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Hochwasser: Flut-Katatsrophe in Mayschoss - ein Dorf steht zusammen

Jahrhundertkatastrophe im Ahrtal : Ein Dorf steht zusammen

Das Örtchen Mayschoß im Ahrtal ist tagelang von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Die Anwohner Waltraud Schütze und Christoph Sebastian haben fast alles verloren. Nachbarn und Freunde stehen ihnen bei.

Waltraud Schütze hat die Hände vor ihr Gesicht geschlagen. „Am liebsten würde ich hier alles aufgeben und weg“, sagt sie. Die 55-Jährige steht in Mayschoß vor den Trümmern ihres Lebens; das Hochwasser hat ihr und ihrer Familie fast alles genommen. Ihr Haus ist völlig verwüstet; das Elternhaus ihres Mannes ebenfalls. Und auch die beiden Häuser, die sie vermieten, sind schlimm zugerichtet. Ihre beiden Autos, darunter ein drei Jahre alter BMW X5, sind von der Flut weggerissen worden. Der Schutt- und Schrottberg vor ihrem Haus ist mehrere Meter hoch und breit, und er erstreckt sich auf einer Länge von rund 150 Metern. „Es ist unglaublich“, sagt sie, während unweit von ihr ein gewaltiger Hubschrauber des Militärs landet, aus dem Soldaten der Bundeswehr springen.

Mayschoß liegt im unteren Ahrtal, etwa 35 Kilometer südwestlich von Bonn am Rande des Ahrgebirges. Die Ortschaft hat es besonders schwer getroffen; einige Bewohner haben ihr Leben gelassen, Häuser wurden weggerissen, Straßen weggebrochen. Tagelang ist die Gemeinde von der Außenwelt abgeschnitten gewesen; erst am Sonntag sollen auswärtige Rettungskräfte eingetroffen sein, weil die Flut die Zufahrtstraßen zerstört hat. Mayschoß gleicht einem Kriegsgebiet; zwei Landeplätze für Militär-Hubschrauber sind eingerichtet worden; Panzer rollen über die verschlammten Wege; Soldaten, die beim Aufräumen helfen, sind allgegenwärtig. Waltraud Schütze und ihr Ehemann, der vor eineinhalb Jahren einen Schlaganfall erlitten hat, wären beinahe in der Flut ums Leben gekommen. Als das Wasser kommt, können sie sich gerade noch in die zweite Etage ihres Hauses flüchten und die Tür verbarrikadieren. „Das Wasser hat die Haustür aufgedrückt. Eine riesen Flutwelle kam ins Haus“, sagt sie. „Wir konnten uns mit Mühe und Not noch die Treppen hoch retten. Auf dem Balkon wurden wir dann von der Feuerwehr gerettet.“ Nachbarn, so berichtet sie, haben sich bis unters Dach retten müssen. „Weil die Hochspannungsleitungen über deren Haus gehen, konnten sie dort nicht abgeholt werden von den Hubschraubern“, sagt sie. Bis Samstag hätten sie deshalb in ihrer misslichen Lage ausharren müssen.

 Waltraud Schütze hat ihr Heim verloren.
Waltraud Schütze hat ihr Heim verloren. Foto: Christoph Reichwein (crei)
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Der Zusammenhalt in der Ortschaft ist gigantisch; jeder hilft jedem. Doch dringend benötigte Sachen wie Geräte zum Aufräumen, Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel kommen nur sehr langsam bei den Betroffenen an – wenn überhaupt. Denn nur ein schmaler Schotterweg führt jetzt noch nach Mayschoß, mehr ein Pfad als eine Straße; Kolonnen schwerer Bundeswehrfahrzeuge und Lastwagen mühen sich unentwegt den kilometerlangen Weg durch Wälder und Weinberge entlang ins Dorf. Sie bringen alles, was die Menschen jetzt dringend benötigen. Auf der matschigen Piste, die zur Lebensader des Örtchens geworden ist, gilt wegen der Enge eine Einbahnstraßenregelung: Fahrzeuge können nur zur vollen Stunde in den Ort fahren, und wieder raus geht es zur jeder halben Stunde. Bis Samstag soll der Pfad geteert sein; denn dann drohen neue Regenfälle und der einzige Zugang nach Mayschoß könnte dann versperrt werden.

