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Hochwasser Erftstadt-Blessem: Einwohner kämpfen vereint gegen die Fluten

Verwüstungen in Erftstadt : „Ich lebe, das ist die Hauptsache“

In Erftstadt-Blessem hat das Wasser viele Häuser einstürzen lassen. Einwohner kämpfen vereint gegen die Fluten. Landrat Frank Rock spricht von einer katastrophalen Lage, wie es sie noch nie gegeben hat.

Ahmed Nasir stapft mit zwei Koffern, die er sich über die Schultern geworfen hat, durchs knietiefe Wasser seines Heimatdorfes Blessem, das zu Erftstadt gehört. Nach dem extremen Starkregen war der Fluss Erft über die Ufer getreten. „Ich hole meine Wertgegenstände noch schnell raus“, sagt er. Seine Familie sei schon längst evakuiert. „Aber die Sachen musste ich noch holen, unter anderem unsere Ausweise“, sagt er. Sein Haus steht keine 150 Meter entfernt von der Abbruchkante. Durch massive und fortschreitende Unterspülungen sind dort mehrere Gebäude eingestürzt; wo sie gestanden haben, gähnt nun ein riesiger Krater, in den unaufhörlich Wasser aus dem Dorf fließt. Es ist zudem von Vermissten die Rede. Eine Sprecherin der Bezirksregierung Köln sagte am Nachmittag, dass es mehrere Todesfälle gebe. Die Verwaltung des Kreises revidierte diese Aussage am Abend wieder. Der vermeldete Todesfall sei fälschlicherweise mit dem Hochwasser in Verbindung gebracht worden.

Mindestens 55 Menschen sind aus den Fluten, von denen die Anwohner überrascht worden sind, gerettet worden. Einige von ihnen mit Hubschraubern. So auch die Familie eines Bundeswehrsoldaten, der am Freitagmittag an der Abbruchkante steht und in den Krater blickt. Das da vorne, erklärt er und zeigt auf ein Haus, das noch steht, aber mitten an der Kante liegt, sei sein Elternhaus. „Meine Eltern konnten mit einem Hubschrauber gerettet werden“, sagt er.

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Die Bundeswehr ist mit massiven Einsatzkräften vor Ort, um zu helfen. 15 Personen, so hieß es am Freitagvormittag noch, seien noch in Häusern im gefährdeten Bereich eingeschlossen. Die Sicherheitskräfte appellieren dringend an bereits evakuierte Bewohner, nicht in ihre Häuser zurückzukehren: Dies sei lebensgefährlich.

Ahmed Nasir scheint das egal zu sein. Er ist zurückgekommen, um noch etwas aus seinem Haus zu retten. Einige der Menschen, die noch vermisst werden, kennt er gut. „Das waren meine Nachbarn. Alles liebe Leute. Das ist so schlimm“, sagt er. „Wir haben nur Glück gehabt, weil unser Haus ein paar Meter weiter entfernt steht“, sagt er.

Auch Uwe Schnitzler ist in sein Haus zurückgekehrt. „Das Wasser kam um Mitternacht. Dann bin ich schnell raus und ins Nachbardorf zu meinen Schwiegereltern“, sagt er. Heute sei er dann nach Blessem zurückgekommen. Vorgefunden hat er einen völlig verwüsteten Garten, sein Keller ist vollgelaufen, allerhand angespülter Unrat liegt auf seinem Grundstück. „Aber ich lebe“, sagt er. „Das ist die Hauptsache.“

Luftbilder und Fotos zeigen Erdrutsche von gewaltigem Ausmaß. Häuser wurden mitgerissen und verschwanden. Autos lagen in neu entstandenen riesigen Erdlöchern neben Betonteilen der ehemaligen Kanalisation. Die Lage ist nach Angaben des zuständigen Landrates des Rhein-Erft-Kreises, Frank Rock (CDU), unübersichtlich. Er habe noch keine konkrete Zahl über Todesopfer oder Vermisste, so Rock am Freitag. Es seien 50 Menschen mit Booten gerettet worden, aber auch wieder Menschen auf eigene Faust in bereits evakuierte Häuser zurückgekehrt – wie Nasar und Schnitzler. Die Flut sei sehr schnell gekommen. Senken hätten binnen zehn Minuten unter Wasser gestanden. Es habe kaum Zeit gegeben, die Menschen zu warnen. „Es ist eine katastrophale Lage, wie wir sie hier noch nie hatten“, sagt Rock.

Ständig kreist ein Hubschrauber über Blessem, Blaulichtsirenen heulen auf. Das Örtchen ist ein Katastrophengebiet. Ein Helfer, der durch Blessem stapft, sagt, dass man nicht ausschließen könnte, dass noch mehr abrutscht. Möglicherweise ist der Ort stark unterspült. Schwere Fahrzeuge fahren deshalb schon nicht mehr hindurch.

In der Innenstadt von Erftstadt rüstet man sich am Freitagnachmittag für das Schlimmste; das Zentrum liegt rund vier Kilometer entfernt von Blessem. Die Geschäftsleute haben ihre Läden mit Sandsäcken verbarrikadiert und in den Straßen kleine Dämme errichtet. Ständig bringen Bagger und Lastwagen neuen Sand und Säcke ins Zentrum. Alle packen dort beherzt mit an, auf dem Marktplatz schaufeln Anwohner, Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute den Sand in die Säcke. „Wir stehen hier zusammen“, sagt eine Frau, die Szene ist ein beeindruckendes Bild der Solidarität.

Die Lage bleibt weiter angespannt. Einige der Autobahnen rund um Erftstadt sind komplett gesperrt, Lkw stehen vor den Zufahrten zur Autobahn Schlange. In der Nähe stürzen Teile der gesperrten Autobahn 1 in den Fluss. Die Polizei versucht, den Verkehr zu lenken, so gut es geht. Vor Blessem hat die Einsatzleitung ihre Zentrale auf einem Parkplatz aufgebaut. Die Straßen in das überflutete Örtchen sind mit Flatterband abgesperrt. Dennoch werden die Absperrungen immer wieder missachtet. Wie gefährlich das sein kann, zeigt sich am Freitagmittag. Ein älterer Autofahrer steht plötzlich mit seinem Wagen 50 Meter vor der Abbruchkante. „Kann ich hier durchfahren?“, fragt er. Fast im letzten Moment wird er davon abgehalten und dreht.

In einer früheren Version des Artikels war von Todesopfern aufgrund des Hochwassers in Erftstadt die Rede. Diese Information von offizieller Seite hat eine Sprecherin des Kreises am Abend wieder zurückgezogen. Wir haben das im Text entsprechend aktualisiert.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Dramatische Hochwasser-Lage in Erftstadt