Herbert Reul: NRW-Innenminister wütend über Gewalt gegen Einsatzkräfte

Gewalt gegen Einsatzkräfte : NRW-Innenminister Reul platzt der Kragen

Wie schlimm steht es um die Verrohung der Gesellschaft? NRW-Innenminister Reul hat eine klare Meinung: Immer mehr Menschen fehlten Anstand und Respekt. Wie er das meint, erklärt er in einer Rede.

„Wir haben gegenüber Polizisten, Feuerwehrleuten, Sanitätern in dieser Gesellschaft ein Verhalten, das unter aller Kanone ist“, sagt Herber Reul auf einem Treffen in Troisdorf. Laut einem Bericht der „Bild“-Zeitung, traf sich der NRW-Innenminister dort mit der Landtagsabgeordneten Katharina Gebauer, dem Troisdorfer Bürgermeister Klaus Wernder Jablonski und dem Troisdorfer Feuerwehrchef Stand Gandelau. Rund 60 Menschen hörten zu, als Reul eine Rede über den Anstand in der Gesellschaft hielt.

Allein im Jahr 2016 seien 6000 Angriffe auf Helfer von Polizei und Feuerwehr gezählt worden. „Da sind die Beleidigungen, Bespuckungen oder mal Wegdrängen und dumme Sprüche noch gar nicht mit drin“, sagte Reul demnach. Dann machte er seiner Wut erst richtig Luft:

„Offensichtlich gibt es in unserem Land so eine Haltung, keine Mehrheit, nur ‚ne kleine. Aber ich finde, da müsste der Rest der Mannschaft auch mal aufstehen und sagen: Was ist das eigentlich für ein Scheiß-Laden hier? Was ist das für eine Gesellschaft, dass diejenigen, denen wir eigentlich Danke sagen müssten, auch noch beleidigt und angegriffen werden?“

Einsatzkräfte müssten immer damit rechnen, bei einem Einsatz selbst zu Schaden zu kommen. Und nicht nur das: „Es ist das Drängeln an der Unfallstelle, es ist das abends mit dem Sekt in der Hand Reden über den Blöden, der ein Knöllchen ausgeteilt hat, die Sprache ist da manchmal erschreckend. Ich will mich da gar nicht frei machen: Wenn man ein Knöllchen gekriegt hat, da fallen einem manchmal die übelsten Sachen ein“, räumt er in seine Rede ein.

Als aktuelles Beispiel nennt der Innenminister die Räumung am Hambacher Forst. Seit letztem Donnerstag sind dort 3500 Polizisten im Einsatz. Laut Gerichtsurteil sollen sie 50 Baumhäuser räumen. Aktivisten wehren sich dagegen. „Wenn im Hambacher Forst Polizisten Steine an den Hals kriegen, das ist ja auch schon normal geworden. Das geht nicht. Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass alle die Fälle benannt werden, erstens. Zweitens muss das verfolgt werden, soweit es geht. Und der dritte Teil: Ich glaube fest daran, dass man mit den Menschen etwas Gutes bewegen kann.“

Reul vermisse den Anstand in der Gesellschaft und fragte, wie es so weit kommen konnte. „Beim ‚Kinder-großwerden-lassen’ ist da was nicht richtig gelaufen. Dass das normal erscheint. Es ist nicht normal. Es ist unanständig. Punkt. Normal ist, sich ordentlich zu benehmen. Und da gehören auch bestimmte Regeln dazu, wie man miteinander umgeht.“

Dann sprach der Minister darüber, dass Gewalt heute viel mehr ausarte. „Auf Schulhöfen oder Schützenfesten – Schlägereien gab‘s immer mal. Aber heute kommen die Messer. Früher auf dem Schulhof: Geschubst wurde immer, fiel auch schon mal einer hin, hatte die Hose kaputt, ist mir auch schon passiert. Aber dass man dann noch drauftritt, das ist neu. Da ist irgendwas zusammengekommen: Verrohung, Respektlosigkeit, die Haltung.“

Kampagnen reichen laut Reul nicht, um diese Haltung zu verändern. Der Innenminister wünscht sich eine Welle, wie sie bei anderen Themen entstehen würde. „Rettet die Schildkröte oder den Oberhamster oder den Unterhamster – da gibt es riesige Wellen und die Leute machen sich stark, riesige Begeisterungsstürme. Und wir kriegen es nicht hin, eine Stimmung zu erzeugen, dass man anständig miteinander umgeht?“ Er gebe die Hoffnung nicht auf. „Das glaube ich nicht, dass wir das nicht schaffen. Ich glaube, es machen zu wenige. Da hilft kein Gesetz der Welt, auch kein Prospekt. Alle, die betroffen sind, und deren Umgebung und deren Freunde, wenn die schon mal alle aufstehen – ich wette, das gibt was.“ Tugenden leben und mit gutem Beispiel voran gehen, das sei die einzige Lösung, so Reul.

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