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Hochwasser in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz: Zahl der Toten steigt auf 164

Überblick zur Hochwasser-Katastrophe : Zahl der Unwetter-Toten in Deutschland steigt auf 164

Auch an Tag fünf nach den verheerenden Fluten im Westen Deutschlands steigt die Zahl der Toten weiter. Bundespräsident Steinmeier besuchte das Katastrophengebiet, um sich ein Bild zu machen. Die Kanzlerin hat sich für Sonntag angekündigt.

Nach der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands ist die Zahl der Toten auf mindestens 158 gestiegen. Die Polizei bezifferte allein die Zahl der Todesopfer im Großraum Ahrweiler bis Montag auf 117. Es sei zu befürchten, dass noch weitere hinzukämen, teilte die Polizei Koblenz am Samstagabend mit. In Nordrhein-Westfalen gab es nach Angaben des Innenministeriums landesweit mindestens 47 Todesopfer und viele Verletzte. Zudem kam mindestens ein Mensch bei Überschwemmungen im oberbayerischen Landkreis Berchtesgadener Land ums Leben.

Bei den Hochwassereinsätzen in NRW haben mindestens vier Feuerwehrleute ihr Leben verloren. Das teilte der Verband der Feuerwehren (VdF) am Samstag mit. Neben den beiden in Altena und Werdohl gestorbenen Männern seien zwei weitere Todesfälle gemeldet worden. In Nettersheim (Kreis Euskirchen) sei ein Feuerwehrangehöriger bei einem Rettungseinsatz ums Leben gekommen. Ein weiterer Feuerwehrangehöriger der Feuerwehr Rheinbach (Rhein-Sieg-Kreis) sei im Einsatz leblos aufgefunden worden und später im Krankenhaus gestorben. „Die Betroffenheit in den Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus ist riesig. Wir alle werden das nach Ende der Einsätze erst verarbeiten müssen“, sagte der stellvertretende VdF-Landesvorsitzende, Bernd Schneider.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollte die besonders betroffene Eifel am Sonntagmittag besuchen. Während sich dort und im Südwesten von NRW die Wassermassen vielerorts zurückgezogen haben, sorgten neue Regenfälle in Südostbayern, der Sächsischen Schweiz und Österreich für Überschwemmungen. Besonders betroffen ist das Berchtesgadener Land. „Fahrzeuge auf den Straßen wurden zum Spielball der Wassermassen“, berichtete ein Einsatzleiter. Für Sonntag ist dort weiterer starker Regen vorhergesagt.

Merkel wird den Planungen zufolge zunächst die Eifelgemeinde Schuld besuchen, die besonders schwer verwüstet wurde. Danach (14.30 Uhr) ist ein Pressestatement mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) in Adenau etwa 50 Kilometer westlich von Koblenz geplant.

In der Region gehen unterdessen die Such- und Rettungsarbeiten weiter. Hunderte Rettungskräfte sind in Rheinland-Pfalz auf der Suche nach weiteren Opfern und Vermissten, der Einsatz läuft auf Hochtouren. Insgesamt liege dem Polizeipräsidium die Meldung über 670 Verletzte vor. Auch diese Zahl könne sich noch weiter erhöhen. 

Durch das Abfließen der Wassermassen werden die von den Fluten angerichteten Schäden an Ahr und Mosel sichtbar. Auch die Infrastruktur hat schweren Schaden genommen: In dem besonders stark betroffenen Landkreis Ahrweiler sind Straßen gesperrt und Brücken zerstört, der Zugverkehr ist in Rheinland-Pfalz wegen der Überflutungen weiterhin massiv beeinträchtigt.

Laut Frühwarnprognose des Landesamts für Umwelt Rheinland-Pfalz verringerte sich die Hochwassergefahr zuletzt. In vielen Ortschaften fiel weiterhin das Strom- und Telefonnetz aus. Angehörige, Freunde oder Bekannte, die jemanden vermissen, können sich unter der Rufnummer 0800 6565651 bei der Polizei melden.

In der Nacht war die Polizei nach Angaben des Präsidiums mit vielen Einsatzkräften in den betroffenen Ortslagen im Einsatz. Durch das Unwetter seien viele Straßen im Ahrtal weiterhin gesperrt oder nicht mehr befahrbar.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Samstag mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) den von der Flutkatastrophe besonders hart getroffenen Rhein-Erft-Kreis (Nordrhein-Westfalen) besucht, Bundeskanzlerin Angela Merkel plant für Sonntag einen Besuch in der schwer verwüsteten Region in Rheinland-Pfalz. Bei einer Videokonferenz Laschet hatte sie am Freitag kurz- und langfristige Unterstützung durch den Bund für die betroffenen Menschen zugesichert.

