Experten fordern höhere Gehälter: In NRW fehlen die Berufsschullehrer

Experten fordern höhere Gehälter : In NRW fehlen die Berufsschullehrer

Besonders dramatisch ist der Personalmangel im Fach Kfz-Technik: Dort gibt es landesweit nur noch vier Referendare. Experten fürchten den Kollaps des dualen System – und fordern höhere Einstiegsgehälter für die Lehrkräfte.

Besonders dramatisch ist der Personalmangel im Fach Kfz-Technik: Dort gibt es landesweit nur noch vier Referendare. Experten fürchten den Kollaps des dualen System — und fordern höhere Einstiegsgehälter für die Lehrkräfte.

Die Ansage von Axel Faust ist klar und deutlich: "Handys aus und wegpacken." So beginnt der 38-Jährige am Nicolaus-Otto-Berufskolleg in Köln seinen Unterricht. Sein Credo: Den Stoff mit wechselnden Methoden und Übungsphasen so zu dosieren, dass kein Schüler frustriert zurückbleibt. Sein Fach: Kfz-Technik. Seine Mission: Dafür sorgen, dass die Autobesitzer in den Werkstätten künftig fachkundig beraten werden. Auf viele Mitstreiter kann Faust dabei nicht bauen. Er zählt zu den vier Referendaren im Fach Kfz-Technik, die zurzeit in NRW den Lehrerberuf ergreifen wollen.

In anderen technischen Fächern an Berufskollegs ist die Lage ähnlich dramatisch, wie Zahlen vom Verband der Lehrer an Berufskollegs in NRW (VLBS) zeigen: 979 Lehrer der Maschinentechnik werden bis 2020 in den Ruhestand gehen, rund 100 pro Jahr. Dieser Pensionierungswelle stehe eine Studentenanzahl gegenüber, die allenfalls ein Viertel der frei werdenden Stellen abdecken kann. Insgesamt befürchtet Wilhelm Schröder, VLBS-Vorsitzender, bis 2020 eine Lücke von mindestens 2110 Fachlehrern in sieben gewerblich-technischen Fachrichtungen. "Wenn in Kürze nichts passiert, ist das duale System in ernster Gefahr", befürchtet Schröder. Die Lage sei in allen Bundesländern schwierig. "Aber in NRW ist sie dramatisch."

Der Lehrermangel an Berufsschulen ist besonders alarmierend, weil sich dadurch der bereits existierende Fachkräftemangel noch zuspitzen könnte. Hört man sich unter Lehrern an Berufskollegs um, erfährt man von deprimierenden Zuständen: In manchen Berufsschulklassen würden die Auszubildenden für drei Berufe in einer einzigen Klasse gemeinsam unterrichtet, weil nicht genug Fachlehrer da sind. Ein großer Teil des Unterrichts falle aus demselben Grund sogar ganz aus. Deshalb sind die Kultusministerien der Länder dazu übergegangen, jedes Jahr in den sogenannten Mangelfächern Stellen für Akademiker mit Berufserfahrung auszuschreiben. Die Personallücken der Berufskollegs werden dadurch mit Seiteneinsteigern geflickt. Und denen werden in NRW hohe Hürden aufgebaut.

"Es ist schon eine große Herausforderung", weiß der gelernte Kaufmann Axel Faust. "Aber ich bin mit Freude dabei." Nach einigen Jahren in der Unternehmensberatung im Bereich Fahrzeugtechnik entschied er sich für den Schuldienst. Das Problem: Ohne staatliche Prüfung können Lehrer nicht in den höheren Dienst eintreten. Auch Faust musste deshalb noch einmal zur Uni, büffelte trotz Ausbildung und FH-Abschluss drei Jahre lang Wirtschaftslehre. Seit 2013 ist er Referendar und hat das zweite Staatsexamen fest im Blick. 19 Stunden unterrichtet Faust pro Woche. Hinzu kommen Konferenzen, Elterngespräche, Korrekturarbeiten, Ausflüge, Projekte und die Vergabe von Zeugnisnoten. "Als Unternehmensberater war ich nie so fertig wie nach einem Schultag mit acht oder neun Stunden. Aber ich habe die Chance bekommen, etwas Neues zu machen — und möchte die duale Ausbildung als wichtige Säule in unserem Wirtschaftssystem stärken."

Denn die duale Ausbildung gilt weltweit als vorbildlich. In den Betrieben bekommen die Lehrlinge das praktische Rüstzeug für den zu erlernenden Beruf, in der Schule das theoretische. Doch das Modell ist gefährdet, wenn eine Seite wegbricht. Auch Peter Fischer, Obermeister der Mönchengladbacher Kfz-Innung, macht sich Sorgen, dass einige Betriebe in der Stadt irgendwann die Ausbildung junger Menschen einschränken müssen. "Das Problem liegt auf der Hand: Selbst in der jetzigen Wirtschaftskrise finden Ingenieure und Maschinenbauer noch gute Jobs, in denen sie in der Regel deutlich mehr als Berufsschullehrer verdienen. "

Die Politik hat das Problem nach eigener Aussage erkannt — und stellt den NRW-Hochschulen in den kommenden fünf Jahren rund elf Millionen Euro für neue Studienangebote zur Ausbildung von Berufsschullehrern zur Verfügung. Schröder greift das zu kurz. "Das Studium in Mangelfächern muss attraktiver gemacht werden — etwa über die Vergaben von Stipendien an die Studierenden oder höhere Einstiegsgehälter." Axel Faust hat einen anderen Vorschlag: "Ich würde mir wünschen, dass die Regierung die Altersgrenze für die Verbeamtung anhebt." In NRW liegt sie bei 40 Jahren. Glück für Faust: Er ist 39, wenn er mit dem Referendariat fertig ist.

(RP)