Kindesmissbrauch auf Campingplatz in Lügde: Weitere Polizeipannen

Kindesmissbrauch auf Campingplatz : Weitere Polizeipannen im Fall Lügde

Ein Sonderermittler stellt erhebliche Defizite bei den Ermittlungen zum Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde fest. Erste Hinweise gab es bereits 2002. Inzwischen wird auch gegen einen 16-jährigen mutmaßlichen Komplizen ermittelt.

Der Polizeiskandal um die Pannen bei der Aufklärung des Missbrauchs von mindestens 31 Kindern in Lügde weitet sich aus. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) räumte Dienstag vor dem Innenausschuss des Landtages ein, dass den Behörden schon 2002 und 2008 Hinweise auf Fälle von Kindesmissbrauch durch den späteren Hauptverdächtigen von Lügde vorlagen. Dennoch vergingen nach der ersten Anzeige einer Mutter wegen des Verdachts auf schweren sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen auf dem Campigplatz in Lügde am 20. Oktober 2018 rund sechs Wochen, bis der Beschuldigte festgenommen und sein Campingwagen durchsucht wurde.

Auf dem Campingplatz an der Grenze zu Niedersachsen sollen über Jahre mindestens 31 Kinder im Alter zwischen vier und 13 Jahren missbraucht und dabei gefilmt worden sein. Drei Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft. In der vergangenen Woche musste Reul einräumen, dass von den sichergestellten Beweisen 155 CDs und DVDs aus einer Asservatenkammer der örtlichen Kreispolizei verschwunden sind. Zudem wurde bekannt, dass in Lippe ausgerechnet ein Polizeianwärter mit der Auswertung des schockierenden Beweismaterials beauftragt worden war.

Inzwischen sind 60 Beamte mit der Aufarbeitung von über 1000 Missbrauchsfällen beschäftigt. Ein Sonderermittler beklagte im Innenausschuss erhebliche Mängel bei der Arbeit der örtlichen Polizei. So seien die später verschwundenen Beweismittel in einem Koffer und einer Mappe aufbewahrt worden, ohne als Beweismittel gekennzeichnet worden zu sein. Nach der Auswertung seien die Daten nicht wieder in die Asservatenkammer zurückgebracht sondern im Sichtungsraum geblieben, dessen Tür „werktäglich nahezu offen“ stand. Zwischen dem 20. Dezember 2018 und dem 30. Januar 2019 kamen die Beweisstücke abhanden, worüber der Innenminister allerdings erst am 18. Februar informiert wurde.

Dass die ursprüngliche Razzia der Lipper Polizei beim Hauptverdächtigen am 6. Dezember nicht gründlich genug war, belegt ein weiterer Hinweis des Sonderermittlers. Unter der Regie des Landeskriminalamtes erfolgte vor wenigen Tagen eine weitere Razzia, bei der weitere 131 CDs und eine Festplatte im Wohnwagen des Hauptverdächtigen sichergestellt wurden.

Den Innenausschuss unterrichtete Reul zudem über einen neuen Tatverdächtigen. Dabei handelt es sich um einen 16-Jährigen aus der Region, der kinderpornografisches Material besaß, das auf dem Campingplatz entstanden sein soll. Der Jugendliche sei am Montag vernommen worden, befinde sich aber wieder auf freiem Fuß. Die Ermittler fanden auf seinem Handy belastendes Material. Daneben gibt es offenbar auch einen weiteren Verdachtsfall. Laut Reul soll ein Dauercamper im vergangenen Frühjahr eine 15-Jährige auf dem Gelände in Lügde vergewaltigt haben. Derzeit werde geprüft, ob dieser Fall zum Tatkomplex gehöre.

Reul will nun eine neue Stabsstelle schaffen, die sich ausschließlich mit dem Thema Kindesmissbrauch beschäftigen soll. Zudem will er im nächsten Landeshaushalt einen zweistelligen Millionenbetrag für Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch freischlagen.

Am Dienstagabend wurde eine weitere einschneidende Konsequenz für die zuständige Kreispolizei bekannt gemacht. Auf Anweisung des NRW-Innenministeriums werde der Polizeidirektor an das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten versetzt, teilte Landrat Axel Lehmann mit. Den Posten übernimmt kommissarisch bis Mai 2019 eine Beamtin aus dem Landeskriminalamt. Der Landrat hatte bereits vorige Woche einen anderen Beamten, den Leiter der Direktion Kriminalität, von seinen Aufgaben entbunden.

„Herr Reul hat seinen Laden nicht im Griff“, stellte Grünen-Politikern Verena Schäffer fest. Hartmut Ganzke (SPD) sagte mit Blick auf die verschwundenen Beweismittel: „Unsere Sorge ist, dass dadurch Täter unbestraft und Taten ungesühnt bleiben.“ Auch der Sonderermittler erklärte, selbst wenn die Daten wieder auftauchen würden, sei ihre künftige Verwendbarkeit vor Gericht fraglich. Allerdings betreffen die verschwundenen Daten nur rund fünf Prozent der insgesamt sichergestellten Datenmenge.

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