In Erftstadt sind in den vergangenen Tagen zahlreiche Häuser und Autos weggespült worden. Eine besonders dramatische Lage hatte sich in Erftstadt-Blessem ergeben: Dort kam es zu gewaltigen Erdrutschen, es bildeten sich Krater im Erdreich, drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg stürzten ein.

Zahlreiche Menschen suchen zudem nach ihren Angehörigen. Bisher wurden laut Angaben der Stadt bei der am Samstag eröffneten „Personenauskunftsstelle“ 59 Menschen gemeldet, deren Aufenthaltsort ungewiss ist. 16 davon kämen aus Erftstadt.

Bislang gibt es keine bestätigten Todesopfer. Das sagte ein Kreisprecher am Samstagmorgen. Die Lage in Blessem jedoch derweil weiter angespannt. In anderen Teilen des Kreises gingen die Pegelstände unterdessen zurück, im Norden habe man Evakuierungen aufheben können. Da die Arbeiten der Rettungskräfte im Bereich Blessem noch in vollem Gange sind, könne man nicht ausschließen, noch Todesopfer zu finden. Belastbare Zahlen zu Vermissten gebe es nicht. Die Hochwassersituation an der Rur im Kreis Heinsberg ist auch am Samstagmorgen weiter angespannt. Es droht weiterhin akute Überflutungsgefahr unterhalb der Steinbachtalsperre durch Versagen des Absperrdammes, berichtet die Bezirksregierung Köln am Samstagmittag. Große Teile des Dammes sind durch Überströmung weggebrochen. Parallel lastet durch den hohen Wasserstand ein enorm hoher Druck auf dem Damm. Der Damm ist dadurch äußerst instabil und droht zu brechen. Der Wassenberger Ortsteil Ophoven musste in der Nacht evakuiert werden. Angeblich staut sich das Wasser auf deutscher Seite, weil im niederländischen Roermond Schleusen geschlossen wurden.

In NRW sind nach Angaben der Landesregierung mehr als 19.000 Einsatzkräfte an den Rettungsarbeiten beteiligt. Die Koordinierungsgruppe des Krisenstabs tausche sich rund um die Uhr zur aktuellen Lage bei der Hochwasserkatastrophe aus und helfe landesweit bei der Koordinierung, hieß es am Samstagmorgen in Düsseldorf.

Laschet beklagte am Freitag eine „Flut-Katastrophe von historischem Ausmaß“. Es sei zu befürchten, dass die Opferzahlen weiter steigen. Seine Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), nannte die Lage „weiterhin extrem angespannt in unserem Bundesland“. Sie fügte in Trier hinzu: „Das Leid nimmt auch gar kein Ende.“

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock reiste nach dem Abbruch ihres Urlaubs in die Krisengebiete. Wie eine Sprecherin am Freitagabend mitteilte, will sich die Parteichefin vor Ort über die Lage der Menschen informieren. Dabei verzichte sie bewusst auf Pressebegleitung oder öffentliche Auftritte. Den Angaben zufolge traf Baerbock am Freitag in Mainz ein. Auf Twitter schrieb sie dazu: „Die Gespräche gehen unter die Haut. Nach wie vor sind nicht alle Orte erreicht, Menschen weiter abgeschnitten. Zugleich gibt es eine unglaubliche Solidarität zu helfen, Betroffene zu Hause aufzunehmen und zu unterstützen.“ Für Samstag sind weitere Termine Baerbocks in Nordrhein-Westfalen angesetzt.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Wir wissen, dass solche Extremwetterereignisse zunehmen werden. Daher brauchen wir entsprechende Anstrengungen beim Klimaschutz - in Deutschland, aber auch weltweit.“ Die Akteure in Bund, Land, Städten und Kreisen sowie Hilfsorganisationen seien „leistungsfähig, aber für bundesweite Krisenszenarien brauchen wir einen verlässlichen Rahmen“. Es dürfe nicht so weit kommen, dass das Leben an Flüssen und Küsten in Deutschland nicht mehr möglich sei.

Nach den Worten von Grünen-Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter muss Deutschland seine Maßnahmen für den Klimaschutz verbessern. Er sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND/Samstag): „Studien zeigen, dass Ereignisse wie die verheerenden Hitzewellen in Nordamerika oder die Flutkatastrophe in Deutschland durch die Klimakrise wahrscheinlicher und heftiger werden. Wir müssen in allen Bereichen beim Klimaschutz draufsatteln.“ Das EU-Klimapaket sei ein guter Startpunkt. „Jetzt müssen wir in Deutschland nachlegen und wirksame Klimaschutzmaßnahmen ergreifen. Zugleich brauchen wir eine aktive Vorsorgepolitik, um uns an die neuen Klimarealitäten anzupassen“ - also mehr und ökologischeren Hochwasserschutz, Flächenentsiegelung und hitzeangepasste Städte.

(chal/top/dpa)