JVA Detmold: Kein Kuschelvollzug im Rentner-Gefängnis

JVA Detmold : Kein Kuschelvollzug im Rentner-Gefängnis

Ältere Häftlinge stellen Gefängnisleiter vor große Herausforderungen. Sie müssen ihre Anstalten auf die Bedürfnisse der kriminellen Rentner ausrichten. Und deren Zahl dürfte in den kommenden Jahren steigen.

Fritz K. wollte nach Detmold. Hier sind die Betten etwas höher. An den Wänden im Duschraum sind Haltegriffe befestigt und in gepflegten Aquarien schwimmen exotische Fische. Die schweren Zellentüren erinnern den 66-Jährigen zwar immer noch daran, dass er im Gefängnis ist. Doch stehen sie in der sogenannten Lebensälteren-Abteilung der JVA Detmold meistens offen.

Die Detmolder Abteilung speziell für ältere Häftlinge war 2008 die erste ihrer Art in NRW. In diesem vom Haupthaus abgetrennten Bereich verbringen 22 Männer ihre Haftstrafe in einem altersgemäßen Vollzug - sie alle sind über 60.

Tischfußball lenkt vom Sträflingsalltag ab. Foto: dpa, bt

Baulich unterscheiden sich die zwei Stockwerke der Abteilung kaum vom normalen Vollzugsbereich. Auch hier gibt es die typischen Fallgitter zwischen den Etagen und Eisentüren trennen die Gänge voneinander ab. Der Blick durchs Zellenfenster wird getrübt durch ein gemauertes Gitter. Gemütlich ist es hier nirgendwo.

Die Unterschiede zum normalen Vollzug ergeben sich vor allem aus der Art und Weise wie die Häftlinge hier leben. Sie können sich freier bewegen, sind nur selten in ihren Zellen eingesperrt. Es gibt zudem viel Kontakt zu ehrenamtlichen Helfern, die häufig zu Besuch kommen. Dann spielen sie im kleinen Gemeinschaftsraum oder kochen zusammen in der gespendeten Küche.

"Ältere Gefangene haben ein starkes Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe", sagt Anstaltsleiterin Kerstin Höltkemeyer-Schwick. Hier könnten die Männer dem rauen Gefängnisalltag entfliehen. Denn im normalen Vollzug der JVA sei es aggressiv, laut und jung.

Die Plätze in der Lebensälteren-Abteilung sind begehrt. "Vor Detmold war ich in der JVA in Bielefeld-Senne untergebracht", erzählt K., der seit vier Jahren im Gefängnis sitzt. "Dort haben alle gesagt, es gebe kaum eine Chance in Detmold zu landen." Vor zwei Jahren hat es schließlich geklappt. Wegen der hohen Nachfrage kämpft das Team von Leiterin Höltkemeyer-Schwick um die Finanzierung eines weiteren Anbaus.

Mit der Abteilung für ältere Häftlinge hat die JVA-Leitung auf die demografische Entwicklung reagiert. In einer alternden Gesellschaft sind auch die Straftäter zunehmend höheren Semesters. In Nordrhein-Westfalen etwa nimmt die Gesamtzahl aller Häftlinge in den Gefängnissen ab. Doch die Zahl der älteren Gefangenen steigt. "2002 waren noch 318 Insassen über 60 Jahre alt", sagt der Sprecher des Landesjustizministeriums, Detlef Feige. Seit 2009 seien es rund 500.

Von den 22 Insassen der Älterenabteilung sind mehr als die Hälfte sogenannte Erststraftäter wie Fritz K.. Er wurde schuldig gesprochen, 2009 seine Frau erwürgt zu haben. Oft haben die Männer über 60 Jahre lang ein ganz normales Leben geführt. Doch dann haben sie jemanden umgebracht. Aber auch viele Sexualstraftäter sitzen in der Abteilung.

Angesichts solcher Taten wirkt die friedfertige Stimmung in Detmold beinahe paradox. Entspannt erzählen die Häftlinge von ihrem Arbeitsalltag. Es gebe stets viel zu tun. Sie putzen die Gänge, schaufeln im Winter Schnee oder reinigen die Aquarien. Auch einen Kicker- und einen Billardtisch gibt es. Fritz K. und einige andere machen einen Angelschein und waren sogar schon einige Male zum Angeln - da draußen. "Ansonsten ist das hier ein ganz ruhiger Vollzug", sagt einer von K.s Mithäftlingen. Um 12.00 Uhr gehen alle auf ihre Zellen: eine Stunde Mittagsschlaf.

Doch ruhig ist es nur für die Häftlinge. Hinter den Kulissen bereitet der langsamere Vollzug jede Menge Arbeit. Ein Gefängnispsychologe und ein Sozialarbeiter kümmern sich darum, was bei Haftende oder schwerer Krankheit mit den Rentnern passiert. Sie organisieren Plätze in Pflegeheimen, kümmern sich um Krankentransporte und -versicherungen. Denn die Abteilung ist keine Pflegestation.

Wenn ein Gefangener ernsthaft krank und nicht mehr haftfähig ist, muss er das Gefängnis verlassen. Bei körperlichen Gebrechen kommt er dann in das spezielle Gefängniskrankenhaus in Fröndenberg im südlichen Ruhrgebiet. Bei Demenzkranken muss der Sozialarbeiter auch mit privaten Einrichtungen wie Pflegeheimen oder Psychiatrien verhandeln. "Übergangsmanagement" nennt er das.

Der Bedarf an Älteren-Abteilungen in Gefängnissen wird weiter zunehmen. Die Leiter werden sich angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung darauf einstellen müssen. Ob und wann der Bereich in Detmold erweitert werden kann, steht jedoch in den Sternen.

"Das ist im Moment nicht finanzierbar", sagt Ministeriumssprecher Feige. Es gebe viele drängendere Sanierungspläne in anderen Haftanstalten. Für Fritz K. ist das egal. Er hat zwar seinen Platz hier bekommen. Es werden aber noch viele Jahre vergehen, bis er das Gefängnis verlassen wird. Und Knast bleibt Knast. Einen "Kuschelvollzug" gibt es auch in Detmold nicht. "Raus wollen sie alle", sagt ein Wärter.

(lnw)