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Köln: Prozess gegen Reemtsma-Entführer Thomas Drach startet

Höchste Sicherheitsstufe beim Prozess in Köln : Reemtsma-Entführer Thomas Drach steht erneut vor Gericht

Thomas Drach wurde durch die Entführung von Jan Philipp Reemtsma 1996 zu einem der bekanntesten Verbrecher Deutschlands. Er war lange in Haft und soll danach an vier Raubüberfällen auf Geldtransporter beteiligt gewesen sein. Fragen und Antworten zum Prozess, der am Dienstag in Köln beginnt.

Unter großen Sicherheitsvorkehrungen startet am Dienstag vor dem Kölner Landgericht der Prozess gegen Thomas Drach und einen mutmaßlichen Mittäter. Es geht um eine Serie von Überfällen auf Geldboten.

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Was wird Thomas Drach vorgeworfen?

Die Anklage lautet unter anderem auf versuchten Mord und besonders schweren Raub. Drach soll 2018 und 2019 vier Raubüberfälle auf Geldtransporter in Köln, Frankfurt am Main und Limburg begangen haben. Der Vorwurf des versuchten Mordes bezieht sich auf die Tat in Frankfurt. Dort soll er einen Geldboten durch einen Schuss mit einem Revolver schwer verletzt und dessen Tod billigend in Kauf genommen haben. Die Oberschenkelvene des Mannes wurde zerfetzt, er musste notoperiert werden. Die Staatsanwaltschaft sieht als Mordmerkmale Habgier und Verdeckungsabsicht.

Auch bei einem Überfall am Flughafen Köln/Bonn soll Drach auf den Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma geschossen und ihn im Oberschenkel getroffen haben. Der Mitangeklagte soll bei den Taten geholfen haben. In allen Fällen sollen die Angeklagten gestohlene Autos benutzt haben, die sie dann in Brand steckten, ehe sie ihre Flucht mit einem weiteren Fahrzeug fortsetzten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Gesamtbeute mehr als 230.000 Euro betrug.

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  • Thomas Drach in Hamburg (Archivbild).
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  • Thomas Drach wird von zwei Polizeibeamten
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Drachs kriminelle Vergangenheit

Drach wurde 1961 in Erftstadt geboren, sein Vater war leitender Angestellter eines großen Konzerns, die Mutter Sekretärin. Mit 13 Jahren wurde Drach erstmals von der Polizei aufgegriffen, weil er Autos geknackt hatte. Als 18-Jähriger überfiel er einen Supermarkt und wurde erstmals verurteilt. Drei Jahre später stand er wegen Diebstahls erneut vor Gericht. Kurz bevor er die Strafe antreten sollte, raubte er mit seinem Bruder eine Bank aus. Dafür wurde er 1982 zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. 1995 wurde er wegen schweren Diebstahls und Urkundenfälschung gesucht.

Ein Jahr später entführte Drach mit Komplizen den Erben der Hamburger Tabak-Dynastie Reemtsma, Jan Philipp Reemtsma, damals 44 Jahre alt. 33 Tage hielten die Entführer Reemtsma im Keller eines angemieteten Hauses gefangen. Nach Zahlung von 15 Millionen D-Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken Lösegeld ließen sie ihn schließlich frei. Drach war danach zwei Jahre lang Deutschlands meistgesuchter Verbrecher.

Drachs Festnahme und Verurteilung

 Im Juli 2000 wurde Thomas Drach von Argentinien nach Deutschland gebracht und wegen der Reemtsma-Entführung zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Nun wird er erneut vor Gericht stehen. (Archivbild)
Im Juli 2000 wurde Thomas Drach von Argentinien nach Deutschland gebracht und wegen der Reemtsma-Entführung zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Nun wird er erneut vor Gericht stehen. (Archivbild) Foto: dpa

Nach der Reemtsma-Entführung setzte sich Drach nach Südamerika ab, lebte dort mit dem Millionen-Lösegeld ein Luxusleben. Im März 1998 nahmen Spezialeinheiten Drach in einem Fünf-Sterne-Hotel in Buenos Aires fest. Er wollte dort ein Konzert der Rolling Stones besuchen. Erst zwei Jahre später, im Juli 2000, ordnete der damalige argentinische Staatspräsident Drachs Auslieferung an, und er wurde den deutschen Behörden übergeben. Nur ein kleiner Teil des Lösegelds ist wieder aufgetaucht.

