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Köln - Eine Nacht mit Obdachlosen vor dem Hauptbahnhof

Kölner Aktion „Eine Nacht mit Obdachlosen“ : „Es kann jeden treffen“

Für obdachlose Menschen ist der Winter die härteste Zeit. Zwei Kölner Vereine haben am Wochenende dazu eingeladen, eine Nacht mit Obdachlosen vor dem Hauptbahnhof zu verbringen. Prominente wie Günter Wallraff kamen mit Schlafsack und Isomatte.

Es sind knapp über drei Grad am Freitagabend in Köln. Menschen eilen mit Kapuzen über den Köpfen über den Bahnhofsvorplatz. Schnell nach Hause, bevor der Regen kommt. Vor einem weißen Zelt verteilen Ehrenamtliche Gulaschsuppe an Frauen und Männer, die kein Zuhause haben. Für sie hat mit dem Winter die schwerste Zeit des Jahres begonnen. Da ist Dagmar, 55 Jahre alt und studierte Medizinerin. Seit dreieinhalb Jahren lebt sie auf der Straße. Wie es dazu kam, erzählt sie offen, und doch bleibt vieles im Nebel. Nach einem Familiendrama und einem psychischen Zusammenbruch verlor sie ihre Wohnung. „Das kann schneller gehen als man zu denken wagt“, sagt sie.

Um auf die Schicksale von Obdachlosen aufmerksam zu machen, haben zwei Kölner Vereine am Wochenende eine ungewöhnliche Aktion veranstaltet: Unter dem Motto „Eine Nacht mit Obdachlosen“ waren Interessierte dazu eingeladen, auch einmal eine Nacht auf der Straße zu schlafen – direkt vor dem Kölner Hauptbahnhof. Die Aktion der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) und der Obdachlosenhilfe „Helping Hands Cologne“ wurde von Prominenten wie dem Journalisten und Schriftsteller Günter Wallraff, Pfarrer Franz Meurer, der Künstlerinitiative „Arsch huh“ oder dem Kabarettisten Jürgen Becker unterstützt.

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Während Wallraff sich gegen Mitternacht aufwärmt, indem er immer wieder eine Runde über den Bahnhofsvorplatz joggt, breitet Becker gleich drei Schlafsäcke aus. „Ich habe auch Hand- und Fußwärmer dabei“, sagt er. „Köln sollte versuchen, die Obdachlosigkeit zu beseitigen, es ist ja nichts, was sein muss.“ Becker denkt etwa an Hotels und Kirchen, die zu Obdachlosenzentren werden könnten. „Niemand sollte auf der Straße schlafen müssen.“ Und dem ramponierten Ruf der katholischen Kirche würde es auch nicht schaden, meint Becker.

Wallraff engagiert sich schon länger in Obdachloseninitiativen. „Ich habe schon als 19-Jähriger auf einer Tramp-Tour durch Skandinavien in Obdachlosenasylen das Leben von Menschen kennengelernt, die man sonst nicht trifft“, sagt er. Für seine Reportage „Unter Null“ lebte Wallraff vor zehn Jahren viele Wochen auf der Straße, schloss sich Obdachlosen an und schlief bei minus 15 Grad in Hauseingängen. Er hörte sich viele Lebensgeschichten an und sagt heute: „Es kann jeden treffen – mich auch. Ich habe Unternehmer und Rechtsanwälte getroffen, die auf der Straße zu Alkoholikern wurden, weil es so unerträglich war.“ Er traf auch viele junge Leute, deren einziger Gefährte ein Hund war. „Früher habe ich wie viele gedacht: Mensch, die sind jung, die können doch arbeiten“, sagt Wallraff. „Aber man überwindet solche Vorurteile, wenn man die Menschen kennenlernt.“

Nach der neuesten Wohnungslosenstatistik des Landessozialministeriums sind mehr als ein Fünftel der Obdachlosen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre. Die Zahl der Wohnungslosen in Nordrhein-Westfalen steigt seit Jahren. Im vergangenen Jahr waren  49.987 Menschen in NRW obdachlos. Mit der Landesinitiative „Endlich ein Zuhause!“ werden seit drei Jahren die Kommunen mit jährlich drei Millionen Euro unterstützt, die statistisch am meisten von Wohnungslosigkeit betroffen sind.

Für Frauen ist es besonders schwer. Dagmar muss vor allem nachts Übergriffe fürchten. Erst vor kurzem hat ein Mann mit der Faust auf die Plane gehauen, die sie beim Schlafen auf einer Parkbank über sich gezogen hatte, damit niemand sieht, dass sie eine Frau ist. „Ich habe ihm ruhig gesagt, er soll bitte weitergehen“, erzählt sie. Doch der Mann sei zurückgekommen, habe versucht, sie sexuell zu nötigen. „Ich konnte ihn abwehren und bin zur Polizei gelaufen.“ Als sie zur Bank zurückkam, waren ihre Sachen durcheinandergeworfen. „Der Mann war also noch ein drittes Mal da“, sagt sie.

Dagmar ist nun vorübergehend in einem Hostel untergekommen. „Helping Hands“ hat das Haus mit Hilfe von Spenden gemietet, bis Ende März können dort 25 Obdachlose wohnen. „Es ist keine eigene Wohnung, aber ein sicheres Dach über dem Kopf“, sagt Dagmar. Und nachts muss sie nicht zwei Mützen übereinander aufziehen und sich in zwei Schlafsäcke legen, damit sie nicht friert.

Auch Karl-Heinz Gerigk verbringt die Nacht am Bahnhof. „Ich werde trotzdem nicht nachfühlen können, was ein Obdachloser empfindet“, sagt der 62-Jährige. „Aber die Aktion ist wichtig, weil sie Aufmerksamkeit erzeugt.“ Gerigk war 2014 bundesweit in den Schlagzeilen, weil seine Zwangsräumung aus einer günstigen Mietwohnung im Kölner Agnesviertel zum Symbol für die unerwünschten Folgen der Gentrifizierung in deutschen Innenstädten wurde. Vor seinem Haus zogen damals Demonstranten auf und skandierten „Alle für Kalle!“, um die Räumung durch die Polizei zu verhindern. Nicht nur die Nachbarschaft solidarisierte sich gegen die Pläne des Hauseigentümers, der aus seinem Zuhause eine Luxus-Eigentumswohnung machen wollte. Seitdem ist Gerigk ein Streiter für Mieterrechte und eine soziale Stadtentwicklungspolitik. Er wünscht sich praktische Lösungen, etwa die Nutzung von Leerstand oder die Umwandlung von Notunterkünften in Wohnhäuser. Oder kurzfristig für den Winter zumindest Wärmezelte in den Innenstädten.

Rainer Kippe von der SSM sagt: „Das EU-Parlament und die künftige Ampel-Koalition haben beschlossen, bis 2030 in der EU und in Deutschland die Obdachlosigkeit ganz zu überwinden. Wir fordern: Ein städtisches Programm zur Überwindung der Obdachlosigkeit bis 2030.“ Ihm ist klar, dass die dreitägige Aktion vor dem Bahnhof zwar keine einzige Wohnung schafft. Er hofft aber, dass sie Mitgefühl mit der Situation der Obdachlosen erzeugt hat.

Dagmar wird in den nächsten Wochen in ihrem Hostel-Bett zwar ruhig schlafen können, aber wie ein Zuhause fühlt sich das Zimmer für sie nicht an. „In einem Zuhause hätte ich meine Bücher, Musik, meine Filme“, sagt sie. „Ich könnte tun und lassen, was ich will.“ Von solch einem Ort träumt sie.

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