Jugendamtsskandal: Neue Vorwürfe gegen katholisches Kinderheim

Jugendamtskandal : Neue Vorwürfe gegen umstrittenes Kinderheim in Gelsenkirchen

Im Skandal um die Leitung des Gelsenkirchener Jugendamts rückt nun auch eine katholische Einrichtung stärker in die Kritik. Nach einem Bericht des Lokalsenders Radio-Emscher-Lippe vom Dienstagabend soll das St.-Josef-Heim in Gelsenkirchen eine aktive Rolle gespielt haben bei der Unterbringung von Heimkindern in Ungarn.

Jugendamtsleiter Alfons Wissmann und sein Stellvertreter Thomas Frings stehen im Verdacht, sich mit der von ihnen in dem osteuropäischen Land gegründeten Einrichtung "Neustart" bereichert zu haben. Die Behörde soll nach einem Bericht der ARD-Sendung "Monitor" gezielt immer mehr Jugendliche in das St.-Josef-Heim geschickt haben. Als Gegenleistung habe die Einrichtung in Trägerschaft der Sankt Augustinus Gelsenkirchen Gesellschaft Jugendliche von anderen Jugendämtern in das Heim nach Ungarn geschickt. Die Staatsanwaltschaft Essen prüft, ob ein Anfangsverdacht der Vorteilsnahme vorliegt und Ermittlungen eingeleitet werden.

Laut Radio-Emscher-Lippe hat das St.-Josef-Heim dem Jugendamt in Gladbeck in fünf Fällen vorgeschlagen, Jugendliche in der "Neustart"-Einrichtung unterzubringen. Damit habe sie aktiv für "Neustart" geworben. Ein Flyer weise zudem klar aus, dass die Maßnahmen in Ungarn über den deutschen Kooperationspartner "St. Josef in Gelsenkirchen" angeboten würden, so der Sender. Allein vom Jugendamt Gladbeck seien rund 357.000 Euro an "Neustart" geflossen. Die Betreuungsqualität sei indes gut gewesen.

Die Augustinus Gesellschaft hatte bislang erklärt, die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung St. Josef habe keine Entscheidungsbefugnis darüber, ob die ihr anvertrauten Jugendlichen an Auslandsaufenthalten und gar an welchen Orten teilnehmen. Weiter hieß es, ein Zusammenhang zwischen Auslandsaufenthalten und der Belegung im Kinderheim "existiert nicht und hat nicht existiert". Auch gebe es keine Vereinbarung mit dem Jugendamt, die in eine solche Richtung abziele. Für eine Stellungnahme war die Gesellschaft am Dienstagabend nicht mehr zu erreichen.

Bereits am Montagabend hatten Lokalpolitiker bei einer Sondersitzung des Hauptausschusses kritisiert, dass das Heim nicht ausreichend zur Aufklärung beitrage. Vor allem der in der "Monitor"-Sendung erhobene Vorwurf der gezielten Überbelegung von St. Josef müsse aufgearbeitet werden. Ein Unternehmenssprecher hatte in dem Ausschuss nur eine bereits bekannte Erklärung verlesen, aber für Nachfragen nicht zur Verfügung gestanden. Das sorgte für Unmut in Reihen der Politik.

(KNA)