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Kindesmissbrauch in Lügde: Untersuchungsausschuss in NRW stößt an Aufklärungsgrenze

Landtag zum Fall Lügde : Untersuchungsausschuss zu Kindesmissbrauch stößt an Aufklärungsgrenze

Die Zeugenvernehmungen im Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags zum Kindesmissbrauch bringen derzeit nur noch wenige neue Erkenntnisse. Die Abgeordneten wollen wissen, wie es zu dem Horror kommen konnte. Zeuginnen vom Jugendamt Hameln-Pyrmont geben sich aber zugeknöpft.

Der Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags zum jahrelangen Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde stößt zunehmend an Grenzen der Aufklärung. Bei der fast zweistündigen Zeugenvernehmung einer Mitarbeiterin des Jugendamts Hameln-Pyrmont blieben die meisten Fragen am Dienstag unbeantwortet.

Der Rechtsbeistand der Zeugin wies wiederholt darauf hin, dass der Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtags keine Kompetenzen habe, innerbehördliche Angelegenheiten in Niedersachsen zu hinterfragen. Dafür habe der NRW-Landtag „das falsche Instrument“. Der SPD-Abgeordnete Jürgen Berghahn warf daraufhin die Frage auf, ob angesichts dessen nicht ein Untersuchungsausschuss in Niedersachsen fällig wäre.

Der Untersuchungsausschuss in Düsseldorf versucht aufzuklären, wie es zu dem hundertfachen Missbrauch kommen konnte, ohne dass Behörden auf die kriminellen Vorgänge aufmerksam wurden. Im Mittelpunkt steht das Leid eines kleinen Mädchens, das als Pflegekind zu dem Pädokriminellen auf den Campingplatz gegeben worden war. Da der Mann im lippischen Lügde lebte und die Kindsmutter in Hameln-Pyrmont, waren zwei Jugendämter über die Landesgrenzen mit dem Fall beschäftigt sowie verschiedene Pflegedienste.

Der Ausschussvorsitzende Martin Börschel hinterfragte „das Zuständigkeitswirrwarr“. Dass in den Pflegschaftsverfahren „zu viele Köpfe beteiligt“ gewesen seien, sei „nicht ganz falsch“, bestätigte eine Sozialarbeiterin aus Hameln.

In der teilweise hoch emotional geführten Zeugenbefragung beklagten Abgeordnete aller Parteien entrüstet, dass viele Fragen, die helfen sollten, ähnliche Vorfälle in Zukunft auszuschließen, nicht beantwortet worden seien. Der Ausschuss versuche zu ergründen, wer wann zuständig war, warum nicht gehandelt worden sei und wie es überhaupt möglich war, dass ein Pädophiler eine Pflegetochter bekommt, sagte der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas.

Schon in der vergangenen Woche hatte der Ausschuss Zwangsmittel beim Oberlandesgericht Düsseldorf beantragt gegen zwei Zeuginnen, die ebenfalls im Tatzeitraum beim Jugendamt Hameln-Pyrmont tätig waren und sich auf ein allumfassendes Auskunftsverweigerungsrecht beriefen. Am Dienstag machten zwei weitere Zeugen aus derselben Behörde ein umfassendes Auskunftsverweigerungsrecht geltend. Beide seien Beschuldigte in Strafverfahren zu dem Tatkomplex gewesen, erklärte der Anwalt. Der Ausschussvorsitzende Martin Börschel kündigte eine Überprüfung an: „Komplettes Schweigen ist für uns nicht denkbar.“

Lediglich eine von vier Zeugen beantwortete am Dienstag alle Fragen des Ausschusses: Eine Sozialarbeiterin aus Hameln-Pyrmont, die damals den - 2019 zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilten - Pflegevater Andreas V. zu überprüfen hatte. „Ich bin wirklich aus allen Wolken gefallen, als das alles rauskam. Das hat mich echt umgehauen“, berichtete die 60-Jährige.

Das Mädchen habe seit Mai 2016 auf dem Campingplatz gelebt, und habe seitdem allem Anschein nach eine gute Entwicklung genommen, sagte die Zeugin. Das Kind, das früher einen heilpädagogischen Kindergarten besucht habe, sei erstaunlicherweise in eine normale Schule eingeschult worden, habe eine kirchliche Bastelgruppe besucht, ihr Seepferdchen gemacht, sei zum Tanzen gegangen - „sehr normal“.

Zwar habe eine Psychologin aus der Kita den Verdacht geäußert, Andreas V. sei ein Pädophiler, dafür habe es allerdings keine Belege und auch keine sichtbaren Hinweise gegeben. „Da war eine Bindung“, beschrieb sie das Verhältnis des zuhause vernachlässigten Kindes zu ihrem Pflegevater. Sexualisiertes Verhalten sei aber weder ihr noch anderen Betreuern aufgefallen, mit denen sie in Kontakt gestanden habe, versicherte die Sozialarbeiterin.

2016 habe sie auch Kontakt gehabt mit der leiblichen Mutter, die eine Einverständniserklärung vorgelegt habe, wonach sie das Sorgerecht an Andreas V. abtreten wolle und gerne hätte, dass er das Mädchen später adoptiert. Der Allgemeine Soziale Dienst Hameln habe entschieden, dem alleinstehenden, von Grundsicherung im alten, „nicht sehr sauberen“ Campingwagen seiner Eltern lebenden Rentner die Pflegschaft auf Grund der positiven Entwicklung des Kindes zu übertragen, berichtete die Zeugin.

„Er war ein lauter, bolleriger Mensch“, beschrieb sie den Mann. Der teils grantige Sohn eines Duisburger Bergmanns habe sich aber kooperativ gezeigt und habe auch die Auflage befolgt, eine Wohnung anzumieten.

Der jahrelange Missbrauch war erst Ende 2018 nach einer Anzeige endlich aufgedeckt worden. Das Kind sei dann aus der Turnstunde heraus aus der Schule in Obhut genommen werden, berichtete die Zeugin. Das Kind habe zunächst nur gesagt: „Ich vermisse Addi.“

Die Beurteilung von Pflegeverhältnissen sei schwierig, sagte die Zeugin. „Man geht grundsätzlich ein Risiko ein.“ Keine Fachstelle helfe bei der Einschätzung. „Man ist sich selber überlassen.“

Sie selbst sei fristlos entlassen worden, nachdem sie einen Vermerk über einen Hausbesuch gelöscht habe, berichtete die 60-Jährige. Dort habe sie ursprünglich festgehalten, dass der Pflegevater nach eigenen Angaben „gerne was mit Kindern macht und gerne Kinder um sich hat“, berichtete die 60-Jährige. Ihr sei im Nachhinein vorgeworfen worden, dies sei „ein eindeutiges Indiz für Pädophilie“ gewesen und sie habe nicht gehandelt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schwerer Kindesmissbrauch auf Campingplatz in Lügde

(top/dpa)