 Für die Reemtsma-Entführung verurteilte ihn das Hamburger Landgericht zu vierzehneinhalb Jahren Gefängnis. Im Herbst 2013 kam er wieder frei. Nach seiner Entlassung 2013 setzte Drach sich wieder ins Ausland ab. Bei dem Überfall am Flughafen Köln/Bonn filmte ein Zeuge im März 2019 eines der Fluchtautos. Dass Drach zu den mutmaßlichen Tätern gehörte, war da noch nicht klar. Mit verdeckten Ermittlungen gelang es der Polizei, den Wagen ausfindig zu machen – in Amsterdam. Dort wurde Drach im Februar vergangenen Jahres festgenommen. Auf die Frage, warum er seine Fähigkeiten nicht legal in einem Beruf eingesetzt habe, sagte Drach vor einigen Jahren: „Da wäre ich ja 50, wenn ich ans große Geld komme.“ Heute ist er 61 Jahre alt.

Der Kölner Prozess

Die Hauptverhandlung gegen Drach und einen mutmaßlichen Komplizen beginnt am Dienstag, 1. Februar, um 9.15 Uhr vor der 21. großen Strafkammer im Kölner Landgericht. Insgesamt wurden 53 Hauptverhandlungstermine festgelegt. Der vorläufig letzte Hauptverhandlungstag ist für den 29. September 2022 geplant. Die 21. große Strafkammer wird als Schwurgericht tätig. Diese Zuständigkeit ergibt sich nach Angaben des Gerichts, weil Drach auch zwei versuchte Tötungsdelikte zur Last gelegt werden.

In der Hauptverhandlung ist die Kammer mit drei Berufsrichtern einschließlich des Vorsitzenden und zwei Schöffen besetzt. Die Sitzungsleitung hat der Vorsitzende Richter Michael Bern. Der 59-Jährige ist seit 29 Jahren Richter. „Er gehört zu den erfahrensten Kräften des Landgerichts Köln, der als jahrelanger Vorsitzender einer Schwurgerichtskammer schon eine Vielzahl schwieriger und komplexer Strafverfahren geleitet hat“, sagt ein Gerichtssprecher. Bern leitete unter anderem das Verfahren um eine Rocker-Schießerei im Kölner Lokal „No Name“ und das Verfahren um eine Schießerei am Kölner Großmarkt unter Beteiligung von SEK-Kräften im Juni 2011.

Sicherheitsvorkehrungen rund um den Prozess

An allen Verhandlungstagen gilt die höchste Sicherheitsstufe. Rund um das Gerichtsgebäude, das in Köln an der vielbefahrenen Luxemburger Straße liegt, werden zeitweise Straßen gesperrt und Halteverbotszonen eingerichtet. Der Angeklagte wird aus der JVA Köln-Ossendorf möglicherweise mit einem Hubschrauber zum Gericht gebracht. Nähere Auskünfte dazu erteilt die Polizei Köln nicht. Zur Frage, warum derart hohe Vorkehrungen notwendig sind, sagt eine Behördensprecherin: „Sicherheitskonzepte können nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie nicht öffentlich bekannt werden. Nur so ist es der Polizei möglich, den Sicherheitsaspekten mit der erforderlichen Taktik zu begegnen.“ Die  Geheimhaltung beziehe sich sowohl auf das Ausmaß etwaiger Maßnahmen als auch auf Aspekte der Gefahrenlage sowie deren Einschätzung.

Rund um das Justizzentrum wurden in dieser Woche schon Absperrungen und Schilder aufgestellt, die auf ein absolutes Halteverbot vom 1. Februar bis zum 29. September hinweisen, nach jetzigem Stand dem Tag des Urteils.

(mit dpa)