 Christoph Sebastian schaufelt Schlamm aus dem Haus seiner Mutter.
Christoph Sebastian schaufelt Schlamm aus dem Haus seiner Mutter. Foto: Christoph Reichwein (crei)

Christoph Sebastian wohnt ein paar Häuser neben den Schützes. Die Ahr fließt direkt vor seinem Haus entlang. Die Wassermassen treffen es am Mittwoch mit voller Wucht; er selbst ist zu diesem Zeitpunkt nicht zuhause, nur seine 80-jährige Mutter. Sebastian kämpft sich bis zum Haus durch, wird dabei sogar einige Meter von der Flut mitgerissen. Das Wasser steigt schnell. Als er endlich sein Elternhaus erreicht, kann er sich mit seiner Mutter gerade noch in die zweite Etage retten. „Wir konnten nur noch hoffen, dass das Wasser aufhört zu steigen“, sagt er. Und das tat es dann.

Ihm ist so gut wie nichts geblieben. „Wir haben keinen Strom, kein Wasser, kein Garnichts“, sagt Sebastian. „Selbst die Unterhose, die ich trage, habe ich mir geliehen.“ Ein Anhänger mit einem Güllefass liegt auf dem Garagendach; die Flut hat es dort hin gespült. Vor und neben dem Haus liegen Autos auf dem Dach. Im Haus selbst ist fast alles zerstört. „Nur drei Prozent der Sachen kann ich vielleicht noch gebrauchen“, sagt er. Viele, zum Teil Jahrhunderte alte Familienerbstücke sind für immer verloren. Der 52-Jährige steht vor einem Schränkchen aus dem Jahr 1818, das schon seinen Ur-Ur-Ur-Großeltern gehört hat. Das Wasser hat dem Holz schwer zugesetzt; schwer zu sagen, ob es sich restaurieren lässt. „Das tut schon weh“, sagt er. „Das Wasser ist brutal.“

Sebastian schöpft mit einer Schaufel Schlamm aus dem Haus seiner Mutter. Ein Freund und dessen Frau sind gekommen, um ihm dabei zu helfen. Im Haus nebenan sind gerade zehn Helfer dabei, Unrat auf die Straße zu bringen. Überall in Mayschoß das gleich Bild: Menschen, die anderen Menschen helfen, die in der Stunde der größten Not zusammenstehen. „Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß“, lobt Sebastian. Und wo die Einheimischen nicht selbst helfen können, greifen die Soldaten der Bundeswehr ein.

Auch Waltraud Schütz wird geholfen. Sie versucht nun zu allererst, das Haus zu retten, indem sie und ihr Mann leben. „Auch das Elternhaus meines Mannes wollen wir gerne wieder instand setzen. Aber ich weiß nicht, ob unsere Kräfte dafür reichen“, sagt sie. „Mein Mann hängt sehr daran. Darum versuche ich auch so viel wie möglich zu retten wie die handgeschnitzten Schützen, die das Haus zieren“, sagt sie. Ihr Nachbar Christoph Sebastian schätzt, dass es mindestens ein halbes Jahr dauern wird, bis das Haus wieder halbwegs bewohnbar sein wird. Passieren darf dann aber nichts mehr. Mit ein wenig Sorge blickt er deshalb auf das bevorstehende Wochenende. Es sind wieder schwere Unwetter im Westen Deutschlands vorausgesagt. „Wenn es gut läuft, spült der Regen den Schlamm hier weg“, sagt er. Was ist, wenn es schlecht läuft, möchte er sich nicht ausmalen.

(csh)