Klimawandel in NRW: Fünf Betroffene erzählen von den Folgen

„Fridays for Future“ : Wie Menschen aus NRW den Klimawandel erleben

Klimawandel? Ist doch schön, wenn es im Sommer etwas wärmer in Deutschland ist. Solche Sprüche sind fatal. Fünf Betroffene erzählen, warum.

28 Grad, das klingt nach Freibad, Eis und warmen Sommerabenden auf der Terrasse. Für Dietmar Schitthelm klangen 28 Grad nach Lebensgefahr. Auch ein Jahr danach erinnert er sich noch gut an jene Tage im vergangenen Sommer, als Deutschland schwitzte und beim Niersverband alle Alarmglocken schrillten. Denn es war nicht die Außentemperatur, die an der 30-Grad-Marke kratzte, sondern die des Wassers. Die Niers, der Fluss entlang der Städte Mönchengladbach, Geldern, Kevelaer oder Goch, hitzte immer stärker auf.

Je wärmer das Wasser wird, desto stärker sinkt der Sauerstoffgehalt. Allein das ist schon eine Belastung, doch hinzu kam die große Trockenheit, die in Deutschland herrschte. „Wochenlang ist nur wenig Wasser durch die Abwasserrohre geflossen“, erinnert sich der Chef des Niersverbands. In den Rohren sammelten sich Schmutzstoffe. Normalerweise würden diese einfach irgendwann in die Kläranlage abfließen. Aber was, wenn es plötzlich stark regnet? So stark, dass die Kläranlage die Wassermassen nicht aufnehmen kann? „Wir hatten eine Riesenangst vor Starkregenereignissen, durch die der ganze Dreck von mehreren Wochen in die Flüsse gelangt wäre“, sagt Schitthelm. „Dadurch wären vermutlich alle Fische gestorben – so wie 2010, als wir auch wochenlang hohe Temperaturen hatten.“

Starkregen, Trockenheit, Stürme. Das Wetter spielt immer wieder mal verrückt. Aber durch den Klimawandel kommen solche Phänomene immer häufiger vor – nicht nur in Asien, Afrika oder anderen Teilen der Welt. Nein, auch direkt vor der eigenen Haustür. Der Klimawandel wird Nordrhein-Westfalen massiv verändern. „Sturm, Starkregen und Hochwasser sind potentielle Gefahren für die Industrieanlagen, die mehr Aufmerksamkeit als bisher erfordern“, analysiert das NRW-Umweltministerium. Für ältere oder kranke Menschen sind die zu erwartenden höheren Temperaturen ein Gesundheitsrisiko. Selbst der Tourismus könnte sich verändern. Die wärmeren Temperaturen sorgen für weniger Schnee, was etwa den Skitourismus trifft. „Klimaprojektionen lassen für den Zeitraum von 2036 bis 2065 – verglichen mit 1961 bis 1990 – eine Abnahme der Schneemenge um 40 bis 60 Prozent erwarten“, schreibt das NRW-Umweltministerium.

Viele Menschen spüren die Auswirkungen schon heute. Das sind ihre Geschichten.

Ronald Kaiser ist seit elf Jahren Eigentümer und Kapitän der MS Jura, einem Containerschiff, das einmal die Woche von Rotterdam nach Köln fährt. Über die niederländischen Rhein-Arme Nieuwe Maas und Waal bis nach Emmerich den Rhein hinunter, über den Knotenpunkt der deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg. Von Hafen zu Hafen liegt die Fahrzeit bei mindestens 30 Stunden, schneller geht es auf dem Rückweg mit dem Strom. Kaisers Schiff ist mit einer Tragfähigkeit von 5200 Tonnen „nicht das größte, aber ziemlich groß.“ Er transportiert vor allem Export-Ware wie Kleidung und Düngemittel. Zu seinen Kunden gehören etwa Henkel und Daimler.

Wie viel Arbeit es für ihn gibt, hängt von Faktoren wie der wirtschaftlichen Lage ab. Aber alles in allem konnte er bislang nicht klagen. Dann kam das vergangene Jahr – und mit ihm erhebliche Verluste. Die lang anhaltende Trockenheit führte zu Rekord-Tiefwasserständen am Rhein, allein in Emmerich schrumpfte der Strom im Oktober auf 22 Zentimeter Wassertiefe.

Die Containerschiffe konnten ihre Kapazität nicht mehr voll nutzen. Die Gefahr, mit der Fracht auf Grund zu laufen, war zu groß. „Dadurch blieben zum Teil zwei Drittel der Ladung stehen“, sagt der Kapitän. Das führte etwa zu Spritmangel an den hiesigen Tankstellen – und zu einem Defizit in Kaisers Portmonee.

