Kindesmisshandlung in NRW: Aus dem Alltag einer Gerichtsmedizinerin in Köln

Aus dem Alltag einer Gerichtsmedizinerin : Der Horror nebenan

Die Kölner Gerichtsmedizinerin Sibylle Banaschak hat sich auf Fälle von Kindesmisshandlungen spezialisiert. Ihr grauenhafter Alltag bleibt der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Künftig soll sie Kinderärzte in NRW beraten. Ein Blick hinter die Kulissen.

An ihren ersten Einsatz als Expertin für Kindesmisshandlung erinnert Sibylle Banaschak sich noch genau. Mitte der 90er Jahre in Münster, Banaschak hatte sich längst einen Ruf als gestandene Gerichtsmedizinerin erarbeitet, legte sie dem Gericht ihr Gutachten vor: Der Angeklagte muss das Kind mit dem Kopf in heißes Wasser getaucht haben. Anders seien die Verletzungen des Kindes nicht zu erklären. „Das Gericht hat ihn freigesprochen, weil ein anderer Gutachter gesagt hatte, dass es auch ein Unfall hätte sein können“, sagt Banaschak. Sie blickt aus dem Fenster. „Ich glaube noch heute, dass es kein Unfall war.“

Sind die blauen Flecken Folgen eines Sturzes oder von roher Gewalt? Hat der kleine Junge sich den Arm wirklich gebrochen, als er sich im Gitterbett verhakt hat? Und was ist mit dem kleinen Mädchen, das sich seit einigen Tagen zurückzieht und kaum noch isst? Wurde es sexuell missbraucht?

Ein Röntgenbild eines Kinderarms. Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Weit mehr als 100 Mal pro Jahr muss Sibylle Banaschak solche Fragen beantworten. Und ab Mai noch öfter. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat der Vize-Chefin des Instituts für Rechtsmedizin an der Kölner Uniklinik eine ebenso bedrückende wie notwendige Aufgabe übertragen. Die 50-Jährige leitet künftig ein Zentrum für Kinderschutz, das Ärzte in ganz NRW bei Verdacht auf Missbrauch oder Misshandlung von Kindern berät.

Ob der Fall in Münster sie frustriert habe? Banaschak rückt ihren Drehstuhl von einem mit Akten und Ausdrucken übersäten Schreibtisch ab. Er ist viel zu groß ist für das winzige Büro in einem schmucklosen Zweckbau am Rande des Kölner Melaten-Friedhofes. Ein paar Räume weiter stehen die Seziertische der Kölner Rechtsmedizin, auf denen Banaschak und acht weitere Ärzte rund 800 Leichen pro Jahr untersuchen. „Nein“, sagt sie, „wenn man das Böse jagen will, muss man Polizist werden.“

Rechtsmediziner seien „Wissenschaftler, die unaufgeregt die Frage klären: Was ist passiert?“ Und dann rutscht der zweifachen Mutter eine Bemerkung heraus, die ahnen lässt, dass ihr Blick auf die Schrecken ihres Arbeitsalltages doch nicht so unaufgeregt ist: „Wenn wir diese Frage nicht klar bekommen, kann es nochmal passieren.“

Sie sagt: „klar bekommen“, wenn sie „klären“ meint, und Augen sind für sie schon mal „Gucksteine“. Sibylle Banaschak hat in Bochum studiert. „Mein Grönemeyer-T-Shirt habe ich noch.“ Man kann kaum glauben, dass solche Sätze aus demselben Mund kommen, der wenige Minuten zuvor noch den Horror einer Wirklichkeit beschrieben hat, die nur wenige Menschen kennen.

„Auf den ersten Blick sah das wie ein normales Familiendrama aus“, berichtet Banaschak von einem Einsatz, der sie bis heute verfolgt: „Vater bringt erst seine Familie um und dann sich selbst.“ Die Ermittler gingen davon aus, dass der Täter sein Kind mit einem Hammer erschlug. Erst die Rechtsmedizinerin stellte an dem toten Kinderkörper später Abwehrspuren fest. „Da wusste ich, das Kind hatte sich noch gewehrt“, sagt Banaschak. Sie schluckt. „Das bedeutet: Dieses Kind hat alles mitbekommen.“

Für 2017 weist die Kriminalstatistik allein in NRW mehr als 9200 Fälle von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus. Die Jugendämter wurden in fast 40.000 Fällen wegen Verdachtsfällen auf Gefährdung des Kindeswohls tätig. Manche Fälle, in denen die Ärzte Rat bei Banaschak suchen, sind nicht medizinischer Natur. „Da bekomme ich einen Anruf von einem Kollegen, der in größter Not war“, erzählt die Medizinerin. Der Befund war klar: Ein Kind mit vielen Knochenbrüchen, einer frisch, die anderen verheilt. „Dass das eine Folge schwerer Misshandlung war, ist klar“, sagte Banaschak. Aber ihr Kollege hatte ein ganz anderes Problem. Der Vater des Kindes war Chefarzt am selben Krankenhaus.

Dass nur die schlecht gebildeten Eltern am Rande der Gesellschaft ihre Kinder misshandeln, dieses Vorurteil hat Sibylle Banaschak längst begraben: „Die sind nur nicht so einfallsreich im Erfinden von Erklärungen für die Verletzungen.“ Trotzdem kommen Rechtsmediziner auch raffinierten Tätern aus gehobenen Schichten immer wieder auf die Spur. Öfter als Kinderärzte, die auf andere Themen spezialisiert sein müssen. „Wir fragen anders“, sagt Banaschak. Wenn ein Kinderarzt sich bei einem Rippenbruch mit der Erklärung „aus dem Tragetuch gerutscht“ zufrieden gibt, wollen Rechtsmediziner wissen: Wie wurde das Kind denn genau getragen? Passt die Verletzung zu der Erklärung?

Die Erklärung „Kind ist aus Hochbett gefallen“ für eine enorme Beule an der Stirn einer kleinen Patientin mochte bei einem Fall in der Unfallaufnahme noch durchgehen. Trotzdem hatte der behandelnde Arzt ein komisches Bauchgefühl und rief Banaschak an. Die Rechtsmedizinerin wusste: „Gesunde Kinder fallen nicht einfach so aus dem Hochbett.“ Sie empfahl eine Blutuntersuchung. Erst bei der Patientin, und danach bei den 13 weiteren Kindern, die die Mutter von mehreren Männern hatte. So fand Banaschak heraus: „Die haben den Kindern nachts immer Schlafmittel und Psychopharmaka gegeben, damit Ruhe ist.“

Und was kann man gegen die Misshandlung von Kindern unternehmen, wenn man nicht zufällig Arzt oder gar Rechtsmediziner ist? „Die Eltern offen ansprechen, wenn man einen Verdacht hat“, rät Banaschak. Eine verärgerte oder gar aggressive Reaktion müsse man einkalkulieren, weil auch misshandelnde Eltern sich oft im Recht sähen. Aber die direkte Ansprache sei trotzdem der richtige Weg: „Wer es gut mit seinem Kind meint, weiß das Engagement letztlich auch zu schätzen.“

Mehr von RP ONLINE