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Karneval 2022: Empörung über Sitzungen in Köln

„Desaster fürs Brauchtum“ : Karnevalssitzungen empören Karnevalisten

Jecken am Niederrhein beklagen unklare Vorgaben der Politik – und fordern Nachbesserungen. In Köln soll erneut in einer Halle mit bis zu 750 Gästen gefeiert werden.

Bei den ehrenamtlichen Karnevalisten im Rheinland wächst der Unmut darüber, dass wieder Karnevalssitzungen mit mehreren Hundert Menschen stattfinden. „Wir haben den freiwilligen Verzicht gemacht. Jetzt kommen aber die privaten Veranstalter, die eine Fete nach der anderen machen“, sagte Karl Schäfer, Präsident des Karnevalsverbandes Linker Niederrhein. „Die kommerziellen Anbieter springen genau in die Bresche, die durch die freiwilligen Absagen freigemacht worden ist. Das ist ein Desaster fürs Brauchtum“, sagte Schäfer.

Der Kostümhersteller Deiters hatte am vergangenen Wochenende zwei größere Sitzungen in einem Kölner Hotel veranstaltet; weitere sollen folgen. Zuvor hatten Karnevalisten bereits im Dezember nach Gesprächen mit der Landesregierung wegen der Pandemie freiwillig darauf verzichtet, Karnevalssitzungen durchzuführen. Laut Corona-Schutzverordnung sind Veranstaltungen in Innenräumen mit bis zu 750 Personen an festen Sitzplätzen unter 2G-plus-Regeln aber erlaubt.

Die Regionalpräsidenten des Bundes Deutscher Karneval (BDK) machen auf die ihrer Meinung nach unklaren Vorgaben aus der Politik für die Karnevalszeit aufmerksam. „Entgegen den Omikron-Vorhersagen der Politik von vor Weihnachten nehmen die Menschen aktuell wahr, dass Karneval in Kneipen oder im Rahmen von Saalveranstaltungen längst stattfindet”, beklagte BDK-Präsident Klaus-Ludwig Fess. „Die Einzigen, die auf Wunsch der Politik freiwillig abgesagt haben, sind die ehrenamtlich agierenden Karnevalsvereine“, ergänzte der BDK-Präsident. Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, kritisierte die seiner Meinung nach unklare Linie der Politik: „Entweder muss es mehr in Richtung Öffnung gehen – oder die Regeln müssen verschärft werden.“

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Ein Sprecher der Landesregierung erklärte auf Anfrage, dassman je nach Entwicklung der Infektionslage durch weitere Anpassungen der Schutzmaßnahmen reagieren werde. „Die Landesregierung prüft mit Blick auf die anstehenden Wochen in besonderer Weise, inwieweit eine Änderung der für die klassischen Konstellationen des Karnevals einschlägigen Regelungen sachlich geboten und rechtlich angezeigt ist“, sagte ein Sprecher der Landesregierung. „Weit in die Zukunft reichende Zusagen sind nicht möglich und hat die Landesregierung aus diesem Grund zu keinem Zeitpunkt abgegeben. Dies betrifft zwangsläufig auch die Zulässigkeit von Karnevalsveranstaltungen“, so der Sprecher weiter.

Wie fast überall verzichtet man auch in Gangelt im Kreis Heinsberg, wo vor zwei Jahren auf einer Kappensitzung das Coronavirus verbreitet worden war, in diesem Jahr auf närrische Sitzungen „Wir haben für uns beschlossen, alle Karnevalsveranstaltungen abzusagen. Das ist passend in der aktuellen Situation“, sagte Wilfried Gossen, Präsident des Karnevalsvereins KG Langbröker Dicke Flaa in Gangelt. Selbst wenn Karnevalsvereine noch kurzfristig Sitzungen veranstalten wollten, könnten sie das aus logistischen Gründen wohl nicht. „Die meisten Vereine haben ihre Planungen natürlich längst eingestellt. Es sind noch vier Wochen bis Altweiber. Wie sollen wir als ehrenamtliche Vereine jetzt noch eine Sitzung auf die Beine stellen? Das geht nicht“, sagte Schäfer.

 In Düsseldorf hält sich die Aufregung in Grenzen. „Wir als Comitee akzeptieren den Appell der Landesregierung, auf Sitzungen und Bälle zu verzichten, überlassen es aber den Vereinen, ob sie kleinere Zusammenkünfte veranstalten wollen“, sagt Hans-Peter Suchand, Sprecher des Comitee Düsseldorfer Carneval. Es seien viele kreative Ideen entstanden, etwa ein Drive-In, wo man sich die Karnevalisten einen Orden ins Auto reichen lassen können. „Einige Vereine machen kleine Veranstaltungen an der frischen Luft – so kann Karneval auch in Corona-Zeiten stattfinden.“ Es gehe vor allem darum, verantwortungsbewusst mit der Situation umzugehen, sagt Suchand. „Wir haben deshalb auf die Prinzenpaar-Kürung verzichtet, für uns gehört Schunkeln und Nähe einfach zum Karneval.“

Der Kostümhändler Deiters will bis zum Karnevalssonntag an den kommenden Wochenenden Karnevalsfeiern mit Bühnenprogramm anbieten. Geplant sind Veranstaltungen mit bis zu 250 Besuchern in einem Hotel sowie mit bis zu 750 Gästen in einer Halle. Die Besucher säßen an Tischen und würden dort mit Essen bewirtet, so Geschäftsführer Björn Lindert. „Klare Regeln sind immer von Vorteil. Allerdings könnten auch die Karnevalsgesellschaften jetzt schon mehr machen als sie tun“, sagt er. Alle würden aber eher an alten Absprachen festhängen. „Und klar: Einige wollen auch lieber gar nicht das wirtschaftliche Risiko eingehen, Veranstaltungen  durchzuführen. Denn um bei unserem Beispiel zu bleiben: Bei jeder Veranstaltung zahlen wir drauf“, sagt Lindert. „Nur nach mittlerweile zwei Jahren mit 95 Prozent Umsatzeinbußen können wir nicht die Hände in den Schoß legen.“ Über das Angebot könne ja jeder selbst entscheiden, sagt Lindert. „Wer das Angebot nutzen möchte, kommt, und wer nicht, der kauft eben erstmal kein Ticket.“ Die ersten Deiters-Veranstaltungen waren alle ausverkauft.

Nach Angaben der Landesregierung sind derzeit  in Innenbereichen Karnevalsveranstaltungen unter den Beschränkungen von 2G+ und Einschränkungen bezüglich der Anzahl der Feiernden möglich, soweit es sich dabei nicht um reine Tanzveranstaltungen handelt. Tanzveranstaltungen seien, wie auch der Betrieb von Clubs und Diskotheken, gänzlich verboten, so der Sprecher. „Für immunisierte Personen gilt lediglich für Feiern in privaten Räumlichkeiten, in denen keine besonderen Zugangsvoraussetzungen (2G+) gelten und in denen es keine für die Zugangskontrollen haftenden, verantwortlichen und nicht mitfeiernden Personen (Gastwirte, Veranstalter) gibt, eine Einschränkung auf zehn Personen“, erläutert der Sprecher. In Außenbereichen gelten demnach für Karnevalsveranstaltungen die für Großveranstaltungen allgemein gültigen Regeln. „Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass das deutlich größere Risikopotential von vollen Innenräumen ausgeht, während außen regelmäßig nur Menschen im unmittelbaren Nahbereich infiziert werden können“, so der Sprecher der Landesregierung.

(csh/hsr)