Für die gleiche Warenmenge mussten seine Kunden mehrere Fahrten bezahlen – und gingen über zum Transport per Lkw, der die gleiche Strecke mit nur einem Bruchteil der Ware, aber dafür in drei Stunden fährt. „So lange wie im vergangenen Jahr hat das Niedrigwasser noch nie angedauert“, sagt Kaiser.

Vorwürfe an "Fridays for Future" - und die Antworten

Dietmar Schitthelm ist 2018 sogar auf Grund gelaufen. Seit 40 Jahren ist der Chef des Niersverbands in der Wasserwirtschaft unterwegs, aber das hat er noch nie erlebt. Normalerweise lädt der Verband Politiker einmal im Jahr zu einer Floßfahrt auf die Niers ein, bei der verschiedene Projekte entlang des Flusses gezeigt werden. „Im vergangenen Jahr war das aufgrund des niedrigen Wasserstands nicht möglich“, sagt Schitthelm. „Wir haben deswegen eine Fahrt mit dem Paddelboot unternommen, trotzdem sind wir zwischen Kevelaer und Geldern aufgesetzt und mussten uns freischaufeln.“

Der Verlauf der Niers wurde in der Vergangenheit für die Landwirtschaft optimiert. Schitthelm und seine Mitarbeiter machen viele dieser Änderungen nun wieder rückgängig, damit der Fluss den Phänomenen des Klimawandels besser trotzen kann. „Allein in den vergangenen fünf Jahren hatten wir fünf Überflutungen in der Region“, sagt Schitthelm.

Doch nicht nur der Pegel des Flusses beschäftigt den Niersverband, auch die Abwasserreinigung bereitet Kopfzerbrechen. Sie werde immer intensiver werden, prognostiziert Schitthelm, weil angesichts der klimatischen Bedingungen die Zahl der Keime zunehmen werde.

„Viele Leute denken, sie müssten in Deutschland Wasser sparen, dabei ist das in Privathaushalten momentan kein Gebot“, sagt der Verbandsvorsitzende. Das Wasser müsse fließen, damit die Keimbelastung sinkt. Er plädiert stattdessen für mehr Sparsamkeit an anderer Stelle: „Wir haben eher das Problem, dass die Landwirtschaft zu viel Wasser verbraucht.“ Im vergangenen Sommer habe die Vielzahl der Wasserkanonen, mit denen die Landwirte ihre Felder gesprengt hätten, dafür gesorgt, dass der Grundwasserpegel teilweise unter den Stand der Niers gesunken ist, wodurch auch der Fluss Wasser verlor. Man müsse sich die Frage stellen, ob sich die industrielle Landwirtschaft nicht generell überholt habe, sagt Schitthelm: „Letztlich ist die Landwirtschaft durch die Massentierhaltung mitverantwortlich für den Klimawandel.“

Monika Rönn kann sich noch sehr gut an die Nacht vom 19. auf den 20. April 2017 erinnern. Abends gegen 21 Uhr sanken die Temperaturen plötzlich auf null Grad, in der Nacht sogar auf minus sieben.
„80 Prozent unserer Apfel- und Birnenblüten sind in der Nacht erfroren“, sagt die Bio-Obstbäuerin aus Meckenheim-Ersdorf. Spätfrost könne es immer geben – dass der Hof flächendeckend so viel Verlust macht, ist aber sehr selten.

Wie viele Früchte am Baum sind, hängt davon ab, wann der Baum blüht, erklärt die Bäuerin. „Und aufgrund des milden Winters blühten die Apfelbäume 2017 zwei Wochen zu früh.“ Der Klimawandel wird für die Obstbauern zum Damokles-
Schwert: Bereits leichte Wetter-Schwankungen gefährden die Blüte, Extremwetterlagen zerstören sie ganz. Und die Auswirkungen auf das folgende Jahr sind beachtlich. „Im vergangenen Jahr war das Wetter im Frühjahr normal, aber die Trockenheit im Sommer ließ die Äpfel schneller reifen, sie waren nicht lagerfähig und zu klein.“ 25 Prozent der Erträge gingen verloren.

Durch den Wassermangel konnten die Bäume auch nicht genug Nährstoffe einlagern. Also rechnet die Bäuerin auch in diesem Jahr mit deutlichen Ertrags-Verlusten in einigen Sorten. Mit einer Frostschutzberegnung könne man die Blüten zwar schützen: Die Pflanzen werden dabei so dünn besprüht, dass sie eine Eisumhüllung bilden, die sie vor Frostschäden schützt. Dafür fehle es in der Gegend aber an geeigneten Wasserstellen. Mit dem Wasser- und Bodenverbund der Region seien die Obstbauern um eine Lösung bemüht, sagt Rönn. Bis dahin greift sie auf Frostschutzkerzen und Hagelnetze zurück, aber auch auf Obstsorten, die nicht so wetterempfindlich sind. „Manchmal kann ich nur eine Kerze anzünden und hoffen“, sagt sie: „Als Obstbauer bin ich im Großhandel schnell austauschbar.“ Dem Kunden seien Wetterbedingungen egal. Der kaufe, was billiger ist und zur Not woanders herkommt.

