Naturschützer sprechen von "Wahnsinn": Kahlschlag entlang der Autobahnen

Naturschützer sprechen von "Wahnsinn": Kahlschlag entlang der Autobahnen

Landesweit sind in diesem Winter Tausende Bäume an den Autobahnen gefällt worden. Manche Streckenabschnitte sind völlig kahl gefällt. Das Gehölz ist mehrere Millionen Euro wert. Der Naturschutzbund kritisiert die Fällungen als "Wahnsinn" und völlig überzogen.

Die Autobahn 40 zwischen der Ausfahrt Duisburg-Zentrum und dem Kreuz Kaiserberg gleicht einer Mondlandschaft: Tausende gefällte Bäume liegen übereinander gehäuft auf beiden Seiten an den Straßenrändern. Bis Ende Februar haben Landschaftsbauer entlang der Autobahnen rund um Duisburg schätzungsweise bis zu 100 000 Quadratmeter Gehölz abgesägt. Dann mussten sie ihre Arbeiten wegen des Beginns der Brutzeiten der Vögel einstellen. Einige wenige Bäume sind so von der Rodung verschont geblieben.

"Wir haben unter Hochdruck gearbeitet, weil wir in diesem Jahr besonders viel zurückschneiden mussten", sagt ein Sprecher des Landesbetriebs Straßenbau NRW. "Wegen des strengen Winters im Vorjahr war viel liegen geblieben — und das mussten wir jetzt noch dringend nachholen."

Landesweit wurde der Baumbestand in diesem Jahr an den Autobahnen auf einer Fläche von mehr als 150 000 Quadratmeter reduziert. Besonders viele Bäume fielen im Ruhrgebiet entlang der A 40 und der A 42 von Duisburg nach Dortmund, in Essen wurden mehr als 8000 Bäume abgeholzt. Die massiven Rodungen seien aus Sicherheitsgründen notwendig gewesen, sagt Christoph Grüner vom NRW-Landesbetrieb Wald und Holz. "Der Bewuchs hätte sonst an machen Stellen den Verkehr gefährdet oder beeinträchtigt."

Zuständig für den Rückschnitt sind die Straßenmeistereien, die private Unternehmen mit dem Roden der Bäume beauftragen. Anders als in den Vorjahren soll Straßen NRW in diesem Winter jedoch erstmals private Firmen per Ausschreiben aufgefordert haben, Angebote einzureichen. "Wer am meisten zahlte, durfte die Bäume fällen", sagt Josef Tumbrinck, Vorsitzender des Nabu in NRW. "Es handelt sich nämlich für beide Seiten um ein sehr lukratives Geschäft." Die Firmen dürfen die abgesägten Stämme behalten und weiterverkaufen. Und Straßen NRW spart Kosten ein, die angefallen wären, wenn die Behörde selbst gefällt hätte.

Der Preis für einen Kubikmeter Holz liegt derzeit im Durchschnitt bei 40 Euro. Experten schätzen, dass die gefällten Bäume zusammengerechnet einen Verkaufswert von etwa sechs Millionen Euro haben. Das Naturmaterial wird zu Holzhackschnitzeln verarbeitet und in Kraftwerken verheizt oder zu Spanplatten verarbeitet. "Es geht dabei schon um sehr viel Geld", bestätigt Bernd Löchter von Straßen NRW.

Umwelt- und Tierschutzverbände sehen in dem Millionengeschäft den Hauptgrund für die flächendeckenden Rodungen. "Es ist absoluter Wahnsinn, was an Bäumen gefällt worden ist", sagt Josef Tumbrinck. Die diesjährigen Fällungen seien beispiellos, der Sicherheitsaspekt sei nur vorgeschoben. "Einige kleine Bereinigungen hätten völlig ausgereicht", sagt Tumbrinck.

Vom Kahlschlag sind auch Tiere betroffen, die entlang der Autobahnen leben. Der Nabu warnt die Verkehrsteilnehmer: Vögel können wegen der Rodungen vermehrt mit Autos kollidieren. "Ihnen fehlt durch die Bewaldung die natürliche Barriere. Viele Arten fliegen nun tief und flach quer über die Straßen", sagt ein Sprecher des Naturschutzbunds. Straßen NRW bestreitet das nicht. "Da können wir nicht viel gegen machen", sagt ein Sprecher. "Aber es wächst ja alles wieder schnell nach." Dem widersprechen Naturschützer. Bis sich der Bestand erholt hat, könnten bis zu 50 Jahre vergehen, sagen sie. Das Gehölz muss bis Ende des Monats eingesammelt sein — aus Naturschutzgründen. Wenn das keine Ironie sei, meint der Nabu-Chef.

(RP/jco)
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