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Holocaust-Überlebende Tamar Dreifuss spricht im Landtag Düsseldorf

Tamar Dreifuss spricht im Landtag : Die Hand und die Hundehütte – Holocaust-Überlebende bewegt Politiker

Die Zeitzeugen, die noch von den Nazi-Gräueltaten berichten können, werden immer weniger. Tamar Dreifuss verdankt ihre Rettung dem Mut ihrer Mutter – und einem Hund. Ihr Bericht im Landtag bewegt alle Fraktionen. Der Blick wird auch auf die Gegenwart gerichtet.

 Als Tamar Dreifuss erzählt, wie sie in einer Hundehütte zusammen mit ihrer Mutter den Holocaust überlebte, mit dem Hund Fressen, Wassernapf und Schlafplatz teilte, herrscht Totenstille im Düsseldorfer Landtag. Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus sitzt die 1938 geborene Jüdin auf einem Stuhl am Rednerpult und berichtet über ihr erschütterndes Schicksal - und die Hand ihrer Mutter.

Mit drei Jahren versteckte ihre Mutter sie als „Theresa“ bei einer christlichen Großtante in einem Kloster vor den Nazis. Tamar fliegt auf, kommt 1941 zu ihren Eltern ins Ghetto von Wilna in Litauen. Der Vater wird deportiert, doch die Mutter will nur eines - fliehen. „Lieber auf der Flucht erschossen werden, als wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt werden.“

Zweimal versucht die Mutter mit der kleinen Tamar vergeblich, aus dem völlig überfüllten Viehwaggon zu entkommen, der sie in den Tod bringen soll. Sie bezahlt dafür mit Dutzenden Schlägen. Im Durchgangslager Tauroggen greift sich die verletzte Mutter aus Kleiderbergen ein Kostüm, ein Kleid, ein Haarband und Schminke. Sie kleidet sich und Tamar ein, und beide schaffen es, an Wachtposten vorbei durch das Tor zu kommen.

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„Sie ging ganz aufrecht“, sagt Tamar Dreifuss. Mit der Tochter an der Hand schlägt sich die Mutter durch von Hof zu Hof, bis beide in der Hundehütte Unterschlupf finden und sowjetische Soldaten sie befreien. Gerettet habe sie der Hund und die Hand ihrer Mutter. „Die Hand meiner Mutter war wie ein Fels in der Brandung“, sagt Tamar Dreifuss. „Danke, Mama.“ Die Abgeordneten aller Fraktionen im Landtag von CDU, SPD über FDP und Grüne bis zur AfD erheben sich und spenden minutenlang Beifall für den bewegenden Bericht.

Die Politiker in der Gedenkstunde erinnern daran, dass Zeitzeugen, die noch über die Gräueltaten der Nationalsozialisten berichten können, weniger werden. Doch Antisemitismus sei weiter traurige gesellschaftliche Realität. „Persönliche Schicksale regen uns noch einmal anders zum Nachdenken an“, sagt Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Dann kommt der 46-jährige Regierungschef ohne Umschweife in die Gegenwart 2022.

Wüst verurteilt scharf die „Relativierung und Bagatellisierung des Holocaust“ auf Corona-Demos. Mitten in Deutschland und NRW trügen Demonstranten nachgestellte gelbe Sterne mit der Aufschrift „ungeimpft“. Andere Demonstranten verglichen ihre Ablehnung der Corona-Maßnahmen mit dem Widerstand von Sophie Scholl gegen das NS-Regime. „Diese Anmaßung in Bezug auf die Opfer des Nationalsozialismus ist abstoßend und unerträglich.“

Die Zivilgesellschaft müsse sich dagegen stellen, fordert Wüst. „Wir dürfen nicht schweigen.“ Nicht jeder Vorfall sei strafbar. Doch jede antisemitische oder rassistische Äußerung sei ein Angriff auf die offene und vielfältige Gesellschaft. Landtagspräsident André Kuper nennt die Auswüchse bei den Corona-Demonstrationen verstörend, unerträglich und geschichtsvergessen. „Wer die Verbrechen der Nationalsozialisten an den europäischen Juden für eigene Zwecke relativiert und instrumentalisiert, der hat den Boden jedweder sachlichen Debatte verlassen.“

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrates der Juden, fordert in der Gedenkstunde deutliche Konsequenzen. Antisemitismus in verschiedensten Formen sei „so verbreitet wie seit 75 Jahren nicht mehr“. Gedenktage dürften nicht „Feigenblätter der Gesellschaft“ werden, mahnt Lehrer. Um den Antisemitismus heute zurückzudrängen, müssten alle Gesellschaftsbereiche zusammenwirken: „In der Justiz, in den Hochschule und Schulen, in der Kultur sowie bei Polizei und Bundeswehr muss eine interne selbstkritische Prüfung stattfinden.“ Notwendig sei ein Demokratiefördergesetz. Auch die Lehrer-Ausbildung müsse reformiert werden, um Antisemitismus an den Schulen zurückzudrängen, fordert er.

Der 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Er ist der Jahrestag der Befreiung der Überlebenden des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz 1945 durch Soldaten der Roten Armee. Die Erinnerung an die schlimmste Ära in der Menschheitsgeschichte „ist und muss die Basis bleiben, für das Bestreben, eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern“, sagt Lehrer. Tamar Dreifuss hat zur Erinnerung ein Buch über ihre „wundersame Rettung“ geschrieben. Es ist ein Kinderbuch.

(bora/dpa)