Es ist eine der großen Fragen der Zukunft, wie schnell sich die Pflanzen- und Tierwelt an die veränderten Bedingungen anpasst. In Zukunft könnten sich zum Beispiel Orchideen in NRW in freier Wildbahn ausbreiten. Auch für Reptilien könnte das wärmere Klima das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands zu einem attraktiveren Lebensort machen. Doch eine Studie des NRW-Umweltministeriums zeigt, dass mehr als ein Viertel der untersuchten rund 1200 Tierarten und jede achte der rund 1900 betrachteten Pflanzenarten negativ auf die Klimaerwärmung reagiert hat – oder in Zukunft voraussichtlich darunter leiden wird. Zum Beispiel Bienen.

Dieter Weinkauf aus Düsseldorf züchtet sie seit fünf Jahren. Gestartet ist der 55-Jährige mit zwei Bienenvölkern, inzwischen betreut er 50. Der Klimawandel sorgt Weinkauf zufolge dafür, dass die Völker viel früher mit dem intensiven Brüten anfangen als zuvor, in diesem Jahr etwa bereits im Februar.

In Deutschland leben rund
550 verschiedene Bienenarten. Zu milde Winter sind für viele Honigbienen einer Studie von Forschern der Universität Würzburg zufolge problematisch. Beginnen sie zu früh mit der Flugaktivität, kann es sein, dass sie zu wenig Nahrung finden und wertvolle Energie vergeuden, die im Herbst dann fehlt.

Dieter Weinkauf hat außerdem beobachtet, dass seine Bienen nicht nur früher mit dem Brüten anfangen, sondern dieses auch später einstellen. „Das Bienenjahr beginnt früher und geht später zu Ende“, sagt der Imker. Als Imker sei es seine Aufgabe, stets die von Klima, Witterung und Tracht abhängige Entwicklung seiner Völker im Blick zu haben. Die frühere Brutzeit und der frühere Schwarmtrieb haben auch für Weinkauf selbst Konsequenzen: Mit seiner Arbeit beginnt auch er rund zwei bis drei Wochen früher als noch vor einigen Jahren.

Dazu gehört zum Beispiel, einen zweiten Brutraum, Königinnen-Absperrgitter und Honigräume einzurichten. Weinkauf ist überzeugt: „Wenn Bienen richtig betreut werden, wird es ihnen auch in Zukunft nicht schlecht ergehen.“

Raik Gröning sagt, dass all die Probleme im Wald sich in Zukunft eher noch verstärken werden. 2018 war kein gutes Jahr für den Revierförster in Kürten im Bergischen Land. Extreme Wetterspitzen, niederschlagsarme Monate und ein Temperaturanstieg haben vor allem der Fichte zugesetzt. Darum müssen sich die Wälder verändern, anpassen, klimastabiler werden.

Den „Grundstein“ setzt Raik Gröning dafür selbst. Der Förster pflanzt nun solche Bäume, die gegen höhere Temperaturen und Witterungsbedingungen besser gewappnet sind. Gröning begreift das Fichtensterben auch als Chance, den Wandel im Wald einzuleiten: „Auf den freien Flächen können Mischkulturen mit Laubbäumen angepflanzt werden, die ohnehin besser hierher passen. Auch Nadelbäume wie die japanische Lärche und die Douglasie sind geeigneter für die veränderten klimatischen Bedingungen.“

Doch kurzfristig gibt es keine Lösung: Der Forstbetrieb sei eben nicht wie die Landwirtschaft, wo man Jahr für Jahr entscheiden könne, was angebaut wird. Im Wald wird im Hinblick auf die nächsten 50 Jahre geplant. „Wir Förster gehörten zu den ersten, die angefangen haben, nachhaltig zu wirtschaften“, sagt Gröning. Das sei bereits vor 20 Jahren der Fall gewesen, als der Klimawandel für viele noch kein Thema war. Darum sei man jetzt gut aufgestellt. Trotzdem macht er sich Sorgen um die Zukunft der Wälder. „Wir können ja nicht hellsehen. Um
1,5 Grad Celsius soll sich das Weltklima in den nächsten hundert Jahren erwärmen. Auf Basis dieser wissenschaftlichen Prognosen plane ich. Wenn Klimaziele nicht eingehalten werden und die Temperaturen um zwei bis drei Grad steigen, dann ist die Situation eine andere.“

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