Kölner Polizei gibt Details bekannt „Sinnentleerte Brutalität“ – Festnahmen nach Nizza-Krawallen

Köln · Nach den schweren Fußballkrawallen in Nizza hat die Polizei am Mittwoch Wohnungen und Häuser in Köln und anderen Städten durchsucht. Am Nachmitttag gab die Kölner Polizei weitere Einzelheiten zu dem Großeinsatz bekannt.

Anhänger des 1. FC Köln lieferten sich in Nizza Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans.

Anhänger des 1. FC Köln lieferten sich in Nizza Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans.

Foto: AP/Daniel Cole

Vier Wochen nach den schweren Fußballkrawallen in Nizza haben am frühen Mittwochmorgen 400 Polizeikräfte Wohnungen und Häuser in Köln, Hürth, Pulheim und Bergisch Gladbach durchsucht und fünf Haftbefehle vollstreckt.

Fünf Männer zwischen 22 und 43 Jahren, sie alle sind Anhänger des 1.FC Köln, werden nun wohl in Untersuchungshaft sitzen, wenn ihr Verein am Donnerstag in der Conference-League gegen Partizan Belgrad spielt. Am Nachmittag liefen die Vorführungen der Beschuldigten beim Haftrichter noch. Ihnen wird gefährliche Körperverletzung und schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen.

 Ein Teil der Gegenstände, die die Polizei bei den Durchsuchungen sichergestellt hat.

Ein Teil der Gegenstände, die die Polizei bei den Durchsuchungen sichergestellt hat.

Foto: dpa/Thomas Banneyer

Die Fahnder der Ermittlungsgruppe „Nizza“ hatten bewusst den Tag vor dem Spiel für die Maßnahmen gewählt, um ein abschreckendes Signal gegen Gewalt im Fußball zu setzen. „Ob das für eine nachhaltige Irritation in der Szene sorgt, wird man sehen“, sagt Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn am Nachmittag bei einer Pressekonferenz im Polizeipräsidium Köln. Dass im Bereich „Gewalttaten im Fußball“ fünf Haftbefehle parallel vollstreckt werden, habe es so bundesweit jedenfalls noch nicht gegeben, wie er betont.

Insgesamt konnte die Polizei nach dem Conference-League-Spiel zwischen OGC Nizza und dem 1. FC Köln in Nizza am 8. September 16 Tatverdächtige identifizieren. Von allen konnten am Morgen bei den Durchsuchungen die Mobiltelefone sichergestellt werden, zudem viele weitere potenzielle Beweismittel wie Schlagstöcke, eine Machete, ein Elektroschocker und Schals der gegnerischen Mannschaft.

Maßgeblich geholfen haben den Ermittlern Hunderte Hinweise, Videos und Fotos, die Zeugen der Krawalle auf einem Hinweisportal hochgeladen hatten. Allein 600 verschiedene Videos waren darunter. „So konnten wir die Ermittlungen schnell voranbringen“, sagt Ermittlungsleiter Michael Esser. Kölns Polizeipräsident Falk Schnabel dankt den Fußballfans für Ihre Mithilfe. „Die Täter von Nizza haben auch dem 1. FC Köln und dem Ansehen des Fußballs schweren Schaden zugefügt“, sagt Schnabel.

Noch vor Anpfiff des Spiels hatte die Kölner Polizei Kräfte für die Ermittlungsgruppe zusammengezogen. Bei der Auswertung der Dateien waren auch Super Recognizer behilflich, die sich überdurchschnittlich gut Gesichter einprägen und diese in einer Menschenmenge wiedererkennen können. Alle 16 Tatverdächtigen sind schon mehrfach im Zusammenhang mit Gewaltdelikten und Sport aufgefallen. Drei von ihnen werden bei der Polizei als „Gewalttäter Sport“ geführt. 15 von 16 gehören einer Ultra- oder Hooligan-Gruppierung an, wie Kriminaldirektor Esser sagt. Die Fahndung nach weiteren Beteiligten dauert an.

32 Menschen waren bei den Krawallen verletzt worden, nachdem vor dem Spiel Anhänger beider Clubs auf den Tribünen aufeinander losgegangen waren. Pyrotechnik wurde geworfen, auch Messer kamen zum Einsatz. Ein Franzose stürzte von einer Tribüne fünf Meter in die Tiefe und erlitt schwere Verletzungen. Oberstaatsanwalt Willuhn spricht von einer „sinnentleerten Brutalität testosterongesteuerter Schwerkriminieller“. „Ich bin nicht gewillt, sie Fans oder Anhänger zu nennen“, sagt er. Nur für den Thrill würden die Täter auch den Tod eines Menschen in Kauf nehmen, davon ist Willuhn überzeugt.

Aus Sicht des Oberstaatsanwalts liegt „der Ball aber auch im Feld des Vereins und der Ultra-Gruppierungen“, wie er sagt. Immer wieder war es in den vergangenen Jahren zu schweren Ausschreitungen verfeindeter Clubs mit Verletzten gekommen. Auch Michael Esser hält eine deutlichere Distanzierung des 1. FC Köln nach Ausschreitungen für wünschenswert.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte in Düsseldorf, die Bilder der Ausschreitungen seien entsetzlich gewesen: „Offenbar haben diese Leute nur eines im Sinn: Randale, Krawall und Gewalt. Mit Fußball oder Fan-Kultur hat das nichts zu tun.“

Noch am Mittwoch teilte die Polizei dem 1. FC Köln sämtliche Namen der Tatverdächtigen mit. Der Club kann nun Stadionverbote aussprechen. Die UEFA hat den Verein wegen der Ausschreitungen bereits zu einer Geldstrafe in Höhe von 100.000 Euro verurteilt. Zum Spiel gegen Belgrad werden nach Angaben der Polizei etwa 700 Gästefans erwartet, bis zu 150 von ihnen gelten als Risikofans. Auch mit 270 Kölner Ultras und 80 Hooligans wird gerechnet. Die Polizei wird mit vielen Einsatzkräften vor Ort sein.

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