Herne vor dem Urteil gegen Marcel H.: 331 Tage nach dem Doppelmord

Herne 331 Tage nach dem Doppelmord : "Es muss weitergehen, das Haus kann ja nicht leer stehen"

Am 6. März 2017 tötete Marcel H. den neunjährigen Jaden und wenige Stunden später den 22-jährigen Christopher W.. Am Mittwoch wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Was spürt man in Herne fast ein Jahr nach den Taten? Eine Spurensuche.

Die Straße vor dem Haus Nummer 30b ist an diesem Morgen leer, nur ein Briefträger verteilt mit seinem Handwagen die Post in den Mehrfamlienhäusern der alten Bergarbeitersiedlung in Herne. Es nieselt, die feuchte Kälte zieht sofort in die Finger und Füße. So wie vor einem Jahr, als am 7. März 2017 dutzende Journalisten die Straße vor Nummer 30b belagerten.

Am Mittwochmorgen sind dort erneut die Rollladen heruntergelassen. Damals saß die Familie des neunjährigen Jaden dahinter und versuchte zu fassen, was bis heute - 331 Tage und viele Stunden im Gerichtssaal später - nicht zu fassen ist. Der Junge war am Abend zuvor das erste Opfer von Marcel H. geworden. Am Mittwoch wurde vor dem Bochumer Landgericht das Urteil gegen Marcel H. gesprochen. Die Taten hat er gestanden.

Im Imbiss von Georgios Haitidis stellte sich Marcel H.. Foto: Claudia Hauser

Der Vorgarten von Haus 30b gleicht einem Wallfahrtsort, hier manifestiert sich das Gedenken an den kleinen Jaden. In einem Blumenbeet links neben der Haustür stehen Kerzen, Fotos, Stofftiere und Superheldenfiguren und ein Din-A4-Blatt in Klarsichtfolie mit dem Spruch "Wir werden dich immer in Erinnerung behalten". Der Regen hat das Papier aufgeweicht, die Buchstaben verwaschen, die Sonne hat es an anderen Tagen ausgebleicht. Rechts von der Haustür steht eine Holzbank, darauf übergroße Teddybären, leicht zusammengesunken.

Im Haus 30c wohnt eine neue Familie. Dort hatte bis zu der Tat Marcel H. mit seiner Familie gewohnt — Tür an Tür mit seinem Opfer. Im Keller des Nachbarhauses ist Jaden gestorben. Im Fenster von 30c hängt eine Gardine, auf der Fensterbank stehen Pflanzen. Im Garten hinter dem Haus steht eine bunte Kinderrutsche aus Plastik. "Es muss ja weitergehen, das Haus kann ja auch nicht leer stehen", sagt die Inhaberin eines Friseursalons wenige hundert Meter von den Häusern entfernt. "Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, dass das wirklich passiert ist", sagt sie. "Der Marcel wirkte immer so schüchtern, wenn er hier vorbei ging", sagt sie und deutet aus dem Fenster.

Auch unter den Kundinnen ist der Mord an Jaden immer noch Thema. "Von der anderen Mutter hört man fast nichts im Radio", sagt sie noch. Der 22-jährige Christopher W., das zweite Opfer von Marcel H., bekam stets weniger mediale Aufmerksamkeit. Anders als Jadens Mutter begleitete seine Mutter kein Kamerateam im Gericht zum Prozessbeginn.

Auch in der Altbauwohnung von Christopher W. leben neue Mieter. Die Fassade des Hauses ist frisch gestrichen, es ist nichts mehr zu sehen von den Spuren des Feuers, das Marcel H. in der Wohnung des 22-Jährigen gelegt hat. Zwei Nächte hat er hier noch verbracht, nachdem er Christopher W. mit 68 Messerstichen schwer verletzt und dann mit einem Karategürtel erwürgt hatte. Weil ihm das Essen ausging und der Geruch in der Wohnung immer penetranter wurde, versuchte er schließlich, die Leiche seines Freundes anzuzünden. Als das misslang, legte er Feuer in der Wohnung und ging. Christophers Katze starb bei dem Brand.

Dann stellte sich Marcel H. im griechischen Imbiss "Thessaloniki Grill". Der Wirt erinnert sich noch gut an Marcel H.. "Er kam mit einem Schirm und einem Netz Zwiebeln", erzählt Georgios Haitidis von diesem 9. März 2017. "Vielleicht wollte er so tun, als käme er gerade vom Einkaufen." Als der schmächtige, schwarz gekleidete Junge ihm sagte, er solle die Polizei rufen, "ich bin Marcel, den sie suchen", habe er an einen Scherz geglaubt. "Er hat mir ein Handy gegeben und mich gebeten, den Akku rauszunehmen — er schaffte es nicht, weil sein Finger verletzt war", sagt Haitidis. Er habe dem Jungen geholfen. "Da hat er alles in den Mülleimer geworfen." Später zeigte der Wirt der Polizei den Inhalt des Eimers. Es war Christophers Handy, über das Marcel die Tage über Christophers Freunden und seiner Mutter vorgespielt hatte, alles sei gut, indem er ihre Nachrichten beantwortete.

Haitidis‘ Frau wählte damals den Notruf und gab das Telefon an Marcel H. weiter. "Es hat keine fünf Minuten gedauert, da standen vier Polizisten hier im Imbiss", sagt Haitidis. Das Paar kannte Christopher W.. "Er war ein netter Junge, hat hier zwei bis drei Abende in der Woche gegessen." Die beiden denken nicht mehr täglich an den Tag, als Marcel H. sich in ihrem Imbiss stellte, aber vergessen werden sie es nicht. In der Zeit nach der Tat hatten sie keine Wahl: "Das war alles wie in einem Film. Tagelang wurden wir belagert, alle wollten Interviews."

Haitidis und seine Frau finden, dass Marcel H. mit lebenslanger Haft eine gerechte Strafe bekommen hat. "Wenn der mit 35 wieder rauskommt, macht der das nochmal", sagt Haitidis. "Das glaube ich ganz sicher."

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