Kindesmissbrauch in NRW: LKA stellt ganz normale Leute ein

Missbrauch in NRW : „Zivilisten“ sollen Ersteller von Kinderpornos enttarnen

Wegen Personalknappheit werden beim Landeskriminalamt künftig unter anderem ehemalige Bürofachkräfte kinderpornografisches Material sichten. Weil diese Tätigkeit sehr belastend ist, erhalten sie seelsorgerische Betreuung.

Im Kampf gegen Kindesmissbrauch schlägt das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) einen völlig neuen Weg ein. Als erste Polizeibehörde in Deutschland sollen dort demnächst Menschen ohne dreijährige Polizeiausbildung kinderpornografisches Material sichten und auswerten. „Es sind Leute, die wir vom freien Arbeitsmarkt nehmen“, sagte der zuständige Dezernatsleiter im Cybercrime-Kompetenzzentrum des LKA, Sven Schneider, unserer Redaktion. Damit werde bei der Polizei ein völlig neuer Tätigkeitsbereich geschaffen, den es zuvor noch nicht gegeben habe. Keine Polizei in Deutschland setze demnach Nicht-Polizisten für die Bewertung solcher Bilder ein.

24 Stellen werden dafür neu eingerichtet, die Kräfte sollen noch in diesem Jahr mit ihrer Arbeit beginnen können. Nach Angaben des LKA befinden sich unter den Bewerbern unter anderem Bürofachangestellte, Juristen und sogar eine Psychotherapeutin mit eigener Praxis. Weil die Sichtung kinderpornografischen Materials als extrem belastend gilt, werden ihnen Seelsorger an die Seite gestellt. „Wir müssen auch Rahmenbedingungen schaffen, die die Leute nicht krank machen“, sagt Schneider. Schließlich müssten sie sich Tag für Tag diese Bilder anschauen.

Notwendig wird die Einstellung externer Kräfte für diesen hochsensiblen Aufgabenbereich aufgrund des personellen Engpasses bei der NRW-Polizei. „Der Innenminister sagt immer: Wir können uns keine Polizisten backen. Und da hat er auch recht“, erklärt Schneider. Die Polizei stelle zwar gerade unter enormen Aufwand viele neue Kräfte ein. Aber bis der Nachwuchs seine Ausbildung abgeschlossen habe, vergingen Jahre. „Aber wir benötigen schon jetzt mehr Personal. Und darum suchen wir auf dem freien Markt.“

Dafür hat das LKA eine Ausschreibung gemacht und erstaunlich viele Bewerbungen erhalten. Den Angaben zufolge haben sich fast 150 Personen auf die Stellen beworben. Laut Schneider sei man im Vorfeld eigentlich davon ausgegangen, um jeden Einzelnen kämpfen zu müssen. Er vermutet, dass der massenhafte Missbrauch in Lügde viele dazu bewegt haben könnte, sich zu bewerben. „Die Berichterstattung hatte so einen Fokus auf Lügde, das hat das Thema sicherlich noch einmal gepusht“, sagt der erfahrene Kriminalrat. Beim LKA rechnet man damit, dass durch die zusätzlichen Kräfte andauernde Missbrauchsfälle schneller und früher erkannt und die Kreispolizeibehörden vor Ort entlastet werden. Das Konzept ist in der landesweiten Arbeitsgruppe „Auswertungs- und Ermittlungsbedarfe im Phänomenbereich Kinderpornographie“ (LAG Kipo) erarbeitet worden, die es seit Dezember gibt – also vor Bekanntwerden des Missbrauchsfalls in Lügde.

 Für diese nicht alltägliche Tätigkeit hätten sich ganz unterschiedliche Menschen Beim LKA spricht man von einem heterogenen Bewerberfeld von 25 bis 55 Jahren und einem ziemlich ausgeglichenen Männer- und Frauenverhältnis. Voraussetzung war eine abgeschlossene Ausbildung im IT-, Büro- oder Verwaltungsbereich mit der Abschlussnote gut und zweijährige Berufserfahrung. Oder ein Bachelor oder Diplomstudiengang in digitalen Medien, Kommunikations-, Medien-, Sozial- oder Rechtswissenschaften oder im IT-Bereich. „Wir haben die Ausschreibung sehr breit gestreut, weil wir dachten, wir finden kaum jemanden“, so Schneider. Außerdem müssen Bewerber den polizeilichen Sicherheitscheck bestehen.

Das Auswahlverfahren läuft noch. Ende Juni soll es abgeschlossen sein. Dann müssen die neuen Kräfte polizeiintern geschult werden. Die Fortbildungen werden derzeit noch erarbeitet. „Wir kreieren gerade eine kurze Ausbildung in Seminarform“, erklärt Schneider. Demnach sollen die neuen Kräfte Hospitationen beim Landesamt für Ausbildung, in den Kreispolizeibehörden und natürlich beim LKA durchlaufen. „Wie lange das dauern wird, wissen wir derzeit noch nicht ganz genau.“

Die psychische Belastung beim Sichten des Materials ist laut Polizei enorm. „Wir haben da eine hohe Verantwortung für die 24 neuen Mitarbeiter. Auch auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Psychohygiene werden wir achten“, sagt Schneider. Zudem seien Teilzeitstellen in dem Bereich denkbar. So sei die Belastung für den Einzelnen geringer. „Es ist ein Unterschied, ob man das 30 oder 15 Stunden pro Woche gucken muss.“

(csh)
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