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Köln/Krefeld: Gnadenhöfe leiden unter der Pandemie

Fehlende Spenden, immer mehr Tiere : Gnadenhöfe durch Corona am Limit

Spenden bleiben aus, Sommerfeste mussten ausfallen und mehr Pferdebesitzer haben ihre Tiere abgegeben – die Pandemie hat auch die Situation auf den Gnadenhöfen in NRW erschwert. Dabei hatten die Einrichtungen schon vorher kaum noch Platz.

Noch ein paar Tage, dann ziehen die nächsten ein auf dem Gnadenhof in Krefeld-Oppum – fünf Shetland-Ponys, zwei sind trächtig. „Sie gehören einem älteren Mann, der jetzt schweren Herzens ins Seniorenheim umziehen muss“, sagt Annemarie Hendricks, die Besitzerin des Hofs. Eigentlich hat sie keinen Platz mehr. „Aber die Leute finden mich immer und ich mach für die Ponys noch ein paar Plätzchen frei, dann kann der ältere Herr sie besuchen, wenn er mal raus kann“, sagt die 65-Jährige.

Die Corona-Pandemie hat die Situation auf dem Gnadenhof erschwert. Vorher lebten hier 40 Pferde, Ponys und Esel. „Mit den Shetland-Ponys überschreiten wir die glorreiche 60 und haben dann 62 Pferde und Ponys und vier Esel.“ Dazu kommen Katzen, Gänse, Ziegen und ein Hund. Insgesamt leben 80 Tiere auf dem Gnadenhof.

Annemarie Hendricks hat den „Verein für notleidende Pferde und Ponys“ im Jahr 2000 gegründet. Den Hof hat sie schon vorher von ihrem Vater übernommen. „Der sagt immer, ich war im vorigen Leben bestimmt selbst ein Pferd“, sagt sie. Sie kann schwer Nein sagen, das verbindet sie mit allen Tierschützerin. „Wir hatten hier tragische Fälle in den vergangenen Monaten.“ Weil ein Pferdebesitzer wegen der Pandemie seinen Job verloren hat, mussten er und seine Frau ihr 19 Jahre altes Pferd abgeben, wie Hendricks erzählt. „Das Pferd war wie ein Kind für die beiden, aber sie müssen ihr Haus noch abbezahlen und sind finanziell in echte Not geraten.“ Vor allem für ältere Tiere sei eine solche Veränderung schwer, sagt sie. „Das sieht man ihnen an, sie sind traurig, fressen erstmal nicht mehr.“ Ein anderes Pferd war vor einigen Wochen einfach von seinen Besitzern in einem Stall zurückgelassen worden. „Wir kriegen Pferde aus dunklen Ecken, da vermutet kein Mensch ein Tier drin“, sagt Hendricks. Die Stute war völlig abgemagert. Auf dem Hof wird sie nun aufgepäppelt.

 Dieses abgemagerte Pferd wurde vor einiger Zeit auf dem Gnadenhof in Krefeld abgegeben.
Dieses abgemagerte Pferd wurde vor einiger Zeit auf dem Gnadenhof in Krefeld abgegeben. Foto: RPO/Hendricks
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Ein weiteres Problem der Corona-Krise ist, dass ein großer Teil der Spenden ausbleibt. Rund 6500 Euro braucht Annemarie Hendricks jeden Monat allein für Futter und Hufschmied. „Und da ist der Tierarzt noch nicht drin“, sagt sie. Sie ist froh, dass der „Bund deutscher Tierfreunde“ immerhin das Kraftfutter stiftet. Im vergangenen Sommer konnte sie Futterhilfen beim Land NRW beantragen, die gibt es nun aber nicht mehr.

Ralf Unna ist Tierarzt und Vizepräsident des Landestierschutzverbandes NRW. Ihn wundert nicht, dass viele in der Krise ihre Pferde abgeben mussten. „Viele unterschätzen, was ein Pferd kostet – allein die Haltung kostet rund 500 Euro im Monat, also 6000 Euro im Jahr“, sagt er. Dazu komme der Schmied, der Sattler und Impfungen. Jeder Tierarztbesuch sei sehr viel teurer als für ein Kleintier. „Das kann schnell fünfstellig werden“, sagt Unna. „Das überblicken viele Leute nicht, sie geraten in finanzielle Schieflagen, was zwar auch schon vor Corona so war, nun aber natürlich durch die Krise verschärft wurde.“ Ein Pferd sei eine auf Jahrzehnte ausgelegte enorme finanzielle Belastung. „Ein Pferd wird 30 Jahre alt“, sagt Unna. „Da kommen eine viertel Million Euro zusammen – das kann sich ein Normalverdiener nicht leisten.“

Auf dem Gnadenhof Wattenscheid leben zwar sehr viel weniger Tiere – vier Pferde, sieben Ponys, sieben Katzen, vier Ziegen und zwei Gänse. Aber auch dort fehlen die Spenden und Einnahmen. „Wir waren allerdings schon vor der Pandemie voll und konnten gar keine weiteren Tiere mehr annehmen in den letzten Monaten“, sagt die Betreiberin Karin Jericho. Aber da schon im zweiten Jahr Reitertrödelmarkt, Ostereiersuche, Sommerfest und etliche Kinderprogramme wegfallen, kommt zu wenig Geld zusammen. „Wenn jetzt ein Pferd krank wird, haben wir ein echtes Problem“, sagt die 58-Jährige.

Annemarie Hendricks und Karin Jericho hoffen, dass es im Herbst nicht zu einer dritten Welle kommt. „Ich kann meinen Tieren ja nicht sagen: Nächstes Woche gibt es nichts zu fressen,“ sagt Hendricks. Sie will nicht darüber nachdenken, was wird, wenn die Spenden weiter ausbleiben.

Wer spenden möchte, findet hier alle Kontaktdaten zum Krefelder Gnadenhof und zum Hof in Wattenscheid.