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Horrorhaus von Höxter: Angelika W. zeigt keinerlei Reue

Höxter-Prozess : „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass es mir leid tut“

Im Prozess um das so genannte „Horrorhaus von Höxter“ steht nun die Angeklagte Angelika W. im Mittelpunkt. Bei der Vorstellung des psychiatrischen Gutachtens wird deutlich, dass sie ihrem Ex-Mann in vielem überlegen war. Reue zeigt sie keine.

Was Angelika W. anpackt, das erledigt sie mit perfektionistischem Eifer. „Bei mir gibt’s keine halben Sachen“, hat sie mal gesagt. Wenn es Arbeit gibt, schafft sie sie weg. Das kann das Umtopfen von Begonien sein, damals, als die 49-Jährige noch in einer Gärtnerei gearbeitet hat. Das kann ihre Arbeit in der Gefängnis-Wäscherei sein, wo sie eine Zeit lang den kompletten Laden schmiss, wie ihr Verteidiger sagt. Das kann aber auch das Zersägen einer Toten sein, die weg muss.

Angelika W. ist die Frau fürs Grobe. Arbeitsam, rustikal, kühl, nach Macht strebend, mitleidlos – und ohne jede Moral. So beschreibt Nahlah Saimeh die Angeklagte im „Höxter-Prozess“ im Landgericht Paderborn, wo die forensische Psychiaterin am Mittwoch ihr mehrere hundert Seiten starkes Gutachten über Angelika W. vorstellte.

Saimeh stuft Angelika W. als voll schuldfähig ein. Ihr mitangeklagter Ex-Mann Wilfried W., dem Saimeh im juristischen Sinne Schwachsinn attestiert hat und außerdem eine hohe Wiederholungsgefahr bei dem 48-Jährigen sieht, ist demnach nur vermindert schuldfähig. Sollte er noch einmal eine Partnerin finden, die mit ihm eine ähnlich bizarre Beziehung lebt, könnte er nach Ansicht von Saimeh erneut Frauen erniedrigen und misshandeln. Wilfried W. könnte also in einer psychiatrischen Anstalt landen, wenn der Prozess im Herbst zu Ende geht. Seiner Ex-Frau drohen wegen versuchten Mordes durch Unterlassen viele Jahre Gefängnis.

Das Paar soll auf seinem Hof in Höxter-Bosseborn mindestens sechs Frauen gedemütigt und schwer misshandelt haben, Anika W. (33) und Susanne F. (41) überlebten das Martyrium nicht.

Während im Prozess lange nicht klar war, wer von beiden Angeklagten das Sagen hatte in der Beziehung, wird immer deutlicher, dass Angelika W. die Macht und Kontrolle über Wilfried W. hatte, mit dem sie 17 Jahre zusammen war. Überdurchschnittlich intelligent war sie dem Mann mit einem IQ von 59 weit überlegen. Auch er wurde zwar immer wieder aggressiv, hat Angelika W. etwa den Arm schwer verbrüht, die anderen Frauen auch mal geschlagen – doch das waren nach Aussage von Saimeh nur Versuche, die Macht an sich zu reißen.

Angelika W. demontierte die anderen Frauen systematisch. Sie zwang sie, die absurden Regeln im Haus einzuhalten, die das Paar vorgab. Anika W. durfte etwa nachts nicht auf die Toilette. Ging sie trotzdem, kettete Angelika W. sie mit Handschellen an die Heizung. „Die Regeln waren so, also war Anika selbst schuld, wenn sie bestraft wurde“, sagt Saimeh und beschreibt damit die perfide Logik der Angeklagten.

In dieser Logik kommt ein schlechtes Gewissen oder ein Gefühl von Reue nicht vor. Angelika W. sagte der Gutachterin zwar: „Ich bin ja kein Unmensch.“ Sie hielte es aber für falsch, im Prozess zu sagen, dass sie – zumindest im Nachhinein – Mitleid mit den Frauen hat. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir leid tut“, sagte sie sinngemäß im Gespräch mit Saimeh. Die Frauen hätten schließlich ja einfach gehen können. Im Haus habe es gewisse Regeln gegeben und die Frauen hätten sich nicht regelkonform verhalten. Dafür wurden sie bestraft – für Angelika W. eine völlig logische Konsequenz. Mit einer Strafe von 13 oder 14 Jahren könne sie gut leben. „Ich hab das gemacht, also muss ich bestraft werden“, sagt sie. Auch das ist für sie logisch. Angelika W. ist eine sehr unweiblich wirkende Frau. Sie trägt Klamotten, die auch ein Mann tragen könnte – weite Shirts, Jeans, flache Schuhe. Schminke hat es bei ihr nie gegeben. Nur eine Abdeckcreme, mit der sie die blauen Augen kaschieren musste, die ihr Ex-Mann ihr geschlagen hatte.

Saimeh nennt die Beziehung des Paares „hochgestört“. „Wilfried W. hat in ihr seine Meisterin gefunden“, sagt sie. Zu zweit wurde dann gegen die jeweils Dritte gehetzt. Er infantil, sie dominant, er hilflos in vielen Dingen des Lebens, sie zupackend, selbstbewusst und ihm mental weit überlegen. Weil Angelika W. immer Angst hatte, dass ihr Partner sie aus dem Haus wirft, machte sie die anderen Frauen fertig. Viele der Regeln hatte sich zwar Wilfried W. ausgedacht, dass sie ihn beim Sprechen anschauen mussten etwa, ihm dem Tee richten, die Einhaltung des Systems überwachte aber seine Ex-Frau. Und dachte sich Strafen aus, „die keine blauen Flecken machten“. So musste Susanne F. einen 25 Kilo schweren Sack immer wieder die Kellertreppe hochtragen – ein Video zeigt die schon sehr geschwächte Frau kurz vor ihrem Tod. Angelika und Wilfried W. schreien sie an, schaukeln sich gegenseitig hoch.

Nur die devoten Frauen sind geblieben, andere gingen und ließen sich nichts gefallen. „Am Ende war Angelika W. immer die Gewinnerin“, sagt Saimeh. Im Gefängnis trägt Angelika W. manchmal ein T-Shirt ihres Ex-Mannes, manchmal auch eine Unterhose. Nicht aus emotionaler Verbundenheit, sondern aus purem Pragmatismus, wie Saimeh sagt. In mehr als 25 Stunden Gesprächen habe sie die Angeklagte immer nur „hochrational“ erlebt.

Die grenzenlose Loyalität, das Pflichtbewusstsein, das Unvermögen, Verantwortung bei sich selbst zu suchen – Saimeh hatte zu Angelika W. gesagt, dass das durchaus Eigenschaften seien, mit denen sie auch ein Vernichtungslager hätte leiten können. Und Angelika W. sagte: „Ja, stimmt. Und früher hätte ich dafür noch einen Orden bekommen.“

Ein Urteil wird für Oktober erwartet.