsberichte dokumentieren, was es für die Patientenversorgung- und Sicherheit bedeutet, wenn die Pflegekräfte ständig in Unterbesetzung arbeiten, und wie sehr es sie mitnimmt, immer wieder diesen Situationen ausgesetzt zu sein. Da ist zum Beispiel Leila. Sie arbeitet an der Aachener Uniklinik und berichtet in der Agneskirche von einem Spätdienst, in dem das Team eigentlich kaum einsatzfähig war, weil viele Kollegen krank waren. „Auf der Station waren auch demente Patienten, unter ihnen auch ein 80-Jähriger, der gerade eine Magen-Operation überstanden hatte“, erzählt sie. Der Mann sei immer recht aktiv gewesen und man habe ein wenig auf ihn achten müssen, wenn er auf der Station herumlief und sich alles anschaute. „Ich war zuletzt am Nachmittag bei ihm, da saß er friedlich auf der Bettkante und las Zeitung“, sagt Leila.

Sie weiß noch, dass sie zweieinhalb Stunden später wieder nach ihm sehen wollte, aber ein Notfall dazwischenkam. „Ich bin den ganzen Tag von A nach B gelaufen, erst abends um 18.30 Uhr konnte ich wieder ins Zimmer des Patienten.“ Sie habe sofort bemerkt, dass er extrem blass war. „Er lag im Bett, wir mussten ihn reanimieren. Aber er ist leider verstorben.“ Der demente Patient hatte mit der Fernbedienung seines Bettes gespielt und das Kopfteil, das wegen der Magen-OP angewinkelt war, flach runtergefahren. Liegend verschluckte er sich und erstickte. „Ich mache mir heute noch Vorwürfe“, sagt Leila. „Wenn ich früher in sein Zimmer gekommen wäre, hätte ich seinen Tod vielleicht verhindern können.“

 Der Kriminalbiologe Mark Benecke kam als Unterstützer der Aktion.
Der Kriminalbiologe Mark Benecke kam als Unterstützer der Aktion. Foto: dpa/Federico Gambarini

Die Pflegekräfte haben bei der Veranstaltung prominente Unterstützung. Kriminalbiologe Mark Benecke trägt den anonymen Bericht einer Pflegerin vor, die neu auf einer Kinderintensivstation war, kaum Erfahrung hatte und gleich bei ihrem ersten Notaufnahmeeinsatz einen besonders dramatischen Fall miterleben musste – sie musste mit einspringen, weil zu wenige Kollegen da waren. Eine Mutter wollte nicht wahrhaben, dass die Ärzte ihrem Kind, das ertrunken war, nicht mehr helfen konnten. „Sie versuchte dann selbst, das Kind wiederzubeleben“, sagt Benecke. Den Schrei der verzweifelten Mutter könne die Pflegerin nicht mehr vergessen. Damals brach sie im Schwesternzimmer weinend zusammen, aber niemand hatte Zeit, sich um sie zu kümmern. „Ich musste gleich danach wieder funktionieren.“

Auch der Kabarettist Christoph Sieber unterstützt die Aktion. „Dass eine Kirche so voll ist, hat es in Köln wahrscheinlich lange nicht gegeben“, sagt er. Er berichtet vom Fall eines „Case-Managers“, der für die Bettenpläne in einer Klinik zuständig ist und immer wieder in Gewissenskonflikte gerät, weil er Privatpatienten vorziehen muss – auch, wenn ein gesetzlich Versicherter das Bett dringender benötigte.

Mit tosendem Applaus und stehenden Ovationen werden die Pflegekräfte, die ihre Geschichten geteilt haben, am Ende verabschiedet. Draußen vor der Kirche halten sie ein Transparent hoch: „Personalmangel tötet – aber danke für den Applaus.“