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Höxter-Prozess: Christel P. belastet Wilfried W. und Angelika W. schwer

Höxter-Prozess in Paderborn : "Die beiden waren urplötzlich andere Menschen"

Erniedrigende Quälereien, Schläge und Demütigungen: Im Höxter-Prozess vor dem Landgericht Paderborn hat eine Frau ausgesagt, die diese Misshandlungen überlebt hat. Die 52-Jährige belastet die Angeklagten Wilfried W. und Angelika W. schwer.

Christel P. gefiel, was sie Ende 2011 in einer Zeitungsannonce las: "Ich bin lieb, nett und zärtlich und suche für eine längere Beziehung eine Frau." Übertitelt war die Anzeige mit "Bauer sucht Frau". Es war eine von Hunderten Annoncen, die Wilfried W. mit Hilfe seiner Ex-Frau Angelika W. in Tageszeitungen geschaltet hatte. Dutzende Frauen lernte der 47-Jährige auf diese Weise im Lauf der Jahre kennen. Christel P., 52 Jahre alt und Betonwerkerin von Beruf, lebte damals in Magdeburg und ließ sich schnell darauf ein, zu Wilfried W. nach Höxter-Bosseborn zu ziehen. Was sie dort erlebte, erzählte sie am Dienstag im Paderborner Landgericht.

Es ist Tag 20 im Prozess gegen Wilfried W. und Angelika W. (48). Das ehemalige Paar muss sich wegen zweifachen Mordes durch Unterlassen verantworten, die Staatsanwaltschaft wirft den beiden außerdem 30 Fälle von Körperverletzung vor. Sie sollen mindestens sechs Frauen auf ihrem Hof in Höxter-Bosseborn schwer misshandelt haben, zwei weitere Frauen starben. Im Prozess beschuldigen sie sich gegenseitig.

Christel P. sitzt eingesunken auf dem Zeugenstuhl, die korpulente Frau trägt ein übergroßes graues T-Shirt und sagt an diesem Tag sehr oft, dass sie sich nicht erinnern kann. Nur selten spricht sie einige Sätze, meistens antwortet sie mit "Ja" oder "Nein" und lässt sich nur auf Nachfrage auf mehr ein. Wie alle Frauen, mit denen das Paar zu tun hatte, dachte auch Christel P., Angelika sei Wilfrieds Schwester, und nicht seine Ex-Frau. Die beiden holten sie mit einem weißen Kastenwagen in Magdeburg ab, "das war so ein Hundefängerauto", sagt Christel P. Und es hatte nur zwei Sitzplätze — sie sollte sich für die etwa fünfstündige Fahrt im Laderaum auf eine Kiste mit einer Decke setzen. "Ein Gentleman hätte vielleicht gesagt: Komm, ich setz mich nach hinten, sitz du vorne", sagt der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus. Das könnte sein, sagt Christel P., aber es sei okay gewesen.

Drei Wochen sei alles gut gegangen auf dem Hof, sagt die Zeugin. "Es hat mir wirklich gefallen, ich hätte mir vorstellen können, vielleicht für ewig dort zu bleiben." Die Angeklagte lebten mit ihr die Konstellation, die sie immer wieder mit Frauen lebten: Man schlief zu dritt im Wohnzimmer, der Rest des Hauses war nicht geheizt, geduscht wurde einmal in der Woche, bis in den Nachmittag geschlafen, "nachts haben wir die Tiere versorgt, manchmal Ausflüge gemacht", sagt Christel P. Sie habe Wilfried W. geliebt.

Wann das Ganze gekippt sei, fragt der Vorsitzende. "Als ich die erste Backpfeife gekriegt hab von ihm." Was der Auslöser war, weiß sie nicht mehr. "Die beiden waren urplötzlich andere Menschen." Mit der flachen Hand habe Wilfried W. sie ins Gesicht geschlagen, "ich hatte alles grün und blau". Sie sei dann in eine Ecke gegangen und habe geweint. Später habe sie gesagt, dass sie gehen will, zurück nach Hause. Wilfried W. habe gesagt: "Du kannst gehen, die Türen sind offen." Doch sie hätten ihr alle Schlüssel, das Handy und ihr Portemonnaie abgenommen. "Nachts waren die Türen abgeschlossen, tagsüber war immer einer von beiden bei mir — ich hätte nicht gehen können."

Es blieb nicht bei einer Backpfeife. Christel P. erzählt, dass Angelika W. sie im Winter im Schweinestall mit Handschellen ankettete, zwischen den Tieren, sie war barfuss. Der Polizei hatte sie gesagt, dass sie dabei nur eine Unterhose trug. "Einmal hat sie mir Pfefferspray ins Gesicht gesprüht." Angelika W. habe ihr außerdem die Haare abgeschnitten, "damit ich hässlich aussehe". Nachts durfte sie den Raum nicht verlassen, wenn sie auf die Toilette musste. "Was haben Sie dann gemacht?", will ein Nebenklage-Anwalt wissen. Sie zögert, dann sagt sie: "Ich habe ins Katzenklo gemacht." Die beiden hätten dann über sie gelacht. Sie habe Wilfried W.s Füße ablecken müssen, nachts habe sie irgendwann nicht mehr auf der Coach schlafen dürfen, "ich musste mich auf den Boden legen, ohne Decke oder sonst was", sagt sie. Über Wilfried W. berichtet sie, er sei einerseits "ein ganz lieber und netter Mann gewesen" — und andererseits ein Monster. Die Demütigungen und Schikanen habe sie erduldet, aus Angst, es könnte noch schlimmer werden. Einmal habe sie vergeblich versucht, die Nachbarn dazu zu bringen, die Polizei zu rufen.

"Wer war aus Ihrer Sicht schlimmer?", will der Vorsitzende wissen. Sie antwortet: "Beide." Sie ließen sie schließlich nach etwa drei Monaten gehen, nachdem sie unterschrieben hatte, dass sie sich alle Verletzungen selbst zugefügt habe. Zurück in Magdeburg habe sie einen Schrank vor die Wohnungstür gestellt und die Wohnung lange nicht mehr verlassen. Zur Polizei sei sie nicht gegangen. "Ich hatte einfach Angst, dass die beiden wieder auftauchen."

Noch heute träumt sie von einer Situation im Ziegenstall, sagt Christel P. "Ich hab sauber gemacht, da stand Wilfried hinter mir und hat mir eine Schippe ins Gesicht geschlagen." Als sie blutend am Boden lag, habe er gegrinst und gesagt: "Oh, das war ich nicht." Immer wieder sehe sie in ihren Träumen diese Schippe. "Und dieses Lachen werde ich nie vergessen."

Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Ein Urteil wird nicht vor dem Herbst erwartet.

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(hsr)