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Kinder können schlechter Fahrradfahren - was Eltern tun können

Viele Unfälle in NRW : Kinder können immer schlechter Fahrradfahren

Die Landesverkehrswacht schlägt Alarm: Kinder und Jugendliche können immer schlechter Fahrradfahren. Die Pandemie hat das Problem weiter verschärft. An einer Schule in Düsseldorf ist nun ein Pilotprojekt gestartet. Was Eltern jetzt tun können.

Die Zahlen sind erschreckend: Fast jeder zweite Jugendliche im Alter zwischen zehn und 15 Jahren verunglückt im Straßenverkehr mit dem Fahrrad. „Daran sieht man, dass in dem Bereich viel getan werden muss“, sagt Peter Schlanstein, Vize-Präsident der Landesverkehrswacht in Nordrhein-Westfalen. „Die Kinder können leider immer schlechter Fahrrad fahren; eine Entwicklung die wir leider seit zehn Jahren beobachten – und die nicht besser wird, im Gegenteil“, sagt Lanstein.

Verschärft hat sich das Problem noch weiter durch die Pandemie. „Corona hat sich negativ auf die Fahrradfahr-Fähigkeiten der Kinder ausgewirkt, weil sie das Rad in der Zeit wesentlich weniger benutzt haben“, erklärt Schlanstein. „Vielen fehlt es an der nötigen Motorik. Die Beweglichkeit ist deutlich zurückgegangen.“

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Dass viele Kinder Schwierigkeiten beim Radfahren haben, zeigt sich offiziell zum ersten Mal bei den Fahrradprüfungen in der Grundschule. Sie finden in NRW in der dritten oder vierten Klasse statt. Sie bestehen aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Polizei und Verkehrswacht unterstützen die Grundschulen bei den Prüfungen. Nach Angaben der Verkehrswacht nehmen mehr als 95 Prozent der Kinder an der Radfahrausbildung der Grundschulen teil. „Die Kinder kommen zwar in der Regel durch die Prüfung. Aber manche müssen sich dafür ein Rad leihen, fahren danach kaum noch damit“, sagt Schlanstein. Aber genau das sei elementar. „Nur wer regelmäßig mit dem Rad fährt, bekommt Sicherheit und lernt, sich im Straßenverkehr richtig zu verhalten.“

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Trotz unzureichender Fähigkeiten fahren viele Kinder bereits in der ersten und zweiten Klasse mit dem Rad zur Schule. Davon raten Experten dringend ab. Vor der Radfahrausbildung in der dritten oder vierten Klasse sollten Kinder demnach nicht unbeaufsichtigt mit dem Fahrrad im Straßenverkehr unterwegs sein. Erst ab diesem Alter würden Kinder komplexere Verkehrssituationen erfassen können und mehr Bewegungssicherheit auf dem Rad bekommen. Deshalb halten Polizei und Verkehrswacht auch nichts von der Forderung, die Fahrradprüfung schon in die erste oder zweite Klasse zu verlegen.

Vielmehr soll es künftig zusätzliches Radfahrtraining an weiterführenden Schulen geben. „Die Wege sind häufig länger als zuvor zu den Grundschulen. Und es gibt deshalb auch mehr Gefahren im Straßenverkehr“, sagt Boris Thor, Lehrer am Gymnasium Gerresheim in Düsseldorf. Das Gymnasium ist landesweit eine von zwei weiterführenden Schulen, an denen derzeit ein entsprechendes Pilotprojekt stattfindet; Thor leitet das Projekt am Gymnasium Gerresheim. „Gerade in diesem Alter verunglücken die Kinder und Jugendlichen im Straßenverkehr. Darum ist es wichtig, dass sie in der Sekundarstufe I weiter geschult werden“, sagt er.

Entwickelt hat das Radfahrtraining für die Sekundarstufe I die Unfallforschung der Versicherer (UDV). Es baut auf der Radfahrausbildung in der Grundschule auf und soll diese fortführen. „Das Training soll die Kinder und Jugendlichen in die Lage versetzen, die Anforderungen von insbesondere komplexen Verkehrssituationen im realen Straßenverkehr mit dem Fahrrad besser zu bewältigen“, heißt es bei der UDV. Das Fahrradtraining ist als Nachmittagsangebot in der Ganztagsschule konzipiert. Es umfasst insgesamt zehn Unterrichtseinheiten zu je 90 Minuten.

Wegen der Pandemie konnten an den meisten Grundschulen zuletzt keine Radfahrprüfungen durchgeführt werden – oder nur in sehr komprimierter Form. Die Landesverkehrswacht nimmt deswegen die Eltern mehr in die Verantwortung; in einem Leitfaden wird erklärt, was sie tun können. „Üben, üben, üben – lautet das oberste Credo“, sagt Schlanstein. Laut Landesverkehrswacht lernen Kinder sicheres Verhalten am besten dort, wo sie täglich Rad fahren. „Nirgendwo machen sie so viele nützliche Erfahrungen und üben so effektiv wie bei Ausflügen in der Wohn- und Schulumgebung“, heißt es in dem Eckpunktpapier. Folgendes sollten Kinder laut Landesverkehsrwacht unbedingt können, um am Straßenverkehr teilnehmen zu können:

1. Geradeaus fahren und langsam die Spur halten.

2. Sich beim Fahren umschauen: Kopf nach links hinten drehen (Schulterblick); Eltern sollten dabei prüfen, ob ihr Kind erkennt, was hinter ihm passiert.

3. Ausweichen und die Spur wechseln sowie Kurven fahren.

4. Einhändig fahren und Handzeichen geben (nach rechts, nach links).

5. Auf ein Signal hin bremsen.

6. An einer vorgegebenen Linie anhalten können und zum Stehen kommen.

Der ADFC fordert mehr Sicherheit für fahrradfahrende Kinder im Straßenverkehr. „Bisher ist es so: Straßen sind für Autos da, nicht für Kinder. Im Straßenverkehrsgesetz ist der Autoverkehr das Wichtigste – aber das ist kein Naturgesetz. Die neue Bundesregierung muss das ändern und Verkehrssicherheit und Lebensqualität ganz oben auf die Agenda setzen“, sagt ADFC-Vizebundesvorsitzende Rebecca Peters. „Wir brauchen mehr Platz fürs Rad, damit sich Radfahren für Kinder jeden Tag wie eine Kidical Mass anfühlt.“

(csh)