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Die Bahn in NRW: Jeder dritte Bahnhof hat schwere Mängel

Die Bahn in NRW : Jeder dritte Bahnhof hat schwere Mängel

Dreck, Gestank und Bauschäden prägen das Bild vieler Bahnhöfe in NRW. Unterführungen sind zum Teil stockfinster, Treppen für Rollstuhlfahrer unüberwindbar. Der Investitionsbedarf ist enorm. Müssen die Fahrpreise erhöht werden?

Der Bahnhof Leverkusen-Opladen ist ein unwirtlicher Ort. Die Fliesen sind abgefallen, an den Gleisen fehlt die Überdachung, in der Unterführung halten sich die Fahrgäste die Nase zu. Das Gebäude wirkt verwahrlost. "Das ist keine Werbung für den öffentlichen Nahverkehr", sagt eine Passantin und schüttelt den Kopf.

In Nordrhein-Westfalen gibt es insgesamt 694 Personenbahnhöfe. "Die Aufenthaltsqualität lässt an vielen Stationen zu wünschen übrig", sagt Rolf Beu, Bahnexperte der Grünen im Düsseldorfer Landtag. Bei rund einem Drittel aller Bahnhöfe sind die Gleise nach Angaben der Grünen nur über Treppen zu erreichen — ein schwerer Mangel. Dort haben Behinderte kaum eine Chance, den Zug zu nehmen. An manchen Bahnhöfen — wie zum Beispiel in Bonn Mehlem — klaffen bis zu 40 Zentimeter zwischen Bahnsteig und Zug. "Die Bahn hat zu wenig Geld in die Qualität der Anlagen investiert", kritisiert der Verkehrspolitiker.

Wie marode die Verkehrsinfrastruktur in NRW ist, hat in diesem Jahr die Teilsperrung mehrerer Autobahnbrücken verdeutlicht. Doch nicht nur bei den Straßen, auch bei der Bahn bröckelt die Substanz. "Wir wissen, dass viele Bahnhöfe und Haltepunkte erneuert werden müssen", räumt NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) ein. Auch dort bestehe ein hoher Investitionsbedarf.

Die Grünen wollen jetzt mit der Aktion "Bahnhof-Check NRW" den Druck auf die Bahn erhöhen. Fahrgäste werden dazu aufgerufen, Fotos von offensichtlichen Mängeln im sozialen Netzwerk Facebook zu veröffentlichen. Die Bilder dokumentieren, wie akut der Handlungsbedarf ist. Unterführungen sind dunkel und dreckig. Hinweisschilder fehlen. Viele Wände sind mit Graffiti besprüht.

Die Bahn beantwortet Fragen nach dem Sanierungsstau mit dem Hinweis auf Investitionen in Großprojekte. Seit 1994 seien mehr als eine Milliarde Euro in die Bahnhofsinfrastruktur investiert worden. Profitiert davon haben die Hauptbahnhöfe von Köln, Bielefeld, Bochum und Essen. An neun Standorten seien Zentralen für Sicherheit, Sauberkeit und Service entstanden. Derzeit werden die Hauptbahnhöfe in Münster, Dortmund und Duisburg umgebaut.

Auch an den kleineren Stationen habe sich schon viel getan, heißt es. In den nächsten Jahren wollen Bund, Land und Bahn insgesamt 407 Millionen Euro für die sogenannte Modernisierungsoffensive II ausgeben.

Verkehrsexperten halten diese Ausgaben für nicht ausreichend. So werde NRW bei den Zuwendungen aus dem Infrastrukturbeschleunigungsprogramm benachteiligt. Unter den 260 Bahnhöfen, die gefördert würden, befänden sich lediglich 15 aus NRW, kritisiert Rolf Beu. Auch die Bundesregierung benachteilige das Land. So stehe NRW ein Anteil von 21 Prozent aus dem Topf der Regionalisierungsmittel zu — gezahlt würden allerdings nur 16 Prozent.

Lothar Ebbers, Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn, rechnet nicht damit, dass die angekündigten Investitionen ausreichen. "Selbst wenn alle Mittel verbaut würden, wäre die Hälfte aller Bahnhöfe noch in einem unveränderten Zustand." Die Bahn habe schon jetzt Probleme, die finanzierten Baumaßnahmen umzusetzen. Es fehle an Fachpersonal, um die Ausführung der Projekte zu begleiteten.

Den größten Modernisierungsbedarf sieht Ebbers bei den S-Bahn-Stationen. Er ist sich sicher, dass die hohen Investitionskosten letztlich von den Fahrgästen getragen werden. "Ich gehe davon aus, dass die Ticketpreise weiter steigen", so Ebbers. Er empfiehlt der Bahn, nach Möglichkeit auf den Einbau von teuren Aufzügen zugunsten von Rampen zu verzichten. "Die Sicherheitsanforderungen sind zum Teil übersteigert", fügt Ebbers hinzu. Mancherorts könne man den Fahrgästen auch das ebenerdige queren der Gleise erlauben.

Henning Rehbaum, Verkehrsexperte der CDU im Landtag, wirft der rot-grünen Landesregierung vor, das Geld an der falschen Stelle auszugeben. So fehlten die 30 Millionen Euro jährlich im System, die Rot-Grün für die Einführung des Sozialtickets ausgebe. "Was nützt das schönste Sozialticket, wenn die Bahnhöfe verkommen und die Bahnen nicht mehr fahren?", fragt der Unionspolitiker.

Für die Fahrgäste in Leverkusen-Opladen ist immerhin Besserung in Sicht. Die Station soll im Zuge der geplanten Modernisierungsoffensive abgerissen und dann neu gebaut werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Dreckige und kaputte Bahnhöfe in der Region

(RP)