NRW Islam-Unterricht spaltet Muslime

NRW · An Schulen in NRW wird das Fach Islamkunde seit Jahren in einem Modellversuch gelehrt – lange jedoch ohne geeignetes Unterrichtsmaterial. Nun ist das erste Schulbuch erschienen, das muslimische Schüler in Religionskunde unterweisen soll. Die Lehrerausbildung dagegen liegt auf Eis.

 Das erste Schulbuch im Fach Islamkunde ist erschienen.

Das erste Schulbuch im Fach Islamkunde ist erschienen.

Foto: ddp, ddp

An Schulen in NRW wird das Fach Islamkunde seit Jahren in einem Modellversuch gelehrt — lange jedoch ohne geeignetes Unterrichtsmaterial. Nun ist das erste Schulbuch erschienen, das muslimische Schüler in Religionskunde unterweisen soll. Die Lehrerausbildung dagegen liegt auf Eis.

Dinslaken. An der Glückauf-Hauptschule in Dinslaken-Lohberg steht für die Schüler der 8. Klasse "Islamkunde" auf dem Stundenplan. "Auf welcher Seite sind wir", rufen die Schüler zu Beginn der Stunde durcheinander. Dass sie überhaupt in einem Schulbuch blättern können, ist neu: Bislang gab es keines, auf das die Jungen und Mädchen muslimischen Glaubens zurückgreifen konnten. Obwohl Islamkunde im Modellversuch seit 1999 an NRW-Schulen unterrichtet wird, mussten Lehrer Arbeitsblätter selbst erstellen. Dem hat die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor gemeinsam mit Kollegen ein Ende gemacht: Zu Schuljahresbeginn erschien mit "Saphir" das erste Schulbuch für Islamkunde, vorerst für die Klassen 5 und 6. Jährlich soll nun ein weiteres Buch erscheinen.

Geplant ist es, das Buch außer in NRW in Bayern, Bremen und Niedersachsen einzusetzen. Das Ziel: Muslimische Schüler sollen die Botschaft des Koran und den Propheten Mohammed kennenlernen, Wissen über die eigene und über andere Weltreligionen erlangen. Das Buch ist in deutscher Sprache erschienen. Die Schüler sind vom Unterricht und dem Buch begeistert: "Ich gehe seit zwei Jahren jeden Samstag und Sonntag in die Moschee", berichtet der 14-jährige Ahmet. "Dort lernen wir einzelne Kapitel aus dem Koran, die Suren, auswendig. Wenn ich eine Sure gut kann, macht der Hodscha, der Religionsgelehrte, ein Häkchen unter die Sure. Dann sagt er mir, welche ich als nächste lernen soll." Das allein, findet Ahmet, reiche nicht aus: "In der Schule lerne ich eigentlich mehr über den Islam als in der Moschee. Dort lernen wir ja nur auswendig, und hier sprechen wir darüber, was im Koran steht und wie ein Muslim leben soll."

Für Lehrerin Kaddor ist das Schulbuch nur ein erster Schritt. Sie fordert mehr: Es müsse einen richtigen islamischen Religionsunterricht geben, sagt Kaddor. Die Schüler hätten ein Recht darauf: "Es ist ein Unterschied, ob ich sage: ,Die Muslime fasten im Ramadan' oder ob ich sage: ,Wir Muslime sind verpflichtet, im Ramadan zu fasten'", erklärt Kaddor. "Das eine ist eine Information über den Islam, wie es das Fach Islamkunde vorschreibt. Das andere wäre ein klares Bekenntnis zum islamischen Glauben, den auch der Lehrer teilt."

Viele Muslime in Deutschland fordern seit Jahren einen islamischen Religionsunterricht, der zum Glauben hin erzieht. Doch das wird so bald nicht möglich sein, wenn auch Vertreter muslimischer Verbände und Politiker bei der dritten Islamkonferenz im März in Berlin sich dafür aussprachen: Denn ein bekenntnisorientierter Unterricht müsste mit einer anerkannten Religionsgemeinschaft abgesprochen werden. Das sind die Muslime in Deutschland nicht: "Mehrere Verbände machen für sich geltend, die Muslime in Deutschland vertreten zu wollen", klagt Jörg Harm vom NRW-Schulministerium. Doch die vier zahlenmäßig größten Muslim-Organisationen vertreten nur 15 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime. "Zudem ist unklar, wie viele Muslime es gibt", erklärt Harm. "Es gibt es keine klare Mitgliederstruktur." Muslim ist, wer einen muslimischen Vater hat.

Muslimische Eltern bewerten das Fach Islamkunde positiv, meint der Islamwissenschaftler Michael Kiefer aus Düsseldorf. "Viele Eltern können die deutsche Diskussion um Islamkunde oder islamischen Religionsunterricht nicht nachvollziehen", erklärt Kiefer, der den Modellversuch wissenschaftlich begleitet. "In der Türkei ist der Religionsunterricht Sache des Staates." Daher kämen die meisten Eltern gar nicht auf die Idee, Lehrpläne zu verlangen, die in Abstimmung mit der Religionsgemeinschaft entwickelt worden seien. Die Akzeptanz des Fachs Islamkunde sei in NRW hoch, 75 Prozent der muslimischen Schüler nähmen daran teil. Es handelt sich nicht um Pflichtstunden. Eltern müssen ihre Kinder anmelden. "Das zeigt, wie sehr Eltern das Angebot wertschätzen", sagt Kiefer.

(RP)
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