Bengalos, Krawalle und ein "Amoklauf": "Keine Abi-Streiche, sondern Straftaten"

Bengalos, Krawalle und ein "Amoklauf": "Keine Abi-Streiche, sondern Straftaten"

In Köln haben sich mehr als 500 Abiturienten mit Bengalos beworfen. Auch in Remscheid, Düsseldorf und Leichlingen kam es zu Ausschreitungen. Laut Schulministerium handelt es sich teils nicht mehr um Streiche, sondern um Straftaten.

Eine Gruppe von mehr als 500 Schülern nähert sich dem Humboldt-Gymnasium in der Kölner Südstadt. Auf dem Weg werden Bengalos gezündet, Knallkörper und Wasserbomben fliegen durch die Luft. An der Schule treffen sie auf etwa 100 Humboldt-Abiturienten, die sich selbst "Kölsch Kraat Kommando" (KKK) nennen.

In Köln wurden Polizisten mit Bengalos beworfen. Foto: Arton Krasniqi, KSTA

Schwarze Kapuzenpullover und Sturmmasken sind ihre Markenzeichen. Zunächst fliegen nur Wasserbomben und Eier hin und her. Als sich die KKK-Mitglieder auf ihr Schulgelände zurückziehen, fliegen auf einmal Böller. Drei Polizisten werden dadurch verletzt. Am Vortag hatte es in der Domstadt bereits einen Anschlag mit Buttersäure am Hildegard-von-Bingen-Gymnasium gegeben. Unbekannte hatten einen Beutel mit der ätzenden Substanz in den Eingang der Schule geworfen.

Die Ausschreitungen in Köln sind der negative Höhepunkt der Mottotage in der letzten Schulwoche vor den Osterferien in NRW. An Dutzenden Schulen sind die Abi-Scherze in diesem Jahr eskaliert. Offenbar ist es inzwischen Praxis, dass sich die Abiturienten gegenseitig besuchen und an den benachbarten Schulen ihre Spuren hinterlassen.

An einem Remscheider Gymnasium zündeten 19 Schüler aus Radevormwald eine Brandbombe. Bei der Explosion gab es laut Polizei "glücklicherweise keine Verletzten". Jedoch brach bei einigen Schülern Panik aus. Die Bombe ist laut Polizei illegal und nirgendwo zu kaufen und wurde vermutlich aus dem Ausland eingeschmuggelt. Die Schüler aus Radevormwald werden demnächst eine Rechnung der Feuerwehr in Höhe von fast 500 Euro erhalten. Die Polizei kündigte an, vorerst nicht weiter ermitteln zu wollen. Es sei ja niemand zu Schaden gekommen, sagte ein Sprecher. Der Fall werde jedoch zur weiteren Prüfung an die Stadt Remscheid gegeben.

In Köln schwelt der Konflikt zwischen den Schulen schon länger. Ursache soll vor etwa zwei Jahren ein Besuch der Humboldt-Schüler an einer anderen Schule gewesen sein. Seitdem verbünden sich Abiturienten der anderen Schulen, um es dem Humboldt-Gymnasium "heimzuzahlen". Das "KKK" distanziert sich von den Vorfällen. Laut einer Mitteilung des "KKK" auf seiner Facebook-Seite im Internet sind sie von Schülern mehrerer anderer Kölner Schulen angegriffen worden.

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Das Schulministerium sieht die Entwicklung kritisch: Es handele sich bei Aktionen wie in Köln nicht mehr um "harmlose Schülerstreiche", sondern es "kann dabei durchaus die Grenze zum Straftatbestand überschritten werden", sagte eine Sprecherin. "Ziel muss es deshalb sein, bereits im Vorfeld dafür Sorge zu tragen, dass es nicht zu Eskalationen kommt." Die Schulleitungen sollten Regelungen treffen, auf deren Einhaltung sich die Jahrgänge verpflichten. Andererseits empfehle es sich, dieses Thema im Unterricht aufzugreifen. Bei der zuständigen Kölner Bezirksregierung weist man die Verantwortung zurück: "Wir können den Schulen nichts vorschreiben, sondern sie nur beraten, wie sie sich auf Abiturfeiern vorbereiten können, damit es nicht zu Ausschreitungen kommt", sagte ein Sprecher. "Abi-Scherze kann nur die Landesregierung per Gesetz verbieten." Die Hinweise der Aufsichtsbehörden (siehe Infokasten) seien aber "wirkungslos", sagte ein Krefelder Schulleiter, "weil die Ratschläge solche Ausschreitungen nicht verhindern können".

In Düsseldorf versuchten Schüler des Max-Planck-Gymnasiums, das benachbarte Georg-Büchner-Gymnasium zu stürmen und dort Türen einzutreten. Sie lieferten sich zudem vor einem Supermarkt eine Melonen-Schlacht. Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums hatten Bengalos gezündet. In Krefeld hatten sich drei Schüler einer fremden Schule vermummt und wollten das Horkesgath-Gymnasium stürmen und auf diese Weise wohl einen Amoklauf imitieren. Hausmeister und Lehrer hielten die Jugendlichen auf und verwiesen sie der Schule.

In Leichlingen kam es zu einem Großalarm mit Hubschraubereinsatz, vier Krankenwagen und zwei Notärzten, weil zunächst von rund 50 volltrunkenen Schülern die Rede war. Die Abiturienten hatten sich zu einem "Bierkistenlauf" verabredet, wonach etliche Schüler stark alkoholisiert waren, sich jedoch nicht in einem komatösen Zustand befanden. Deshalb sei der Hubschraubereinsatz nicht nötig gewesen.

In Hilden verwüsteten Schüler des Helmholtz-Gymnasiums das benachbarte Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium. Sie warfen Eier, beschmierten Scheiben und Türen mit Mehl und Haferflocken und hingen Klopapier in die Bäume. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich die beiden Schulen eine Schlacht geliefert. Die Schulleitungen beider Gymnasien hatten nach der Eskalation der Abiturstreiche gehofft, den Schülern ausreichend ins Gewissen geredet zu haben, um Wiederholungen zu vermeiden. In Neuss blieb gestern das befürchtete Chaos an den Schulen aus. Die Abi-Scherze blieben krawallfrei, etwa am Quirinus-Gymnasium, das wegen der hohen Anzahl der Schulabgänger — 260 machen dort ihr Abitur — auf die Abi-Fete in der Aula verzichtet hatte. Als Ersatz hatten die Schüler eine Hüpfburg organisiert — auf der auch die Lehrer Spaß haben durften.

(RP)
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